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Die Wahrheit · 1923-08-01 · Heft 15 (1.8.1923) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 15 (1.8.1923)
Date
1923-08-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 DIE WAHRHEIT Nr. 15 Formen, in welchen dieser Hunger sich in der Geschichte geäußert hat und heutzutage in der ganzen Welt vorherrscht. Religiös genannte Institutionen haben Dogmen und „Offenbarungen", Glaubenssätze und Ritualien mit einer sie hütenden -Kaste festgelegt, die eine übernatürliche Betrauung für sich in Anspruch nimmt. Durch solche Einrichtungen werden die moralischen Bestrebungen des Menschengeschlechtes, die Regungen der Kindheit und das Trachten der Jugend zu Vorrechten und zum Betriebskapital kirchlicher Hierarchien gemacht. Es ist der Leitsatz dieses Buches, daß „Religion" in diesem Sinne die Quelle des Einkommens von Schmarotzern und die natürliche Verbündete jeder Form von Unterdrückung und Ausbeutung ist." Sinclair hat sich die Aufgabe gestellt, mit großem Fleiß und vieler Mühe alles von der frühesten Zeit bis auf die Gegenwart zu sammeln, was seine Theorie stützen soll, daß die herrschende Staatskirche stets auf Seite der Besitzenden gegen die Besitzlosen war. Der Verfasser macht hierbei keinen Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus; zwischen der alten und der neuen Welt Er zieht sich nicht auf vage Behauptungen zurück, sondern hat für alles „historische und archivarische Belege, also Tatsachen, die sich nicht leugnen lassen." Vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der Herrn Hussarek bis zur Besinnungslosigkeit erregt hat, so daß, wo ihm Begriffe fehlten, zur rechten Zeit das Schimpfwort „Schurke" sich einstellte. Es ist wahr, 'daß Sinclair mit der katholischen Kirche besonders scharf ins Zeug geht, daß er sie für die Greuel der Inquisition, für die schändlichen Hinrichtungen Giorganio Brunos und Johann Hus\ letzten Endes «irr den Weltkrieg verantwortlich macht. Diesbezüglich sagt er: „In Oesterreich z. B., dem Oesterreich als Führer und Wächter der heiligen Allianz, dem Oesterreich, das keine Reformation, keine Revolution, keinen Kulturkampi hatte, dem Oesterreich, in dem das Einkommen des katholischen Primas jährlich 65.0U0 Dollars beträgt! Mit anderen Worten: Oesterreich ist noch in weitem Maß ein „Priesterreich", und Oesterreich war es, das den Krieg begonnen hat, ihn als Religionskrieg gegen ein slawisches Volk begonnen hat, das den heiligen Vater nicht als den Herrscher der Welt anerkannt, sondern der riiehtuniertfen Kirche angehört." Auch mit dem deutschenZentrum,das einst dien Kuhhandel mit Bismarck schloß, geht der scharfe Schmutzaufwirbler strenge ins Gericht. Fast jede Seite seines Buches bringt bezeichnende Ausdrücke führender Kirchengrößen, gegen Freiheit und Recht. Tiefe Ergriffenheit des Lesers wechselt mit stiller Heiterkeit, wenn der Verfasser seinen wild-westlich grimmigen Humor des öfteren spielen läßt. Religion und Profit war bei uns das Buch der Saison 1922. Es kann sich wieder dazu qualifizieren, dank der werbenden Kraft des Schimpfrezensenten Dr. Hussarek._._:__d. Das überzeugende Recht und die hinreißende Kraft, die Jugend zu unseren Idealen von Glauben, Vaterland und Staat hinzuführen, ist uns gewonnen, sobald wir Glauben, Vaterland und Staat zur unverkümmerten geistigen und seelischen Heimat eines jeden, wes Standes und Bekenntnisses er sei, geschaffen haben. (Rathenau.) Vermischtes Professor Wilhelm Jerusalem. Mittwoch, den 18. d. M. fand auf dem Döbliiniger Friedhof die Beerdigung des berühmten und in aler Welt hochverehrten jüdischen Gelehrten Professor Dr. Wilhelm Jerusalem statt. Die Elite des geistigen Wien fand sich bei idiesein Anlasse ein, dem Manne der Wissenschaft und Edelmeuschen dlie teitzte Ehre zu geben. An Ehren reich war sein ganzes, der Forschung gewidmetes Leben, Erkenntnis sein Leitstern und tiefe Ethik der Pfeiler seiner Lehrtätigkeit. Diese Gedanken gaben dem ergreifend schönen Nachrufe das Rabbiners Dr. Feuchtwang an der Bahre des Verblichenen Inhalt urtd formvollendeten Ausdruck. Namens der philosophischen- Fakultät, der Jerusalem zur Zierde gereichte, sprach Professor Dr. Junker. Auch Professor Meister fand treffliche Worte des Nachrufes; für die Mittelschullehirersdiait und im Namen der Regieruirijg Ministerialrat Dr. Ortmann. Mit erhebendien Kundgebungen begleiteten Redner ans der Reihe der ehemaligen Schüler des großen Lehrers und der Bnai Brith die überwältigende Leichenfeier. Die Trauergesänge rezitierte Kantor L- Funke in ergreifender Weise. ' Alexander Marmorek. In der Vollkraft seines wissenschaftlichjen Forsohens und Schaffens ist der nach seinem Lehrer Prof. Pasteur bedeutendste Bakteriologe dieser Schule Alexander Marmorek aus dem Leben geschieden. Die Wissenschaft beklagt in dem Hinscheiden dieses trefflichen Mannes einen schweren Verlust, das Judentum eine seiner leuchtendsten Zierden und der Zionismus eine der wehmütigsten Erinnerungen. Denn von dem Dreigestirn Herzl-Ncrdau-Marmorek ist nun auch dieser letzte Glanz erloschen. Alexander Marmorek widmete sich in frühen Mannesjahren begeistert und begeisternd der volkbefreienden Palästinaidee, war auch später auf der Höhe seiner epochalen Arbeiten mit Rat und Tat bei der Sache. Gründe, die von den Zionisten unerörtert bleiben, und die auch wir deshalb nicht zur Diskussion bringen wollen, veranlaßten den bisher eifrigen Bekenner den geräuschvollen Vordergrund des politischen Zionismus zu meiden. In diesem Zusammenhange wurde Alexander Marmorek immer seltener in der Oeffentlichkeit genannt, desto eifriger in der weiten Gelehrtenwelt und das ist eine Tatsache, auf die mehr stolz zu sein die Judenheit alle Ursache hat. Zur Erinnerung an Dr. Gerson Wulf. (Anläßlich der Sekulargedenkfeier seines 100. Geburtstages.) Wenige schlichte Worte treuen Gedenkens und pietätvoller, dankbarer Erinnerung seien dem Andanken an Dr. G. Wolf gewidmet, dessen 100. Geburtstag — wie in einer kurzen Notiz in der letzten Nummer dieser geschätzten Zeitschrift gemeldet wurde — auf den 16. dieses Monats fiel. Ueberzeugt, daß die verehrliche Redaktion mir gerne einige Zeilen dieses Blattes zur Verfügung stellen wird, drängt es mich, dem Manne ein kurzes Gedenkwort zu widmen, unter dem und durch den ich vor 40 Jahren in den Lehrberuf eingeführt wurde und von dem ich so manche Förderung erfuhr. Es soll und kann nicht meine Aufgabe sein, eine Aufzähung seiner zahlreichen wissenschaftlichen Werke, Abhandlungen und Broschüren zu halten oder g;ar in eine nähere Besprechung und Würdigung derselben für die Geschichte der Juden zumal in Wien und der Wiener Kultusgemeinde einzugehen; die mir selbst gegebene Raumbeschrän-

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