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Die Wahrheit · 1923-07-15 · Heft 14 (15.7.1923) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 14 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 14 Ist Oesterreich verjudet? In der völkischen Presse macht gegenwärtig ein Auszug aus einer Flugschrift, welche der Obmann des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes für Oesterreich", Herr Leo Haubenberger, erscheinen ließ, die Runde. Es wird behauptet, daß in dieser Flugschrift „unwiderlegliche Beweise" mit statistischen Zahlen und Namen für die Macht und den Einfluß Judas im Kulturleben Oesterreichs erbracht werden. Wir wollen uns zunächst den Verfasser dieser Flugschrift, Herrn Leo Haubenberger, näher ansehen. Er ist ein kleiner Beamter bei den Bundesbahnen in der niederösterreichischen Kreisstadt St. Pölten. Das Amt eines Revidenten der Bundesbahnen läßt Herrn Leo Haubenberger nicht nur Zeit, ein „überaus rühriger Obmann des Deutschvoikischen Schutz- und Trutzbundes für Oesterreich" zu sein, sondern auch sich in mancherlei niedlichen Späßen mit den Fahrgästen dieser Bahnen zu gefallen. So wurden z. B. iiif vorigen Herbst der Bahnhof und die Werkstätten der Bundesbahnen in St. Pölten mit vielfarbigen Klebezetteln bedeckt, welche die Aufschrift: „Hinaus mit dien Juden!" trugen, und es wurde mit voller Gewißheit festgestellt, daß der geschmackvolle Scherz von der durch Herrn Haubenberger geleiteten Ortsgruppe St. Pölten der Schutz- und Trutzbündler veranstaltet wurde. Und nun wollen wir ein wenig in die angeblich „unwiderleglichen Beweise" des Herrn Leo Haubenberger hineinleuchten. Vor allem sei die für einen Statistiker gewiß überaus wertvolle Scheu vor jegiicher Quellenangabe festgestellt. Das „wahrhaft erschütternde Bild von der Verjudung Oesterreichs", wie sein Lobredner, der „Königliche" Landrat von Hertzberg, die Broschüre Haubenbergers nennt, jongliert mit einer verwirrenden Fülle von Ziffern, ohne daß auch nur bei einer einzigen der Ursprung angedeutet wäre. Herr Haubenberger arbeitet also nach dem Vorbilde jenes ausgezeichneten Historikers, der sich erbötig machte, sämtliche Jahreszahlen der Weltgeschichte aufzuzählen, nur dürfe man von ihm nicht auch die Kenntnis der dazu gehörigen Ereignisse verlangen. Er spricht zunächst vom Wiener Bildungswesen und vergleicht die Zahl der „arischen" Schüler mit jener der jüdischen Schüler an den elf Wiener Gymnasien. Nun gibt es in Wien nicht elf, sondern fünfzehn öffentliche Gymnasien und dazu noch neun Realgymnasien und achtzehn Realschulen, von den Privat-Lehranstalten gleicher Kategorie nicht zu sprechen. Die Behauptung des Herrn Haubenberger, daß von 1914 bis 1918 die Zahl der „arischen" Schüler von 69 Prozent auf 63 Prozent gesunken, die der jüdischen von 31 Prozent auf 37 Prozent gestiegen sei, ist eine vollkommen willkürliche und wird durch das Statistische Jahrbuch der Stadt Wien widerlegt, nach welchem im Gegenteile das Verhältnis zwischen „Ariern" und Juden in den letzten Jahren sich konstant zugunsten der ersteren verschoben hat. Mit welcher Genauigkeit Herr Haubenberger arbeitet, zeigt folgender Satz: „Nicht inbegriffen sind darin die getauften, gewässerten Juden, schätzungsweise 210.000 in Wien." Nun veröffentlicht die Wiener Kultu'sgiemeinde alle vierzehn Tage einen Ausweis der „Austritte aus dem Judentum". Durchschnittlich enthält jeder dieser Ausweise 40 bis 50 Namen. Es treten danach alljährlich etwa 1200 bis 1300 Angehörige aus dem Judentum aus. Um zu der Ziffer 210.000 getaufter Wiener Juden zu gelangen, müßten also alle seit 180 bis 200 Jahren „Gewässerten" zusammengerechnet werden und als lebendige Zeugen des Abfalls noch immer unter uns wandeln. Dieselbe wissenschaftliche Präzision offenbart sich in dem Satze: „Heute haben die Gymnasien „reichlich" die Hälfte jüdischer Schüler." Von dem klassischen Deutsch dieses Satzes abgesehen, läßt sich aus demselben nicht erkennen, ob dabei die Frequenz jener elf Gymnasien, die Herr Haubenberger kennt, oder auch jener vier, die ihm unbekannt sind, berücksichtigt erscheint. Tatsächlich erweist das Statistische Jahrbuch der Stadt Wien, daß der Besuch humanistischer Lehranstalten sowohl bei Juden wie bei Christen in den letzten Jahren abgenommen, dagegen jener der Realschulen und der Realgymnasien sich erheblich gesteigert hat. Und nun zur Universität! Herr Haubenberger stellt die Besuchsziffer aus dem Jahre 1910/11 den Besuchsziffem des Sommerhalbjahres 1921 gegenüber und berechnet für letzteres die Zahl der jüdischen Hörer auf 56 Prozent. Er unterläßt auch hier, seine Quelle anzugeben. Es ist nun richtig, das schon im Sommersemester 1921 die Zahl der kriegsfiüchtigen Studenten aus Galizien und der Bukowina eine sehr bedeutende war, und daß namentlich die medizinische Fakultät der Wiener Universität einen sehr großen Bruchteil solcher Flüchtlinge aufwies. Es ist auch richtig, daß während der Kriegszeit die Zahl nichtjüdischer Studenten ebenso wie die Zahl jüdischer Studenten aus Mittel- und Westösterreich und namentlich aus Wien deshalb in sehr erheblichem Maße zurückgegangen war, weil viele dieser Studenten aktiven Kriegsdienst an der Front leisteten. Es ist aber absolut unrichtig und eine gehässige Fälschung, wenn versucht wird, die Zustände, die sich während der Kriegszeit an der Wiener Universität herausgebildet hatten, als dauernde und auch heute noch fortbestehende hinzustellen. Die überwiegende Mehrheit der kriegsflüchtigen Studenten aus dem Osten, sowohl Juden wie Nichtjuden, ist seither an die Universitäten Krakau, Lemberg und Czernowitz zurückgekehrt l und es haben an der Wiener Universität schon ziemlich normale Verhältnisse Platz gegriffen, so daß auch gegenwärtig wieder die jüdischen Hörer zu den nichtjüdischen im Verhältnisse von etwa 45 Prozent zu 65 Prozent stehen. Der Herr Revident der Bundesbahnen schätzt die Zahl der jüdischen Bewohner Wiens derzeit auf „reichlich ein Drittel der Gesamtbevölkerung Wiens". Das immer wiederkehrende Wort „reichlich" ist sehr bezeichnend für den Statistiker Haubenberger. Die Ergebnisse der am 21. März d. J. vorgenommenen Volkszählung liegen noch nicht vor. Aber nach der früheren Volkszählung betrug die Zahl der Juden in der damaligen Zwei-Millionen-Stadt Wien rund 170.000, und wenn nun angenommen wird, daß die gesamte Bevölkerung Wiens sich bis heute durch die Kriegsereignisse um etwa 30.000 Seelen vermindert, die Zahl der Juden aber durch den Zuwachs aus Galizien

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