Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 15 (1.8.1923)
- Date
- 1923-08-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 15 verspürt, auch die Juden der Antike! Ist es doch in seelischer Hinsicht nahe verwandt mit den Völkern des Abendlandes, namentlich mit den Deutschen." (Schluß fog!) Die Judenverfolgungen zur Zeit des schwarzen Todes. Von Dr. Willy Cohn. Es dürfte gerade in der heutigen, so unsicheren Lage des jüdischen Volkes von besonderem Interesse sein, zu erfahren, aus welchen Quellen der Judenhaß und die Judenverfolgungen vergangener Zeiten gespeist wurden und ob daraus sich wiederum Parallelen zur Gegenwart herleiten lassen. So gewinnt eine derartige Frage nicht nur für dien historisch eingestellten Leser Bedeutung, sondern überhaupt für jeden, der an seinem Judentum lebendigen Anteil nimmt. Die Lage der Juden war in der Mitte des XIV. Jahrhunderts in Mittel- und Westeuropa durchaus eine gute; ihr Wohlstand war erheblich, ihre Gemeinden waren angesehen und bedeutend; da setzten mit einem Male im Jahre 1348 von Südfrankreich ausgehend furchtbare Metzeleien unter ihnen ein und bis nach Oesterreich wurden im Laufe dieses und des nächsten Jahres die Juden systematisch vertilgt. Gleichzeitig rasten noch zwei andere Erscheinungen über das aufgestörte Europa. Der schwarze Tod und die Geißler, auch Flagellanten genannt. In welchem Zusammenhang stehen nun diese drei Erscheinungen? Während man früher geneigt war, den Judenmord als die Folge der beiden anderen anzusehen, verdanken wir es den Forschungen Robert Hoenigers, daß man heute die Judenverfolgungen an die Spitze stellt. Nicht die Beschuldigung der Brunnenvergiftung ist doch nicht als etwas Aeußerliches gefühlt, er ist leidenschaftliche und begeisterte Hingabe des frommen Herzens, das volle Genüge findet im Einssein mit der Gemeinschaft, die andächtig sich naht dem Hause des Herrn. Dieses prangende Haus aus alter Zeit, das nationale Erinnerungen weckte voller Größe und Hoheit, die feierlichen Handlungen opfernder Priester, das stille Gebest in hingegebener Andacht an geweihter Stätte, die segnenden Hände der Geweihten, ausgebreitet über eine einheitliche Gemeinde von Glaubenden und Hoffenden, die herrlichen Gesänge, begleitet von wunderbar klingenden Instrumenten, wie man sie in solchem Reichtum und solcher Kunst nur hier hören konnte — wie mußte das alles auf ein empfängliches Gemüt wirken! Und wenn nun zu den Festeszeiten — besonders zum Hüttenfest — Scharen aus allen Gegenden kamen, Brüder und Freunde sich wiedersahen und gemeinsam Durchlebtes noch einmal mit der Erinnerung des Herzens umfaßten und wenn sie alle im heiteren Reigenschritt zum nationalen Heiligtum wallten und dann sich alle einten zu. andächtiger Schau, ja, dann fühlte man seinen Gott, den Gott des Herzens! Es war „de-r lebendige Gott", weil man ihn in der Ergriffenheit und dem Himgegebensein der Seele erlebte. (Schluß folgt.) es gewesen, die es an so vielen Plätzen zu der völligen Ausrottung der Juden kommen ließ, sondern andere ökonomische Gründe waren es, und die Behauptung der Brunnenvergiftung war nur etwas Vorgeschobenes. Gerade das ist ja in der Geschichte des Judenhasses eine immer wieder bemerkte Erscheinung, daß man auf Seiten der Judengegner niemals durchaus ehrlich mit der Sprache herausrückt. Dil Konstanzer Weltchronik aber sagt es einmal doch ganz offen heraus: „Das Geld war auch die Sache, davon die Juden getötet wurden." Wie verhielt es sich nun darum? Es ist bekannt, daß nach kanonischem Recht dem Christen das Zinsnehmen verboten ist. So lange nun Deutschland im frühen Mittelalter auf dem Standpunkt der Naturalwirtschaft verharrte, war Geldverkehr keine Notwendigkeit, das änderte sich aber in dem Maße, in dem von Oberitalien, von der Lombardei her das ausgebildete Geldwesen auch in Deutschland seinen Eingang fand. Die Städte blühten auf und in ihnen war es das Geld, das seine bedeutsame Rolle spielte. Und nun brauchte man die Juden, die es verstanden, die notwendigen Kapitalien aufzubringen, von denen man das Geld borgte, denen man Zinsen zahlen mußte, denen man verschuldet war. Diese Verschuldung muß nach den Mitteilungen der Quellen einen ungeheuren Umfang angenommen haben, so daß man sie in den christlichen Kreisen als außerordentlich lästig empfand. Bei dem immer steigenden Geldbedarf kam man in immer größere Abhängigkeit. Da lag der Gedanke in einer von sentimentalen Skrupeln keineswegs am gekränkelten Zeit recht nahe, die Schulden dadurch zu annullieren, daß man die Gläubiger totschlug, man wollte sich dadurch wirtschaftlich emanzipieren, zumal nun auch der christliche Kaufmann anfing, sich mit Geldgeschäften in großem Umfange zu beschäftigen, man denke etwa an das Aufkommen der großen Handelshäuser der Fugger und Welser. Man fühlte die „Handelsvormundschaft" der Juden natürlich eben erst in dem Augenblick, wo man sie nicht mehr brauchte. Am interessantesten ist die Parallele zur Geschichte der Juden in Polen. So lange der Pole sich dem Handel völlig fernhielt, war er zufrieden, daß der Juidie in die Bresche sprang und das tat, was er selbst nicht wollte. Das ungeheure Anschwellen des Antisemitismus in Polen aber setzte erst in dem Augenblick ein, in dem man begann, selbst Handel zu treiben, Geschäfte zu eröffnen. Nun empfand man den Juden als etwas Ueberflüssiges und Störendes, weil man ihn nicht mehr brauchte. Die Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand und brauchen wohl an dieser Stelle nicht näher ausgeführt zu werden. Die Parole: „Kauft nicht beim Juden", das Herausdrängen der Juden aus den führenden Kreisen der Industrie und dem Bankwesen in Deutschland hängt mit denselben Ursachen zusammen, und die Lage des jüdischen Volkes wird immer dann besonders kritisch, wenn man sich in nichtjüdischen Kreisen der Berufe bemächtigt, die vorher in der Hauptsache von Juden ausgeübt wurden. Es muß aber, das ist die andere Folgerung, der Judenhaß in Zeiten wirtschaftMbher Krise besonders anschwellen, und er pflegt in Zeiten wirtschaftlicher Beruhigung wieder abzuebben. In diesen Feststellungen unter dem Gesichtspunkte der Geschichte betrachtet, scheint mir ein außerordentlicher Trost zu