Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 15 (1.8.1923)
- Date
- 1923-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064121-3064136--12277-3079721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S*M««*a Hlasa Veröffentlichungen jiS^4 ÖSP -' 5 Paatanavbsisseii« Konto „Union deutschösterreichischer Juden" Postsparkassen-Konto 5 Nr. 9464 S Telephon Nr. lg-2-77 j; Cnd noch einmal Bolschewismus und Judentum. In der „C. V.-Zeitung'; bespricht Herr Stern (Berlin) neuerdings die schlagenden Beweise, welche Dimitri B u 1 a s c h i n gegen die von den Antisemiten aller Länder verbreitete und leider auch von anständigen und ehrlichen Politikern im guten Glauben übernommene, und weitergegebene Legende, daß die überwiegende Mehrzahl der bolschewistischen Führer Juden seien, in seinem Buche „Die Nutznießer des Bolschewismus" ins Treffen führt. Wir geben den instruktiven Artikel nachstehend im Wortlaut wieder, weil diese Legende vor Kurzem auch im österreichischen Nationalrat als eine „historische Wahrheit" bezeichnet wurde. Stern schreibt: In drei Stufen vollzieht sich der Werdegang des radikalen Antisemiten von heute: der Ausgangspunkt ist eine bestimmte Ueberzeugung, mitunter auch.nur ein unbestimmtes Gefühl vom Anderssein dem Juden gegenüber. Auf diese Einstellung als Fruchtboden kommen die Samenkörner einer unkritischen Betrachtung von unleugbar bedenklichen Einzelerscheinungen und Einzeltatsachen; und als Frucht ergibt sich, unter vollständiger Ausschaltung der Reflexion, die Folgerung: die Juden sind das Unglück. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist subjektiv blinder, hemmungsloser Haß, objektiv die Legende. Die behauptete Identität von Judentum und Bolschewismus ist unbedingt die gefährlichste aller derartigen Legenden. Darum die gefährlichste, weil in sie alle übrigen Legenden einmünden, und weil die Furcht vor dem Bolschewismus international ist. Nur ein gemaiisr Kenner der russischen Verhältnisse kann es versuchen, in den Widerstreit der Meinungen über das Wesen und die Träger des Bolschewismus Ordnung zu bringen. Einen solchen berufenen Aufklärer dürfen wir wohl in Dimitri Bulaschow sehen, der mit seiner, verdienstvollen Schrift „Die Nutznießer des Bolschewismus" jedem, der sehen will, ein Licht aufgesteckt hat. Diese Schrift liegt nunmehr in dritter, gänzlich umgearbeiteter Auflage unter dem Titel „Bolschewismus und Judentum" vor*). Es handelt sich also um eine Tendenzschrift, aber um eine solche, die ein sittliches Ziel verfolgt: ein raffiniert gewobenes Lügennetz zu zerstören, und zwar mit einwandfreien Mitteln: mit Zahlen und Tatsachen. Zunächst gilt es dem Verfasser, die Zahlen- und Ansiedlungsverhältnisse der Juden in Rußland klar- » zustellen. Unter 120 Millionen lebten vor dem Kriege etwa 7 Millionen Juden in den Ansiedlungsgebieten, 200.000 im übrigen Rußland (Großrußland). „Wie kommt es nun," fragt Bulaschow, „daß der Bolschewismus in Großrußland zur Herrschaft gelangte und nicht in den Ländern des Ansiedlungs- *) Philo-Verlag, Berlin 1923. rayons?" Das ist das erste Rätsel für antisemitische Köpfe, und aus ihm ergibt sich sogleich das zweite: woher nimmt die Handvoll Juden die physische Kraft, 120 Millionen zu beherrschen, Gegenrevolutionen niederzuschlagen, Außenangriffe abzuschlagen? „Sie haben die geistige Kraft, mit der sie die physische des russischen Volkes binden — wie bei uns", antwortet der Antisemitismus. „Von 703 Regierungsmännern in Rußland sind 664 Juden, von 22 Volkskommissären (Ministern) sind 18 Juden", meldet „La Vieille France" in Paris. „In den einzelnen Räten (Ministerien) sitzen 80 v. H. Juden", schreibt Henry Ford im „Internationalen Juden". Und tausend andere beten es nach. Wie steht es in Wirklichkeit? Unter 18 Volkskommissären waren im Sommer 1922 zwei Juden (Trotzki und Dowgolewski), unter ungefähr 150 Rätemitgliedern etwa sieben — statt der 80 v. H. Fords. Die zahlreichen deutschklingenden Namen, die größtenteils echten Stammesdeutschen zugehören, werden eben kurzerhand als jüdische angesprochen, während zum Beispiel selbst die jüdischen Arbeiterbünde entschieden antibolschewistisch gerichtet sind. Soviel über die aktive Teilnahme der Juden am Bolschewismus und die Stellung der jüdischen Massen zu ihm. — Ebenso wichtig ist natürlich die Klärung der Frage, welche Stellung die Juden in der Entwicklungsgeschichte des revolutionären Gedankens fn Rußland gespielt haben. Gehörten sie auch zu den „Vätern des Bolschewismus"? Die Antwort auf diese Frage ist leichter zu geben als auf die erste, weil es sich hier um ein längst aufgehelltes Kapitel der neueren russischen Geschichte handelt. Wir kennen die Aufzeichnungen der großen russischen Revolutionäre wie die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Massen. Wir wissen, welchen Kreisen die Attentäter entstammen und können Schritt für Schritt verfolgen, wie die Angehörigen sogar der bevorzugtesten Schichten, wie des Hofadels, durch die Zarenwirtschaft dem Nihilismus in die Arme getrieben wurden. Die Memoiren des Fürsten Krapotkin geben ein anschauliches und fesselndes Bild einer solchen Entwicklung. Bulaschows Ansichten decken sich mit dem Bilde, das uns die Geschichte gibt, und diese Uebereinstimmung kann natürlich nur die Ueberzeugung von der Objektivität des Verfassers auch in den übrigen Fragen stärken. Die Väter des Bolschewismus von heute, die „großen" Nihilisten, waren ausschließlich Nichtjuden, teils Angehörige des höchsten Adels (Krapotkin, Herzen), teils echtrussische Intellektuelle. Den unmittelbaren Anlaß für ihre politische Entwicklung gab ihnen naturgemäß die tägliche Erfahrung; aber die Ideologie, die jeder Bewegung erst den Schwung und die Stoßkraft gibt, woher hatten sie die? Wenn man den Antisemiten glauben darf, von Marx, nur von dem Juden Marx. — Und in Wirklichkeit? Bulaschow zitiert als Kronzeugen den ehemaligen Professor Massaryk, jetzigen Präsidenten der Tschecho-