Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 16 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Seite 5 nehmen und in gesunder Denkart sich dem Worte des Herrn zuwenden und seiner Führung folgen würde, dann könnte das Reich Gottes ohne weitere Schwierigkeiten und Leiden beginnen. Sie werden es nicht tun." Profitmacher, die das Volk nicht ausrauben, Politiker, die aufrichtigie, ehrliche Vertreter des Volkes sein wollen, Geistliche, die sich von unheiligen Bündnissen lossagen, schließlich das Volk, das Ruhe und Vernunft annimmt, was braucht es mehr, um solche Forderungen auf Treibereien der .luden zurückzuführen, die 'damit nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben, wollen. d. Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland. Von Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e (Schluß)' Jona, Ruth, das Hohelied und die Psalmen stammen nach Mückle von den Frömmsten der Frommen und „gewiß haben gerade auch die in den Evangelien so geschmähten Pharisäer in den Liederkranz der Psalmen manch feine Blüte eingebunden . . . es ergibt sich, daß lange vor dem Auftreten Jesu heilige Wässer die Seele Judas befruchteten." Wie oft und wie lange ist diese Tatsache geleugnet worden! Nach einer Polemik gegen Spenglers Behauptung, daß jede Kultur rettungslos der Zivilisation verfällt, aus der es keiner^ Ausweg mehr gibt und gegen Sombarts Ausführungen über den Geist des antiken Spätjudentums, die sich nach ihm als unhaltbar erweisen, wendet sich der Autor zu den Erei'gnisseji des •Er sinkt wieder zurück in das Gefühl des Ge- Qualts2ins. In herrlicher Landschaft weilt er zwar. Aus den Felsen strömen die Quellen, stürzen sprudelnd über Klippen und Hänge, ehe sie sich einen zum ruhigen Flußbett des Jordans. Aber dieser Sänger hat keinen Sinn für die Schönheit des Berglases. Ihm wird das Wirkliche nur zum Gleichnis. So wie die Wasser, übermütig alle Hindernisse überspringend, gleichsam mit weithin schallenden Wort sich zur Vereinigung rufen, so ist's ihm ein Bild, wie von allen Seiten ihn selbst Hohn, Spott und Unheil bed'räuefn und übersprudeln. Da, „wie einen Mann seine Mutter tröstet" (Jes. 66, 13) in 'dem Gefühl des höchsten Leides, tönt wieder das besänftigende Wort: „ Was bist du so gebeugt meine Seele und bangst ki mir". Man '(braucht nur eine Zeile dieser zweiten Strophe 'herauszuheben, um zu erkennen, welch eine dichterische Kraft sie gestaltet hat. „All deine Wogen und Wellen mich überströme^ sie". Kol mischba, reeha w'galecha — aläi awäru. Wie zwingend ist mit dem sich überstürzenden Rhythmus und dem Zusammenklang des Reims das rauschende Ueberfluten gemalt. Ergreifend hebt das stark betonte „über m i c h" nach der Cäsur den Duldenden hervor, über den alles hereinbricht. Rein technisch betrachtet, erinnert der Satz an jenen genialen Vers Klaus Groths in seinem. Gedieht Aanten int Water: Jahres 70. „Trotz des schrecklichen Krieges, dem Fall Jerusalems und dem Zusammenbruch jeder politischen Selbständigkeit zerbrach d'as Volk mit nichtert, sondern richtete sich wieder auf, indem es Vertrauen schöpfte aus dem Gesetz, das kein römischer Kaiser vernichten konnte, so lange das Herz eines auf Jahwe bauenden Juden schlug.' (Wie schön wäre dieser Satz, wenn statt des Wortes „Gesetz" „Lehre" stünde! Der Referent.) „Es liegt etwas Erhabenes in diesem verwegenen selbst durch die schrecklichen Niederlagen nicht zu bändigenden Nationalstolz des kleinen jüdischen Volkes, der Ausfluß eines Machtwillens, wie er sich gewaltiger nirgends in der Weltgeschichte gezeigt. In dieser Zeit haben in Juda große willens- und gefühlsmächtige Persönlichkeiten eine Rolle gespielt, wie Johannes, Jesus, Paulus . . . Die Mystik hat diesen erlauchten Geistern besonders den Weg bereitet . . . jüdische Leidenschaft der Liebe und des Grolles ist auch in ihnen wach ... sie verwerfen das Gesetz nicht, sie lebten mit dein Volke, besonders mit dem proletarischen, aber wie sehr gerade Jesus auch dem Einfluß der Masse unterliegt, er, sowohl wie Paulus und Johannes stehen hoch über dem unbändigen, von aller Bildung unberührten Volke . . . Von ihnen bleibt der über die Schranken der Nation hinausweisende Zug der alten prophetischen Frömmigkeit gewahrt." Johannes der Täufer, ein Vorbote der neuen Kultur, des Christentums, ist ein Prophet vom alten Schlage, der H e r o d e s nach Prophetenart begegnet. In seine Fußstapfen tritt Jesus, der schlichte Prophet, der eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hat wie wenige Menschen. Wer nun wirklich mit dem Geist der jüdischen Kultur vertraut ist, wer zudem noch die Stimmung der Zeit, „All dat warm Water löppt blank vunne Nack!" Auch hier die wundervolle Naturnachahmung des herab fließenden Wassers im dichterischen Wort, wenn auch der. Stirnmungsgehalt von ganz anderer Prägung ist. Der tröstende Selbstzuspruch des Kehrreims am Schlüsse der zweiten Strophe läßt die ersehnte Befreiung nur noch heftiger herbeiwünschen. W ie ein Aufschrei aus gequältem Herzen klingt die Forderung nach dem göttlichen Gericht, das die endliche Entscheidung bringen soll und muß. Seine Widersacher sind ein unfrommes, liebloses Volk und ein Gewaltmensch — sollen sie recht behalten? Muß er die Drangsale der Fremde, der Feinde erdulden? Erscheint es nicht wirklich so, als ob Gott ihn in Stich gelassen habe? „Warum hast du mich verstoßen?" Aber das zweifelnde Gefühl der Gottesferne kann dieses fromme Herz nur einen Augenblick quälen. Die Zuversicht siegt und läßt ihn beten und im Gebet seinen Frieden finden. Gottes Freuden - helle und Treue — das ist sein inniges Flehen — mögen wie lichte Engel ihn heimbegleiten. Heim! — das ist ins Heiligtum, wo er Gottes Altar sich wieder nähern diarf und seinem Gott mit Harfenklang danken kann. An der Art, wie der Trostspruch des Kehrreims die Strophen schließt, spürt man die feine Künstlerhand. Der Hintergrund, von dem sich dieses