Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 15 (1.8.1923)
- Date
- 1923-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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■flöK Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Pitt dem Beiblatt VerOifentlichangen der „Union öetKscliösterreiäüsdier laden* Redaktion und Administration: Wien) Bl., B9<elmesMp*CKfll«K 13. - Femruf 42-2-16 XXXIX. Jahrgang Wien, 1. August 1923 Nummer 15 Die Judenfrage vom tschechoslowakischen Gesichtspunkte. Nach den in voriger Nummer uns mitgeteilten Anschauungen des rätselhaften Anonymus St. Just in „C e s k c S1 o v o" hat prompt Dr. Kahanek im selben Blatt zu einem aufklärenden richtigstellenden Artikel das Wort ergriffen. Es ist ein unabänderliches, daß Nationalsozialisten — welcher Zunge immer — auf Fälschungen erpicht sind. Von dieser süßen Gewohnheit konnte auch der Chefredakteur des „C. S." nicht lassen und änderte ohne Wissen des Verfassers einzelne Stellen in tendenziöser Weise, worauf Dr. Kahanek sein Elaborat zur Gänze auch mit den gefälschten Stellen im „Resvoj", dem Organ der tschechi-; '. . sehen Juden, erscheinen ließ. Aus diesen} interessanten Artikel übernehmen wir folgendes: „Bei der Behandlung der Judenfrage in der Tschecho-Slowakei muß man mit dem politischen ABC beginnen. Vor allem müssen wir uns darüber klar werden, ob wir d!üe Juden für eine eigene Nation oder nicht für eine solche ansehen. Für uns Tschecho-SIowaken hat das ja auch eine gewisse orthographische Bedeutung, ob wir nämlich die Juden mit großem oder kleinem J schreiben sollen. Für den vernünftigen untd wahrhaft national fühlenden Tschechen steht es außer Frage, daß ihm die Assimilieriung am sympathischesten sein muß. Je nach den Beziehungen., die wir uns zu den Juden schaffen, werden wiir auch die politische Linie ihres Vorgehens bestimmen. Der tschecho-slowakische Staat stellt sich naturgemäß nicht gegen die Assimilation, obwohl er den Zionismus öffentlich akzeptiert hat. Unser Bestreben ist es, das Judentum zu gewinnen, von den Deutschen und Magyaren loszubekommen und durch das Judentum unseren nationalen Besitzstand zu stärken. In Böhmen sank wohl die Zahl der Juden im Verlaufe der letzten 30 Jahre um 30.000 Menschen; aber ein großer Teil des noch vorhandenen Judentums bekennt sich zur deutschen Nationalität, mögen auch, besonders in Prag, sich zahlreiche Juden zur tschecho-slowakischen melden. Warum standen die Juden den Deutschen am nächsten? Wenn wir erwägen, daß die Religion der einzjge Kitt ihrer Existenz gewesen ist, so erkennen wir, daß ihre Hinneigung zur deutschen Sprache ihren Ursprung darin hat, d$ß der Talmud zuerst "ins Deutsche übersetzt wurde, daß vor dem Kriege in Berlin die Leitung des Judentums konzentriert war und daß sie deutsche Namen annehmen mußten. (Aenderung des Chefredakteurs: daß diese Führung sich vornehmlich in Oesterreich-Ungarn geltend machte, wo sie deutsche Namen annahmen) und daß sie so die Vorkämpfer des von staatswegen organisierten Deutschtums w u r d e n. Und doch irren steh die, welche behaupten, daß die Juden ständig deutsch bleiben werden, daß da keine Reniedur möglich iist. Es genügt, auf das Beispiel von Prag hinzuweisen, auf d!ie Entwicklung der tschecho-slowakischen jüdischen Schulen, um zu erkennen, daß in ganz kurzer Zeit gute Ergebnisse erzielt wurden. Gerade bei den slawischen Nationen ist die Judenfrage eine brennende. Aber e s i s t ungerecht, a priori mit dem T a d e 1 d e r G e r m a u o p h i li e herumzuwerfen. Es ist interessant, daß in unseren Legionen an 900 Juden waren, eine Zahl, die der Oeffentlichkeit wenig bekannt ist. Ebenso alt und abgenützt ist die Fabel von den jüdischen Regierungen iim heutigen Rußland, über die Beherrschung des russischen Judentums durch Deutschland. Wenn man gegen diie Bolschewiken argumentiert, sie hätten Juden in ihren Reihen, so ist es dasselbe, wie wenn man 'dien Sozialrevolutionären vorwürfe, daß in ihrem Vollzugsausschuß eine ganze Reihe von Juden sitzen, und wir könnten weiter hier a uf den m u s t e r h a f t e n Patriotismus der assimilierten Juden in den Westländern hinweisen. Geht es denn an, über die russische Revolution so oberflächlich zu sprechen, daß man sie einfach als ein jüd'ischdeutsches Komplott hinstellt? Ist in ihr denn nicht so viel spezifisch Russisches? (Aenderung des Chefredakteurs: Der Einfluß der Juden im heutilgen Rußland ist bisher ein Problem. Sie wirken unter den Bolschewiken, unter den Sozialrevolutionären und unter den nissischen Emigranten ) Ich will hier nicht die Frage untersuchen, wie weit die Beteiligung der Juden an der Regierung nicht auf Rechnung des Umstandes zu setzen ist. daß sie aus Rußland nicht fortgelaufen sind. Ernst ist die Frage, ob man mit Hilfe dier tschechischen Judenschaft auf das Judentum der Welt einwirken soll. Gewiß ist zu erwägen, daß die in der ganzen Welt verstreuten 10 Millionen Juden mit ihren mächtigen Finanzen und ihrer organisierten Presse dem tschecho-slowakischen Volke nicht ungefährlich sind; daß unter den heutigen Verhältnissen! weder Paris wegen seines negativen Standpunktes zum Zionismus auf das Judentum Einfluß hat, noch London aus dem zweiten Grunde (?), noch das besiegte