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Die Wahrheit · 1923-07-15 · Heft 14 (15.7.1923) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 14 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 14 Ruhestande lebende Professor der neueren Geschichte der Grazer Universität J. Laserth (J. L.) die neueste Auflage von Heinrich Graf Coudenhove- Kalergis Schrift: Das Wesen des Antisemitismus, Leipzig 1923. Schon die Ueberschrift dieser Besprechung: Eine Apologie des Judentums atmet den Geist dieser Besprechung. Da heißt es dann: Die Passionsgeschiehte des Judentums (sie!, soll wohl heißen der Juden) kann keinen Vergleich aushalten mit der der Anabaptiisten Tirols, mit den Kalvinisten, mit einem Felix Mang, Wagner usw. usw. Und da, so heißt es weiter, handelt es sich wirklich um religiöse Dinge, denen nicht politische, gesellschaftliche öder wirtschaftliche Momente beigegeben sind. Wir meinen, wer so etwas niederschreibt, kennt tatsächlich nichtden geringsten Teil der Passionsgeschichte der Juden! Denn wenn Loserth sich auch nur ein einzigesrnal der Mühe unterzogen hätte,. Zunzens Synagogale Poesie oder einige Seiten des sechsten und siebenten Bandes von Graetz, Geschichte (Bücher allerdings, die an der Grazer Uni-' versitätsbibliothek noch heute nicht vorhanden sind) durchzulesen, hätte er unmöglich zu einem solchen Fehlnrteiile gelangen können. Gewiß, wir Juden wären glücklich gewesen, hätten wir nicht auf eine so außergewöhnliche, die christliche Liebe schwer belastende Leidensgeschichte hinweisen müssen, aber hier handelt es sich um die Feststellung objektiver Tatsachen, und da möchten wir Loserth nur hinweisen auf das klassische Wort Zunsens, mit denen er in der Synagogalen Poesie des Mittelalters das Kapitel „Leiden" einbegleitet: Wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen: wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber? Diese Schmach des Mittelalters, zu der die Kirche reichlich ihr vollgerüttelt Maß beigetragen hat, läßt sich nicht wegwischen. Ganz falsch ist auch die.Meinung, daß den Juden bis tief ins Mittelalter das Handwerk und jedes Gewerbe offen standen. Daß das gerade Gegenteil wahr ist, dafür verweisen wir Loserth nur auf zwei Bücher, und zwar auf Caros Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und der Neuzeit, Lpz. 1908, S. 433 (wo Caro allerdings etwas ähnliches behaupten will, aber nicht umhin kann zu schreiben: daß Juden in Zünfte Aufnahm? fanden, ist nicht ersichtlich. Dann konnten sie aber auch kein Handwerk ausüben) und Hoff mann, Der Geldhandel der deutschen Juden während1 des Mittelalters bis zum Jahre 1350, Lpz. 1910, S. 15. Geradezu unverständlich aber ist es, wenn Loserth im Anschluß an eine von Coiidenhove mitgeteilte Unterredung, die er am 26. Juni 1870 mit dem Grafen Nikolaus Bethlen hatte, in welcher letzterer die Juden von Pest als Bannerträger der dortigen Zivilisation preist, schreibt: So der Bethlen von 1870, der Bethlen von 1923 dürfte anders denken und schreiben, denn die Gedankenwelt ist auch in Magyarien nicht mehr dieselbe wie 1870. Offenbar spielt er hier auf die kommunistische Herrschaft in Budapest an. Die objektive Wahrheit aber ist, daß der weitaus überwiegende Teil der Juden dort ebenso feindselig dem Kommunismus gegenüberstand wie im München und auch in Rußland. Nicht schlecht aber ist das: auch in dem Satze. Danach zu schließen, wäre also der Antisemitismus etwa auch in Oesterreich berechtigt, weil sich auch da die Judenheit im dien letzten fünfzig Jahren so sehr verschlechtert habe. Nun, wir kennen Herrn Loserth nicht und wissen darum auch nicht, wie viel Juden Herr Loserth kennt, im Graz wird er ja nicht viel Gelegenheit dazu haben, aber als ehemaliger Professor einer deutschen Universität müßte er sich doch einmal die Frage vorlegen, für wen denn die vielen Juden in der ehemaligen österreichischungarischen Monarchie eigenlriich in den Krieg jzogen? Doch nur um die Hegemonie der Deutschen in Oesterreich weiter zu erhalten. Aber freilich, es wurde ihnen allen schlecht gelohnt und nicht wenig haben dazu solche, wirklichen Historikern unwürdige Auslassungen beigetragen. — Am 10. Juni wurde hier an der Domkirche ein Kriegerdenkmal enthüllt, bei welchem Feste der Liebe (so nannte die Tagespost die Feier) der Heeresprobst Dr. Pawlikovski eine kriegsverherrlichende, alldeutsche (Pawlikovskü), langatmige Rede gehalten hat. Wer sich über diese Rede der Liebe (sie!) näher informieren will, der lese den hiesigen „ArbeiterwiMe" vom 11. bis 15. Juni und er wird einen klassischen Beitrag dafür empfangen, wie dieser Priester der Liebe gesprochen hat. Natürlich hetzt man erst zum Kriege und geht's dann schief, wer trägt Schuld an dem Unglücke — der Jude! — Zwischen den Professoren der hiesigen Universität und der Technik gibt es derzeit eine kleine Palastrevolution. An der Technik nämlich sollte im Zuge der Abbaumaßnahmen die chemisch-technische Fachschule aufgelöst werden. Das ist vereitelt worden mit der Motivierung, die chemisch-technische Fachschule der Technischen Hochschule sorge für die Heranbildung tüchtiger Chemiker, wie sie die Industrie brauche, während der Lehr plan der Universität mehr der Heranbildung der Mittel- und Hochschullehrer angepaßt ist. So weit wäre alles in Ordnung und wäre dagegen nichts einzuwenden. Nun aber veröffentlichen diie drei an der Universität wirkenden Chemieprofessoren eine Erklärung in den hiesigen Zeitungen vom 19. Juni, daß dies gar nicht richtig sei und sie bislang nur darum geschwiegen haben, weil ihre Sympathien auf der Seite der Schwesterhochschule standen und während des Kampfes sie nicht schädigen wollte. Mit Recht fragt man sich, wo ist da noch ein Funken von Vaterlandsliebe? Jedes Kind weiß, mit welchen Schwierigkeiten Oesterreich zu kämpfen hat und wie jeder einzelne Bürger beizutragen hat, daß die Lasten des Staates sich vermindern. Wenn nun die Universität dasselbe Ziel der Ausbildung wie die der technischen Schulen in diesem Falle halt, dann wäre es Pflicht dieser Herren gewesen, auch im Kampfe darauf hinizuweisen; ist dies aber nicht der Fall, dianin war ihre Erkläriunig, die doch nur aus egoistischem Konkurrenzkampf entsprungen sein kann, gelinde geisaigt, eine Schande, für die wir Laien, die wir eben nicht zur Blüte der Gesellschaft gehören, kein Verständnis aufzubringen vermögen. Und doch, wie voll nehmen diese Herren den Mund, wenn es gilt, kleine Beamte abzubauen.

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