Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 14 (15.7.1923)
- Date
- 1923-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 14 Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland. Von Medizinalrat Dr. Heinrich Haas e.:;:) G ii d e m a n n machte einmal die Bemerkung in bezug auf den Wert dir Apologetik von unserer Seite, daß sie lange nicht so wirksam sei wie die seitens christlicher Gelehrter, sowie ja die Befreiung eines Gefangenen stets nur von außen, durch fremde Hilfe, nicht aus eigenem bewerkstelligt -werden kann. Es gehört wahrlich großer Mut dazu, heutzutage so eindringlich und mit Begeisterung die Befreiung von Vorurteilen zu wagen, die namentlich in Deutschland so inveteriert und in den letzten Dezennien so künstlich verstärkt worden sind, wie es" Mückle, ein „Arier", in diesem Werk unternimmt, das auf Grund der modernsten Forschungsergebnisse zielbewußt Irrtümer und Unrecht in der Beurteilung der Entwicklungsgeschichte der jüdischen Kultur auf zeigt und zu korrigieren und! gut zu machen nicht müde wird. Es ist gewiß kein Zufall, daß dieser Autor, wie Oswald Spengler, mit dessen Anschauungen er sich näher auseinandersetzt, durch Studien über sozialistische Ideen zur jüdischen Religionsgeschichte gelangt ist. Ich habe diese Zusammenhänge in einer kleinen Studie „Ueber den Ursprung der sozialen Fürsorge" in Heft Nr. 4 der „Öesterreichischen Rundschau", Band LVI, 1912, besprochen und halte bloß die Methode des an unseren Schulen beliebten Geschichtsunterrichts für die allgemeine Unkenntnis der historischen Tatsache verantwortlich, daß der Kern der sozialisti- *) Rikola-Verlag. Wien, Leipzig, München, 1923. betonen mag. Daß er daneben einen bewußt katholischen Standpunk vertritt, und' in seiner Gesinnung der Heiligenverehrung einen großen Platz einräumt, sollte eher vorbildlich wirken, da er das Beispiel zu geben scheint, daß sich1 aiucn römisch-katholische Gläubigkeit mit liberalem Denken vereinigen lasse. Seim künstlerisches Schaffen ist jedoch von dieser Ueberbrückung eines Zwiespalts ganz und gar nicht beeinflußt. In seinen Bühnenwerken, mit Ausnahme von „Die St i mme", stellt er Zeitgenossen dar, die sich mit nichts weniger als mit religiösen Problemen befassen* vielmehr durch alle großen und kleinen Eitelkeiten des Lebens in Handlung und Bewegung gesetzt wird. Ein Boibachter von feinstem Stilgefühl und leise mitschwingender Ironie haucht er seinen Gestalten ein ebenso lebenswahres als ergötzliches Dasein ein. Und da gerade seine jüngsten Schöpfungen seine feinst gefeilten sind, so haben wir von dem siebenten Lebensjahrzehnt dieses lebfrischen geistigen Arbeiters noch manche gute Erntegafoe zu erhoffen. Daß ihm sellbst noch volle Freude des Schaffens und Gelingens zuteil werde, wenden alle wünschen, denen seine Kunst schon heitere und nachdenkliche Tage und Stunden und vergnügte Theaterabende gebracht hat. Rahel Edelstein-Friedmann. sehen Ideen im Pantateuch zuerst niedergelegt erscheint, während den Griechen und Römern jedes Gefühl für menschliche Solidarität vollkommen abgeht. Und diese Wahrheit auszusprechen ist noch lange nicht so ketzerisch, wie die Wiederholung von Niet z'sches Ausspruch und seine Einkleidung in die Worte: „Mag auch die indische Kultur einmal wie ein besänftigender Hauch über die Gefilde des Abendlandes streifen, und mag die griechische Kultur immer wieder anlocken durch die Zaubermacht der ihre marmornen Schöpfungen adelnden Harmonie: ihre Wirkungskraft kann sich mit der des jüdische n Geistes nicht messen." Mückle geht in seiner philosophischen Geschichtsauffassung von einem Urphänomen aus, dessen Begriff er als das nie rastende Wechselspiel von Machtwillen und "Erlösungsdrang erklärt: Das Wesen jeder Kultur besteht nach ihm in der Niederringung des Chaos, der Gegensätzlichkeit und Zwiespältigkeit. Die Weltgeschichte muß philosophisch, metaphysisch, nicht mehr naturwissenschaftlich (wie es Turgot, Condorcet, St. Simon und Comte versucht haben), aufgefaßt werden, der Historiker soll zum Künstler werden und auch religiöse Stimmungen sollen sich seiner bemächtigen. Es heißt nach Mückle eine Erscheinung willkürlich aus dem Kosmos des Lebens herausreißen, wenn man wie Karl Marx nur die Wirtschaft als das bestimmende Prinzip aller übrigen Erscheinungen der Kultur, des Rechts, der Philosophie, der Kunst und Religion hinstellt. Nicht Erstarrung, nicht das Ende aller Kultur bedeutet, wie Spengler meint, die Zivilisation; zum Beweis dafür nimmt Mückle das Beispiel, das in Juda der Geist der Zivilisation mit dem Auftreten Esras und Nehemias einen wahren Triumph gefeiert hat; „aber das Gesetz bedeutete durchaus nicht das Ende der jüdischen Kultur. Nein! in einer machtvollen Gegenströmung rang sich der Geist derselben wieder durch, um sich mit dem Christentum weithin auszubreiten. Mit Schlagworten, wie „Kultur" und „Zivilisation" läßt sich der Reichtum der geschichtlichen Entwicklung nicht erschöpfen." „Die religiöse Philosophie der Upanishads des ältesten Indien weist den Machtwillen sowie den Erlösungsdrang gleicherweise auf. Wenn der Fromme seine Leidenschaft abschirrt und sich versenkt in den Abgrund seines Herzens, wird er selbst Brahma: Die Gottheit steht dem indischen Frommen nicht wie dem Juden als eine selbständige Lebensmacht gegenüber. Der Buddhismus bedientet eine Verflachung der späteren im Vergleiche zur älteren Frömmigkeit, etwa wie die jüdische Gesetzesreligion gegenüber der glutvollen, aus dem Abgrund einer tief bewegten Seele emporwallenden Frömmigkeit der großen Propheten." Was die babylonische Kultur anlangt, so verarbeitet sie Juda in durchaus selbständiger Weise, ja es gelingt ihm dort, wo die babylonische Mutterkultur aufhört machtvoll vorwärtsdrängend und mit lodernder Kraft deren Werk fortführend der Entwicklung neue Glieder einzufügen . . . Die Zeit Chammurabis bedeutet wohl den Gipfel der kulturellen Entwicklung Babylons; es regt sich schon so etwas wie geschichtlicher Geist, dessen Keime dann auf jüdischen Boden sich zu erhabenen bis zum heutigen Tag fortwirkenden Offenbarungen