Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 15 (1.8.1923)
- Date
- 1923-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 15 Ein Jahr nach dem Rathenaumorde. Bei der Frankfurter Rathenau-Gedenkfeier des Demokratischen Vereins am Sonntag, den 24. Juni, wies der Abg. Pfarrer K o r e 11 in seiner von warmen menschlichen Impulsen getragenen Gedächtnisrede an der politischen, wirtschaftlichen und moralischen Unterbilanz des verflossenen Jahres in erschütternder Weise nach, wie irrig der blöde Fanatismus kalkulierte, da er meinte, mit der „Beseitigung des jüdischen Ministers" dem deutschen .Volke den Weg zum Wiederaufstieg freizulegen. Auf die Frage, wordin. die Kraft Rathenaus lag, antwortet Koreli mit Worten, die wir auch dann weiterverbreiten müßten, wenn sie nicht einem unserer Stammesgenossen gälten: „Was Rathenau über die Alltäglichkeit so weit emporhob, war sein Wesen. Wir sehen hier einen Herrscher der ganz auf das Diesseitige eingestellten Industrie mit seinem Geist und seiner Seele auf den Pfaden des Unsichtbaren, des Transzendenten, des Ewigen wandeln. Gespeist mit der Nahrung der antiken Weisheit und dier Heiligen Schrift, wußte Rathenau um die Geheimnisse, die hinter der Sinnenwelt sind, und kündete kraft seiner Intuition prophetisch von kommenden Dingen. Daß im individuellen wie auch im kollektiven Leben das Gesetz vonSchuldund.Sühne walte, war eine seiner Grundüberzeugungen, doch hat er niemals und nirgends über einen Menschen überheblich den Stab gebrochen; von grenzenloser Milde und Güte hat er selbst dort, wo ihm Haß und Feindschaft entgegenschäumte, die Meisterschaft des Verstehens bewährt, hat er sich vor der Tragik schicksalhaften Geschehens immer in Demut gebeugt." Die reichsten Männer der Welt. Die „New York Times" hat die zehn reichsten Männer der Welt ermittelt und zählt sie nebst ihrem Vermögen auf wie folgt: Henry Ford, der Automobilbauer, 550 Mill. Dollar, John D. Rockefeller 500, der Herzog von Westminster 150, Sir Basil Zaharoff, Hugo S t i n n e s, Percy Rockefeiler, Baron H. Misui, Baron K. Iwasaki, J. B. Duke und George F. Baker je 100 Mill., der Goekwar von Barodi 125 und T. B. Walker 100 bis 300 Mill. Unter den zehn reichsten Männern befindet sich also kein Jude, dagegen aber zwei bekannte Antisemiten. Beim Beizer Raw. Die „Wiener Morgenzeitung" bringt — wir erfahren nicht aus welcher Quelle — das Interview eines Kaschauer Journalisten beim Großrabbiner von Beiz, der zurzeit in Nagymihaly residiert. Die Ausfragerei sollte sich um die Ansicht des Wundermannes über den Bolschewismus drehen. Wir können weder dem Kaschauer Journalisten noch den Herren in der Taborstraße für die Veröffentlichung ,des gedachten Artikels danken, haben vielmehr die Empfindung, daß er dem berühmten Wundennanne nicht zum Ruhme gereicht. Der große Raw äußerte sich nämlich zur Sache ebenso rückhaltig wie naiv, was beinahe vermutten läßt, der große Gelehrte habe sich über seinen Besucher lustig machen wollen, gegen welchen Verdacht ihn aber die hohe Würde seines Amtes schützen müßte. Außerdem wird einleitend von dem Besucher allerlei erzählt, was wie Dalai Lamismus anmutet und bei den Judenfeinden als gefundenes Fressen begrüßt werden könnte. , „Jüdische Solidarität", so schreibt das nationalsozialistische Organ verzweÄnngsyoü, „hat es z u w e g e gebracht, daß uns das P1 a k at i e r e n unmöglich gemacht i s t." Das ist freilich eine schmerzliche BeMinderunig der hakenkreuzlerischen Propaganda, zumal ja dlas Plakatieren eine viel unigefähnlichere Form dlef Hetze ist als etwa Versammlungen und Straßeinaufzüge, die von den Arbeitern leicht gestört werden und immerhin ein Quantum persönlichen Mutes erfordern. Die nationalistische Parteileitung fordert daher „alle arischen, volksbewußten Hausherren" (!) auf, die Wandflachen inner Häusler für hakenkreuzl arische Plakate zur Verfügung zu steten. „Höchste Eile tut not! Die Wahlen stehen vor dier Tür! Wer nicht will, daß der Freiheitsbewegung des dieuitschen Volkes (!), und wenn es den Hebräern einfällt, überhaupt jeder antisemitischen Partei eines der wirksamsten Propagaridamittel dauernd entzogen werde, der stelle seinem Mann!" Und seine Mauer! Es ist sehr bemerkenswert, mit welcher Inbrunst die Hakenkreuzler, die ja doch mit ihren Segnungen die Arbeiter beglücken wollen, sich an die höchprozemigen arischen Hausherren wenden, denen eine gesunde „Mietwurzen" ohne Rücksicht auf die Konfession immer lieber ist alls „Volksbewußtheit" und „Freiheitsbewegung". Aber immerhin — die Plakatenpest ist beseitigt und sie wird weder mit noch ohne arische Hausherren wiederkehren. Aus dem Irrgärtleln der Dummheit. In Nr. 205 des „Hammer" schreibt Arnold Wageimann unter dem Titel „Schafft dleuteches Recht": „Was ist deutsches Recht?" Und damit sich kein gfeehrter Leser über dieses Problem erfolglos den Kopf zerbreche, gibt er sielbst Bescheid. Kein Gesetz, sondern eine sittliche Forderung, da sie aus dem Bedürfnis unseres ererbten Blutes entspringt. Wie es ein Recht ohne Gesetz gebsn kann, ist schwer faßbar. Es wäre dtenm dais Recht, das mist uns geboren, aber von dem ist nach Goethes Behauptung nierrtals die Rede. Bleiben wir also, um Herrn Arnold Wagemann gefällig zu sein, bat jenem deutschen Recht, das aus dem Bedürfnis ererbten Blutes entspringt, dann kommen wir an Hand1 der älteren Welt- und Kulturgeschichte zur Belehrung, deutsches Recht ist das Rechlt, kraft welchem dar Edeliihg dem arglosen Kaufmann auflauern, seines Gutes berauben und gegen Lösegeld auf der Burg gefangen halten konnte, oder aber, wenn der Bürger hinlänglich bewaffnet war, an einem Baum seines herrschaftlichen Baumes kurzer Hand gehängt wurde- Deutsches Recht war das jus primae noctis, das von der erst verheirateten Bauerstochter den Tribut des Körpers forderte. Deutsches Recht warf zehnitausende schuldloser Frauen unter der Beschuldigung der Hexerei auf den Scheiterhaufen, idJes'glieüchen Juden; wenn sie nicht als Kammerkfleehte dies Kaisers sich allerhöchsten Schutz erkauft hatten. Mit einem Wort: Unterdrückung der schwächeren Lebensgenossen, was Herr Wagemann als Wesensart des Orientalen