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Die Wahrheit · 1923-07-15 · Heft 14 (15.7.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 14 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Seite 5 dend ist allein seine theoretische und praktische Stellungnahme zum positiven Judentum. Als ehrlicher Mann hat er aus seiner religiösen Haltung nie ein Hehl gemacht. Die ihn in sein Amt berufen haben, wußten, daß er einem extremen Liberalismus huldigt. Ist nun die Wahl auf seine Person gefallen, so mußte dies für ihn, wie für jeden anderen, bedeuten, daß man seinen Standpunkt billigte und ihn als Prinzip für den Religionsunterricht festlegen wollte. Hiernach war von ihm gar nichts anderes zu erwarten, ja er durfte es als Mann von Gewissen für seine Pflicht erachten, gegen das Gebetlernen bedeckten Hauptes sein Veto einzulegen. Somit ist einzig und allein dafür der Vorstand verantwortlich, der ihn bestellt hat, und die gegenwärtigen Kultusvertreter sind, indem sie gegen das Gutachten des Inspektors entschieden haben, sich sicherlich bewußt gewesen, daß auch in diesem Punkte mit der Praxis ihrer Vorgänger aufgeräumt werden muß. Somit empfanden sie alle ohne Ausnahme pädagogisch, daß, wenn der Religionsunterricht eine Einführung in das religiöse Leben beinhalten soll, doch für die Einführung dieselben Rücksichten maßgebend sein müssen wie für die Ausführung der erlernten Nonnen. Das Kind muß so früh als möglich mit dem Worte des Gebetes und seinem verbalen Verständnis auch jene Ehrfurcht sich angewöhnen, die dem Hebräischen, als der heiligen Sprache, der Sprache, in1 der wir das Allerheiligste aussprechen, in der wir zum Höchsten beten, gebührt und von altersher geignet hat. Diese Ehrfurcht hat sie eben über die Sprache des Alltags erhoben und ihr Ihre besondere Weihe verliehen. möchte*! Der, zu dam der kleine Doktor seinem Grolle gegen seine Glaubensgenossen Luft macht, ist der junge Legatiomsrat Ferdinand von Drzie, die Hauptperson des Romanes; auch er von Abstammung ein Jude, da sein natürlicher Vater jener als Spekulant und Kr.iegsgewin.ner vor Gericht gestellte Jason, alias Jakobsohn ist, den mitten in seiner Verteidigungsrede, als er die Vorladung der mitschuldigen Minister verlangt, ein Schlaganfall aus dem Leben rafft. Zuim Universalerben des Multimillionärs eingesetzt, erfährt jener kurz zuvor aus dem Kriegsspital entlassene Ferdinand von Drzie, der sich bis nun für den ehelichen Sohn des kroatischen Generals von Drzie gehalten hat, die Vorgeschichte seiner Geburt und die Quelle der materiellen Mittel, aus welcher seine Erziehung und seine Karriere bestritten wurden. Auch djer Notar, duirch welchen Ferdinands natürlicher Vater dessen Erziehung überwachen und leiten ließ, ist von jüdischer Herkunft, doch schon in dritter Generation getauft, eine jener biederen Gestalten, an denen 'das ältere Wien so reich war. Alle anderen Personen des Romans sind mehr oder minder einragiierte Antisemiten», ein Kräfteverhältnis, das nicht ohne Sachkenntnis von Seite Balirs gezeichnet ist. Alle ohne Ausnahme, aus der guten Gesellschaft Wien, sind darin einig, daß Ferdinand ohne weiteres Bedenken das Geld eines Mannes annehmen und verbrauchen solle, für den als den Angehörigen einer „gewissen Klasse und Rasse" er Wenn heute in jüdischen Kreisen Hebräisch zu anderen Zwecken gelernt wird, wenn man Hebräer schaffen will, so hat dies nichts mit dem Religionsunterricht zu tun, der Israeliten, religiöse, gottgläubige Juden erziehen will. Und wie unsere Väter, deren Vorbild uns maßgebend sein muß, sich das Haupt bedeckten, so oft sie ein hebräisches Wort ausgesprochen, so gilt uns dies als Richtschnur, zum mindesten so lange wir eine andere Sprache im Umgang gebrauchen. Allein nicht nur ein religiöser Gesichtspunkt kommt hier in Frage, sondern ganz besonders auch ein innenpolitischer. Mit vollem Recht haben die Vertreter der Wiener Orthodoxie dafür gekämpft, ihre Kinder von dem Religionsunterricht der Kultusgemeinde zu befreien. Sie konnten und mußten für diese Forderung das Gravamen des Gewissenszwanges geltend machen, wenn man ihre Kinder zwang, hebräisch unbedeckten Hauptes zu lesen und die Nichtbefolgung dieser Weisung des Lehrers mit Strafen belegte. In der Motivierung für Austrittsgelüste aus der Gemeinde bildet auch naturgemäß dieses Unrecht einen Hauptpunkt. Warum soll, was dem Christeukinde recht ist, dem Judenkiude nicht billig sein? Somit stand in der Beratung des Vcrtreterkollegiums über diesen Gegenstand ungemein viel auf dem Spiele. Wäre sie anders ausgegangen, ein neuer Keil wäre in die Gemeinde getrieben worden, die unglücklichen Folgen nicht abzusehen. Freuen wir uns darum der mannhaft jüdischen Haltung unserer Vertreter! Wir rufen ihnen ein aufrichtiges „Schekauach" zu. doch immer nur aufrichtige Verachtung bekundet hatte; alle seine arischen guten Freunde machen ihm klar, daß man sehr wohl antisemitisch fühlen, aber jüdisches Geld nehmen und genießen könne, und daß bei ihnen der Erbe eines jüdischen Millionärs nichts weniger gelte als der Adoptivsohn eines unibemitteiten Generals. „Antisemit?, natürlich bin ich das", sagt die greise Gräfin Usel, „aber ich hab' Pech damit; denn die Juden, die ich kenn', sind zufällig lauter scharmante Leut.'1, Dieses Bekenntnis scheint Bahrs eigenes - zu sein; auch er kennt lauter Juden, die zufällig scharmante Leut' sind, und mit deren manchem ihn langjährige, herzliche Freundschaft verbindet. Mit Genugtuung pflegt er zu erzählen, wie Theodor Herzl ihm als^nem der Ersten seine Erleuchtung zum Zionismus ""offenbart habe, die aus der Degradationsszene von Kapitän DreyfuiK entsprang, wie er sogleich volles Verständnis für das Erwachen des zionistischen Gefühles in Herzl empfunden habe und wie er dem begabten und liebenswerten Menschen nachtrauere. Auch Arthur Schnitzler und Stefan Zweig gehören, über manche gegensätzliche Anschauung hinweg, zu seinen Freunden. Es geht Hermann Bahr mit seiner Wertschätzung des Judentums fast ebenso wie mit seiner Vaterlandsliebe. Beide erscheinen ihm so natürlich und eines normal denkenden Menschen einzig würdig und ihm angemessen, daß er sie nicht lange und viel beteuern und

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