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Die Wahrheit · 1923-08-01 · Heft 15 (1.8.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 15 (1.8.1923)
Date
1923-08-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 DIE WAHRHEIT Seite 5 Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland. Von Medizinalrat Dr. Heinrich Haase J e s a i a bildet einen Markstein in der prophetischen Entwicklung; er bringt einen neuen Gedanken, nämlich das „ein Rest umkehrt, aus dessen Samen ein neues, verklärtes Geschlecht entsteht." Er ist der Dichter einer von Glanz umwoberten Schöpfung, der Erlösergestalt des Messias, in dem der Geist Gottes waltet, der mit Weisheit gekrönt ist und in der Furcht Jahwes wandeln wird." Hier meint der Autor, hat Jesaia unbewußt Züge seiner eigenen Persönlichkeit dem Erlöserhelden verliehen. Er sieht in ihm natürlich die Anbahnung der Entwicklung, die zum Christentum hinführt. „JJeremias schildert, packender wie alle seine Vorgänfger, die soziale und religiöse Auflösung, die ihn mit Entsetzen erfüllende Erscheinung, daß ein Volk seinen Gott verlassen hat; in erschütternden Versen wogt der Aufruhr seiner Seele, et hadert zuweilen mit Jahwe; als das Schicksal hereingeb rochen, da äst en wie verwandelt, nun bricht seine Liebe rein und lauter wie ein kristallener Quell hervor, keine Zorneswelle trübt sie mehr. Er spendet Trost und verkündet Zeiten des Heiles." — Welche dämonische Leidenschaft des Hasses und der Rache bei ihm, aber auch welche Größe der Liebe nun, wo die Leidenschaft abgekühlt! Und wenn bei Jesus, diesem innerlichsten derjüdischen G e i s t e s h e 1 d e n, die Liebe als ein zarter, segnender Strahl hervorströmt, lange vor ihm hast sie eteien erlauchten Menschen mit ihrer Hoheit erfüllt ... als brausender Flammenschein des Frühlings, der das Eis der Gebirge bricht und die Wiesen aufjubeln läßt in üppiger Blütenpracht — Deuterojsaia! Nirgends sonst, weder in den Tiefen des alten, noch des neuen Testaments hat jene Stimmung, die wir „Glauben" nennen, solch' prachtvolle Gluten ent- Richte mich Gott und führe meine Sache mit dem [leblosen Volk, vor dem Mann des Trugs urid Frevels rette mich! denn du bist der Gott, der mich schützt; warum [hast du mich verworfen? warum muß ich trauernd wandeln im Drucke des [Feindes? Sende dein Licht und deine Treue, sie mögen mich [leiten, mich bringen zu deinem heiligen Berge und zu deinen [Wohnungen, daß ich komme zum Altar Gottes, zu Gott, der meine [jubelnde Freude ist, Was bist du so gebeugt, meine Seele, und bangst [in mir! Harre auf Gott; denn noch werd ich ihm danken, [ihm, der mir hlft, meinem Gott. Es istt. ein vergebliches Unterfangen, eine bestimmte Person als den Dichter dieses Liedes bestimmen zu wollen. Wir kennen nur verhältnismäßig wenig historisch scharf umnissene Persönlichkeiten der biblischen Zeit und dürfen annehmen, daß anderseits de Zahl der Psalmensänger sehr groß wa r. Was wir aus dem Gedachte selbst erfahren, kann uns schon ein Bild von der Persönlichkeit dies Dichters facht wie hier. — Ezechiel gehört nach Mückle dem Zeitalter der Zivilisation 'an: auf das unerhört reiche Gefühlsleben, das in den Schriften der Propheten pulsiert, folgt eine zu wahren Entartungserscheinungen führende Vorherrschaft des Verstandes." Mit Bezug auf E s r a spricht er von einer Bearbeitung des Gesetzes Mosis im rationalistischen Geiste und findet die Geschichte von der Weltschöpfung nüchtern, nur um darzutun, wie Jahwe alles „herrlich gemacht" hat, und ganz anders, wie es. die Propheten dargestellt hätten; hier ergeht er sich in banaler und fast frivoler Kritik der Genesis und ihres Optimismus. Auch seine Auffassung von der durch Esra erhöhten Geltung des Kultus als Schöpfung einer jüdischen Weltkirche sowie die Bezeichnung der unleugbaren Tatsache, daß man auch die Frömmigkeit als ein Wissen pries, als einer Verirrung, verrät eine etwas oberflächliche Betrachtung, wenn auch richtig festgestellt wird, daß sich' damals bereits die Anfänge des Volks schuhint errichtes zeigen und diiie Synagoge dafür sorgt, daß die Erziehung im Sinne des Gesetzes das ganze Leben hindurch andauert. Dafür, daß unter den Schriftgelehrten und Pharisäern, aber auch edle Gestalten nicht fehlten, sieht er den Beweis in den Spruchsammlungen aus dieser Zeit und aus Jesus Sirach. Daß auch in Zeiten seelischer Erstarrung die Kraft der Kultur noch machtvoll in erlesenen Einzelnen fortwirken kann, beweist ihm H i o b. in welchem Buche sich der Genius der jüdischen Kultur in großartiger Neuheit offenbart: „ein solches Nacht- Gemälde ist vielleicht überhaupt nie mehr entworfen worden." Wenn auch der Gedanke nicht neu ist» muß man doch den Mut bewundern, der zu seiner Wiederholung heutzutage gehört, wenn Mückle in Bezug auf den jezt einsetzenden Einfluß der griechischen Kultur auf Juda sagt: „Nicht allein die Abendländer, die unbändigen Deutschen besonders haben diese bannende Wirkung an sich geben, aber dieses Bil'd ist doch nicht von solcher Bestimmtheit und Schärfe, daß wir es einer uns bekannten Persönlichkeit des biblischen Altertums zuweisen dürften. Was wissen wir von dem Autor? Er lebt im Quellgebiet des Jordans, am Südabhang des Hermongebkges, in der Gegend des späteren Caesarea Philippi — fern von der Heimat. Seine Verse sind Aeußerungen einer schrankenlos sich hingebenden Subjektivität, das ganze Lied ist ein „Ausschütten der Seele". Es setzt eine geläuterte Kultur des Wortes voraus, eine Formung von Künstlerhand. Hier ist nicht nur Naturdrang des dichterischen Schaffens, eine überlegene Kraft des Ordnen*», Ausges'raltens, Feilens kommt hinzu. Hatte dieser Sänger eine leitende Stellung im Gottesdienst, bei den Wallfahrten der „feiernden) Menge"? War er durch einen gewalttätigen Machthaber ins Elend der Fremde verbannt, durch einen „Mann des Trugs und Frevels"? Die Heimat seiner Seele ist Jerusalem, das Heiligtum, der Kultus. In vielen Psalmen offenbart sich eine Frömmigkeit, die von aller äußeren Betätigung absieht, fast kann man sagen: die sie verschmäht. Hier aber zeigt sich eine Religiosität, die ganz im Kultus aufgeht. Dieser Gottesdienst ist je-

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