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Die Wahrheit · 1923-08-01 · Heft 15 (1.8.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 15 (1.8.1923)
Date
1923-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 DIE WAHRHEIT Seite 7 liegen. Wir wissen, daß wir uns heute eben in Zeiten weltwirtschaftlicher Not auf einem Wellenberge des Judenhasses befinden, auf den aber zweifellos wieder ein Wellental folgen wird. Und nun zurück zu jener schlimmen Zeit des schwarzen Todes! Wir wissen, daß auch die Juden dieser entsetzlichen Seuche in den zusammengedrängten Städten genau so erlagen als die Christen, der Verdacht der Brunnenvergiftung, der gegen sie erhoben wurde, war um so törichter, als sie mit einer solchen Wahnsinnstat sich selbst auch vernichtet hätten. Aber was wird in Zeiten fürchterlicher Erregung nicht alles geglaubt! Mit dem Mittel der Folter konnte man dann schließlich geängstigten Menschen jedes Geständnis erpressen. So rast der Judenmord über Europa. In der Provence, in Südfrankreich fing es an, Savoyen, Burgund, die Schweiz folgten, dann Bayern und Schwaben, in Stuttgart und Augsburg kam es zu Judenschlachten, dann ging es weiter am Rhein entlang, aber auch in das Innere Deutschlands drang das furchtbare Gemetzel hinein. Thüringen und Sachsen schlössen sich an, nur Norddeutschland blieb in der Hauptsache verschont. Im September 1349 wurden die letzten Schutzjuden des Herzogs von Oesterreich in Krems hingemeuchelt. Ziehen wir nun noch die Resultate aus den mitgeteilten Tatsachen. Es kam nicht zu einer allgemeinen endgültigen Vertreibung der Juden aus Deutschland. Man kam nicht ohne sie aus, da sie ja eine erhebliche Einnahmequelle bildeten, aber ihre Lage verschlechterte sich bedeutend; nun erst drängte man sie in die Ghettis zusammen und in der jüdischen Seele entstand infolge der ausgestandenen Nöte eine furchtbare Depression, die dann den Typ des verschüchterten Juden hervorbrachte. Ihre „Heimat" hatten sie in den deutschen Städten verloren, wenn sie auch ihren Wohnsitz behielten. Die deutschen Städte aber blühten auf, den jüdischen Konkurrenten hatte man sich in der Hauptsache vom Leibe geschafft, der Volkswille hatte durch diese schaurigen Taten wenigstens teilweise sein Ziel erreicht. Dies Aufblühen aber ist nicht durchaus auf Rechnung des Judenmordes zu setzen, sondern auch auf Reformen, wie sie nach dem Auftreten der verheerenden Seuche sich als notwendig erwiesen hatten. Die deutsche Volkskraft hat die Menschenverluste des schwarzen Todes rasch wieder ausgeglichen. Was ist nun aus den Geschehnissen für die jüdische Zukunft zu lernen? Meines Erachtens nach dies: Es bedeutet stets eine Gefahr, wenn in einzelnen Berufen die Zahl der Juden überwiegt. Das Problem der Berufsumschichtung, dem man lange nicht in dem genügenden Maße nachgeht, muß zu lösen versucht werden. Die gleichmäßige Verteilung der Juden über alle Berufe im Staate kann als Vorbeugungsmaßnahme gegen Judenverfolgungen nach den Lehren der Wirtschaftsgeschichte entschieden aufgefaßt werden. _ Taufe-Dissidententum-Herzl. Wie man Gott für seine Gaben danken soll, indem man sie mit anderen teilt, so kann man auch für ein gutes Buch nicht besser danken, als indem man anderen empfiehlt, die Fnenden seiner Lektüre zu genießen. Heute sind es .drei Memoiremwerke, die mir zu gleicher Zeit eine günstige Fügung auf den Tisch gelegt hat und die mir leinen Genuß bereiteten, den ich gern allen Lesern der „Wahrheit" gönne. Das erste scheint nun freilich aim wenigsten hierzu geeignet. Es sind die Jugenderinnemnlgien einer Getauften, einer der vielen, die uns den Rücken gekehrt haben und in, das Meer der anderen Welt, die uns umgibt, untergetaucht sind. Aber gerade, wie sie ihre Taufe schildert, wie sie eingestandenermaßen nur über eine Lügenibrücke hinüber konnte, das ist für uns Juden höchst beachtens- und beherzigenswert. — Therese Devrient, die, aus einem kleinen praissischen Städtchen stammend, durch ihre Heirat die Tante unseres Burgschauspielers Max Devrient geworden ist, schildert in ihren „Jugenderinnerungen" das alte Hamburg ans der Zeit der Franzosenbesetzung, die Erscheinungen zeitigte, wie sie jetzt wieder im Ruhrgebiet alltäglich sind. Auch das Berlin der R a h e 1 und Felix Mendelssohns mit Zelter und anderen Gestalten aus der Zeit der deutschen Klassik und Romantik zieht an uns vorüber. Köstlich ist da eine Szene am Tische Salomo n Heines zwischen diesem Onkel des „ungezogenen Lieblings der Grazren*' und seinem hier schiecht abschneidenden berühmten Neffen u, v. a. Aber eindriiickvoll vor altem ist die Darstellung frommer jüdischer Milieus und die Haltung des Vaters der Heldin des Buches, wie er, wenn auch dem jüdischen Leben in vielem entfremdet oder vielmehr gerade deshalb, in bitterster Zerknirschtheit einsam mit glühender Inbrunst seinen Jomkippur hält, wie er, nach alter Vätersitte, mit frommen Glauibemsibrüdern vereint, seine letzten Gebete spricht. Therese gibt, dem Manne ihrer Wahl zu Liebe, ihren jüdischen Glauben auf. Sie wußte nichts vom Judentum. Im Elternhaus hatte man es abgestreift. Und dennoch, als sie den Unterricht im fremden Glauben aufnehmen soll, fällt es ihr schwer auf die Seele: „Meinen Glauben wollt ich hingeben, meinen G&uben, dem ich der Ausübung nach längst nicht mehr angehörte, und der mir jetzt, da ich ihn 'lassen sollte, lieb war wie ein alter Bekannter, an den uns nichts als die Gewohnheit fesselt und der dennoch in der Abschiedsstunde uns wert und teuer erscheint. Meine Kirche war überall, wo ich zu Gott betete, mein Vertrauen, und meine Zugehörigkeit zu ihm war so fest, so unerschütterlich, daß ich keines Vermittlers bedurft hätte." Und als ihr der Pastor auseinandersetzt, daß nur der Christ in das Himmelreich komme, ruft sie verzweifelt aus: „Unmöglich, das wäre ja lieblos und ungerecht; also ein Mensch, der fromm und gut ist, in Liebe und Sanftmut sein Leben hingebracht hätte, wäre ausgeschlossen von der ewigen Seligkeit, weil er zufällig als Jude geboren ist, jüdische Gebräuche ihm anerzogen sind? Ich verstummte; Tränen traten mir in die Augen, ich weiß nicht, ob vor Wehmut oder Entrüstung. Herr, mein Gott, dachte ich, wie kannst du Gedul'&ha'ben mit all der Verkehrtheit und: dem Unsinn der Menschen! Ich hasse eine Reliigion, die zu solchen Verdrehungen Anlaß geben, die so hochmütige Ueberheibungen gestatten konnte. Ja, ich war so aufgeregt, daß ich in dem Augenihlick eher Eduard

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