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Die Wahrheit · 1923-08-01 · Heft 15 (1.8.1923) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 15 (1.8.1923)
Date
1923-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 15 Berlin. Die tschechische Judensehaft besitzt ein natürliches Zentrum, hat Mdnscbeta, hat die Möglichkeit, m diesem Sinn zu wirken, Vielleicht hat es nacht den Mut dazu. Es ist wahr: ein zerstreutes Volk kann nur pazifistisch wirken; aber es ist ebenso wahr, daß eine Einflußnaihme auf die Juden der Diaspora nur durch eine ordentliche konzentrierte Orientierung über die Verhältnisse der Judenschaft in alen Staaten und Ländern zu erzielen ist. Wenn dies die Aufgabe unserer Juden ist, so ist es anderseits notwendig, den Mut bei uns aufzubringen, jenen aus Deutschland importierten gelehrten Antisemitismus, der sich in eine gewisse Objektivität einhüllt, zur Ruhe zu verweisen." Die obigen Ausführungen Dr. Kahaneks beweisen, daß man ein nationaler Tscheche und überzeugter Jude sein kann, wie es gute Deutsche gibt, die ihr Judentum mannhaft betonen, wenn auch die Völkischen aller Zungen es nicht wahr haben wollen. Obschon der Aufsatz Dr. Kahaneks logisch und ethisch bedeutend über jenen des schleierhaften St. Just steht, so bietet er nichtsdestoweniger mehrfache Unrichtigkeiten, wie es anders nicht sein kann, wenn man von falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse zieht. Es ist ein Irrtum zu behaupten, daß auch die tschechischen Juden aus keinem anderen Grunde zur deutschen Sprache hinneigen, weil der Talmud zuerst ins Deutsche übersetzt wurde. Das ist anfechtbar. Richtig dürfte sein, daß die Juden in Böhmen, Mähren, Polen und Ungarn so lange und zähe an der deutschen Sprache festhielten, weil es die Sprache des Landes war, aus dem sie im Mittelalter vertrieben wurden. Was die völkischen Antisemiten hämisch als „Mauscheln" bezeichnen, ist nichts anderes als der Niederschlag der verschiedenen Mundarten, die von den Vertriebenen nach den neuen Heimatländern gebracht wurden, woraus es sich auch erklärt, daß es unter den Juden keinen einheitlichen Jargon gibt. Ebenso bedarf es einer Korrektur, daß die Juden deutsche Namen „annahmen". Richtig ist, daß ihnen die Namen oktroiert wurden. Bei freier Wahl hätte sich wohl niemand für einen Pulverbestandteil, Fliegenfänger, Kochlöffel und ähnliche entschieden. Dankenswert sind die Bekenntnisse Dr. Kahaneks, daß bei der slovakischen Nation die Judenfrage eine brennende ist und das Bestreben an erster Stelle dahin geht, die Juden von den Deutschen und Magyaren loszubekommen, was nicht schwer fallen kann, wenn Hitler und Horthy das Deutschtum und Magyarentum repräsentieren wollen. Es ist gewiß auch sehr interessant zu hören, daß ki den Reihen dier tschechischen Legionen 900 Juden kämpften, was diese wohl hinlänglich gegen den Vorwurf der Drückebergerei, wie auch der Germantophile schützt. Es deckt sich1 auch mit Kahaneks Hinweis auf den musterhaften Patriotismus der assimilierten Juden in den Westländern. Den gleichen mustergiltigen Patriotismus billigt Kahanek auch den russischen Juden zu. In einem Punkte ist Dr. Kahanek grundfalscher Anschauung, wenn er meint, die hochqualifizierten tschechischen Juden könnten im Sinne einer tschechischen Politik auf das Weltjudentum bestimmend einwirken. Das ist schon deshalb undenkbar, weil sie als musterhafte Patrioten die Politik ihrer Gastvölker nicht umbiegen unld besonders, wie Dr. Kahanek so treffendi sagte, „ein zerstreutes Volk nur pazifistisch wirken kann". Zünftige Politik aber war stets antipazifistisch wie der Weltkrieg so furchtbar gelehrt hat. Feuilleton ■■■■ Heimweh! (Psalm 42, 43.) Von Dr. M. Spanier, Berlin. Der Verfasser der von uns vor kurzem gewürdigten „Einführung in die Psalmen" (Verlag C. A. Schwetschke & Sohn) stellt -1 ' ' uns die folgende Deutung des Psalmes 42/43, die in die zweite Auflage seines Werkes auf-;- ' genommen werden soll, zum Erstdruck zur Verfügung. Wie eine Hinde, die nach Wasserbächen lechzt, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott! Fs dürstet meine Seele nach Gott, dem lebendigen [Gott: wann werd ich kommen und vor Gott erscheinen? Es sind mir meine Tränen Speise bei Tag und Nacht, da man mir sagt den ganzen Tag: wo ist dein [Gott? — Daran will ich denken und in mir ausschütten meine [Seele: wie ich dahin zog in dieMer Schalr, mit ihnen wallte [zum Hause Gottes ■in lautem Jubel und Dank — eine feiernde Menge, Was bist du so gebeugt, meine Seele, und bangst [in mir! Harre auf Gott; denn noch werd ich ihm danken, [ihm, der mir halft, meinem Gott. In mir ist meine Seele gebeugt, darum denk ich an [dich vom Lande des Jordan und der Hewnone, vom Berge Flut ruft der Flut zu im Hall deiner Bäche, [Mizar. all deine Wogen und Wellen mich überströmen sie. (Mein Tagessinnen: es entbiete Goltt seine Gnade! und nachts ist mein Sang zu ihm : ein Beten zum Gott [meines Lebens.) So Sprech ich denn zum Herrn, meinem Hort: warum [verigtißt du mich? warum geh ich trauernd einher im Drucke des [Feindes? Wie mordend im mir höhnen meine Dränger, da sie mir sagen den ganzen Tag: wo ist dein Gott? Was bist du so gebeugtf meine Seele, und bangst [in mir! Harre auf, Gott; denn noch werd ich ihm danken, [ihm, der mir Mit, meinem Gott.

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