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Die Wahrheit · 1923-07-15 · Heft 14 (15.7.1923) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 14 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT und Ungarn um 50.000 erhöht hat — denn der größte Teil der jüdischen Kriegsflüchtlinge ist schon längst in seine Heimat befördert worden —, so gelangt man zu dem Resultat, daß die jüdische Bevölkerung Wiens heute etwa den achten Teil der Gesamtbevölkerung beträgt. So sehen die „zwingenden Beweise" des Herrn Leo Haubenberger aus. Dieselbe stupende Verläßlichkeit zeigen jene Zfifern, welche das Glaubensbekenntnis der an der Wiener Universität lehrenden Professoren betreffen. Er stellt das Jahr 1888 (!) in Vergleich mit dem Jahre 1920; er führt an, daß im Jahre 1888 an der Wiener Universität von 280 Professoren nur 93 Juden waren. Hier rechnet er also alle Fakultäten zusammen. Für das Jahr 1920 zieht er aber nur die medizinische Fakultät und die juristische Fakultät in Rechnung und behauptet mit bewundernswürdiger Kühnheit, daß an der ersteren 70 Prozent, an der zweiten 60 Prozent jüdische Professoren gezählt werden. In Wahrheit steht nun die Sache so, daß unter den gegenwärtigen 230 Professoren der Wiener Universität 11 der theologischen, 26 der juridischen. 83 der medizinischen und 110 'der philosophischen Fakultät angehören. Hiervon lehnen an der juridischen Fakultät 7 Juden, an def medizinischen Fakultät 31 Juden und an der philosophischen Fakultät 22 Judien. Man stelle diese Ziffern den von Herrn Haubenberger angeführten gegenüber unid man wird dann zu einem klaren Begriff über die Verlogenheit und Gewissenlosigkeit dieses dtoutschvölkischen Hetzers gelangen. Soweit die Ziffern. Aber noch schlagender sind die Tatsachen! Unsere jüdische Jugend ist nicht feiige; die gewaltigen Hiebe, welche jüdische Studentenverbindungen an ihre nationalen Gegner austeilten, haben schon vor Jahrzehnten die völkischen Burschenschaften zu dem Beschlüsse veranlaßt, mit Juden keine Mensur mienr auszutragen, weil diese „minderwertig" seien. In Wahrheit waren ihnen die Abfuhren zu vollwertig. Wenn nun jeden Augenblick von den Deutschvölkischen die Zugänge zur Universität besetzt und die jüdischen Studenten am Besuche der Vorlesungen! gehindert werden,, so beweist dires angesichts der notorischen Tapferkeit der Juden die starke zahlenmäßige Ueberlegenheit der Deuitschvölkischen. Zum Schlüsse stimmt Herr Haubenberger ergreifende Wehklage darüber an, daß die Wiener sogenannten „jüdischen Zeitungen" eine Tagesauflage von rund 1,300.000, die „reindeutsche" Wiener Presse je'doch nur eine Tagesauflage von runid 140.000 Stück äbsetzt. Unser innigstes Beileid! Aber wer den Dreschflegelton, die Geistesarmut und Langweiligkeit dieser „reinideutschen" Presse kennt, wird den Geschmack des Wiener Lesepublikums vollkommen begreiflich finden. Siegfried Fleischer. Aus unserem ßechtschutz u. Abwehrbüro. Von unseren biederen Aelplern. Der Wiener Kaufmann R. K. wollte in F r i e s a c h (Kärnten) eine Sommerwohnung mieten. Er begab sich zu diesem Zwecke selbst nach Friesach, erhielt aber dort die gastliche Auskunft, daß an Juden, Italiener und Tschechen nicht vermietet werde. Das können schließlich die Friesacher halten wie sie wollen. Wenn sie nur „Arier" in Reiuzticht aufnehmen wollen, so wird es mit dem Fremdengeschäft ebenso rasch sein Ende haben wie in anderen Alpenorten. Aber Herr R. K. machte noch üblere Erfahrungen. Er wurde auf dam Marktplatze und auf dem Wege zum Bahnhof in gemeinster Weise als Jude beschimpft und bedroht, wobei sich der Arzt Dr. Heinrich H i n r i c u s durch besondere Rohheit hervortat, so daß Herr R. K. .gezwungen war, gegen denselben beim Friesacher Bezirksgerichte die Ehrenbeleidiigungsklage einzubringen, — Es wird uns berichtet, daß der Pächter der Bahnhofsgastwirtschaft in Amstetten, Herr Julius H o f m a n n, daselbst demonstrativ mit einem Hakenkreuz im Knopfloch herumstolziert, was ihn nicht hindert, für die zweifelhaften Genüsse an seinem Büffet auch von dan jüdischen Fahrgästen keineswegs bürgerlich bemessene Preise einzuheben. — In Mieders (Stubaital, Tirol) hat die Besitzerin des Hotels „Zur alten Post", eine Frau v. Debern, die Front des Hauses mit einem großen Hakenkreuz geschmückt, was allen Fremden zu besonderer Beachtung empfohlen wird. — Auch in S c h 1 a d m i n g, Steiermark, wird an j ü d i s c h e Sommergäste nicht vermietet. Die arischen Besucher sind aber bisher ausgeblieben. Ein Memento. Die L i n z e r G e m e i n d e r a t s~ wählen, hei welchen die Sozialdemokraten drei und die Christlichsozialen ein Mandat an die Hakenkreuzler (Nationalsozialisten) abgeben mußten, sind eine ernste Mahnung -an die großen parlamentarischen Parteien, die bisherige Lässigkeit gegenüber direser jüngsten und zerstör ungswütigsten Partei nicht zu, weit zu treiben. Die Linzer Wahlen sind ein sehr beachtenswertes Vorspiel für die Nationalratswahlen im Herbste und sie kündigen an. daß so macher von unseren parlamentarischen Oelgötzen vom seinem Piedestal wird herabsteigen müssen. Unsere ch.risitMchsozial-großdeutsche Regierung hat die Haikemkreuizler zuerst geringgeschätzt und dann hat sie sich gefürchtet, der wilden Propaganda derselben entgegenzutreten. So wird nun statt einer dringend notwendigen freiheitlichen Bürgerpartei eine neue antisemitische Hetzpartei in den Naitionalrat einziehen, welche mit den skrupellosesten Mitteln arbeitet, die niedrigsten Instinkte der Bevölkerung aufwühlt und sich bisher von dem Verdachte nicht reinigen konnte, daß sie mit ausländischen Geldzuwendungeri bisher noch unaufgeklärte Ziele verfolgt. Es bewahrheitet sich wieder einmal die alte Erfahrung, daß in Oesterreich: derjenige Recht behält, der am lautesten schreien kann. Die Herren S e i p e 1, F r a n k und B a u e r aber müssen zusehen, wie sie bei den kommenden Wahlen ihre Myrmidone beisammen halten! F. Aus unseren Mitgliedschaften. Graz. Daß auch Historiker zuweilen — soweit dies überhaupt möglich ist — nicht vorurteilslos sein können, diafür erbrachte die derzeit chiristliehsozial orientierte „Tagespost" (bei der, nebenbei bemerkt, nichts so stabil wie die Exploitierung der „Neuen Freien Presse" ist) in ihrer Nummer vom 9. Juni einen klassischen Beleg. Dort bespricht der im

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