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Die Wahrheit · 1923-07-15 · Heft 14 (15.7.1923) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 14 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 14 jüdische Nationalität zimmerten, ohne daß ihnen diese Politik zum fiele geworden wäre. Die Lage der tsehecho-slowakischen, insbesondere der sudetendeutschen Juden ist seit Jahrzehnten eine recht heikle. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Juden deutsch können, deutsch denken. Sie sprechen und denken eben im Geiste ihrer Umwelt und als Ergebnis ihrer staatlichen Erziehung. Man vergesse nicht, daß die Germanisierung des Böhmerlandes auf Jahrhunderte zurückreicht und' die Hegemonie der Deutschen eines der verhängnisvollsten Schlagwörter war, das den Nationalitätenkampf mit allen traurigen Begleiterscheinungen und noch traurigeren Folgen verschuldet. Die deutschböhmischen Juden standen im Bann und im Gefolge der „Verfassungspartei", die sich aus jenen verbohrten Altliberalen zusammensetzte, deren Typus der sogenannte junge Plener und' Genossen bildeten. Ihr Verhältnis zu den landsmannschaftliehen und sonstigen Juden ließ sich dahin präzisieren: „Blamier mich nicht, mein liebes Kind, und grüß mich nicht unter den Linden." Namentlich der deutsche Großgrundbesitz hielt es für standeswidriig, sich mit jüdischen Sachen zu befassen.. Am aller wendigsten, als der Antisemitismus österreichische Parlamentsmode wurde. Trotzdem hielten die Juden zur deutschliberalen Partei. Diese Verfehlung, diese „Mitlauf er ei" bei der Bekämpfung aller Ander snationalen kann ihnen von diesen noch immer nicht verziehen werden. Ob die sudetendeutschen Juden auch nach den Erlebnissen der letzten Zeit, nach Prof. Steimherz und den sonstigen Auswirkungen groß- und kleindeutscher Hakenkreuzlerei germanophil sind, läßt einigen Zweifel zu. Hält man dem entgegen, daß diie verantwortlichen Männer der Tschecho-Slowakei tatsächlich mit dem Antisemitismus strenge ins Gericht gehen (siehe das von uns in der letzten Nummer gemeldete Verbot des „Michel" für die Tscheeho-Slowakei) und daß ihr Regierunigssystem von dem Hort staatlicher Gerechtigkeit, von dem edelgesinnten Präsidenten Masaryk seine Impulse empfängt, wird man über das Schicksal der Juden In diesem Lande beruhigt sein dürfen. . —d. Hut ab zum Gebet! Von einem Familienvater. Mit Grausen denken wir an den — vorläufig? — überstandenen Drill des Militarismus, wenn wir an das Kommando „Helm ab zum Gebet!" erinnert werden. Welch ein Zwang, welch eine Selbstüberwindung bedeuteten aber diese Worte für den jüdischen Soldaten, der nach uralter Vätersitte und vor allem religiöser Satzung bedeckten Hauptes zu beten gewohnt war. Nicht viel hätte gefehlt und dieser Gewissenszwang wäre — es klingt wie Ironie — im jüdischen Religionsunterricht bei ums in Wien: gesetzlich sanktioniert worden. Das Schulinspektorat vertrat die Ansicht,, das Erlernen und Einüben der hebräischen Gebete vertrage sich nicht miit dem Bedecken des Hauptes. Wir wollen nicht persönlich werden,;haben auch keinen Anlaß dazu. Die wissenschaftlichen Qualitäten des Herrn Inspektors kommen hierbei nicht in Frage. Ebensowenig sollen seine pädagogischen Fähigkeiten angezweifelt werden. Entschei- Feuilleton Hermann Bahr. „Die Rotte Korach." Hermann Bahr, dessen 60. Geburtsfest demnächst (19. Juli) von der literarischen und künstlerischen Welt enthusiastisch gefeiert werden wird, ist nicht mit der Klassifikation „beliebter Erzähler" und „gewandter Dramatiker" abzutun. Wiewohl er beides in nicht gewöhnlichem Ausmaße ist. Was ihm bei der Leichtflüssigkeit seiner Produktion und seiner fast allzugeschwinden Bereitschaft, sich auf Tagesprobleme einzustellen, besonders hoch anzurechnen wäre, das ist, daß er keinen Kriegsbegeisterungsroman geschrieben, auch keinen aufgeputzten Patriotismus zur Schau getragen hat. Ihm, den gebürtigen Linzer, ist Patriotismus eine so selbstverständliche Sache, daß er es wirklich' garnicht notwendig findet, erst noch davon zu sprechen. Nicht ganz so überflüssig mag es ihm jedoch erscheinen, von seinem Christentum Bescheid zu geben. Und er tut dies, da sich 'hierfür in seiner sonst weltlich gesinnten Produktion wirklich nicht das bescheidenste Plätzchen gewinnen läßt, in den aillsönnrtäg- Iich im „Neuen Wiener Journal" abgedruc/kten Tagebuchblättern, mehr dem Journal als sich selbst zuliebe. Hingegen verdanken wir Bahr den ersten undeinzigen in Wien spielenden Kriegsern.üchterun:gsroman, der zugleich sein Judenwerk darstellt. Denn ohne ein solches wäre das Lebenswerk eines deutschen Dichters unvollständig, und er hatte die Mitte der Fünfziger überschritten, als er fand, daß es an der Zeit sei, diese Lücke in seinem Schaffen auszufüllen. Aber nicht aus1 Bibel, Geschichte oder Legende holte sich der Gegenwarts- und Gesellschalftsschilderer seinen Stoff und seine Modelle. Dem aktuellen Wiener Leben sind sie entnommen, und man sollte sich nicht wundern, an der nächsten Straßenecke mit ihnen zusammenzustoßen. Da ist vor allem der kleine Dr. Beer, dessen wunderbare Chirurgenhände so manchen Verwundeten in den Kriegsspitälern gerettet und dem Leben wiedergegeben haben. Er ist durch uind durch Zionist, und in ihm hat Bahr dem tiefen Respekt, den ihm der jüdische, wahrhaft UnteHdktuelle einflößt!, Ausdruck gegeben. Er ist es, durch dessen Mund Bahr von. der „Rotte Korach" spricht, jener vorlauten, anspruchsvollen und vordringlichen Klasse, die ohne eigenes Verdienst und ohne Leistung die ersten Rollen an sich reißen möchte. Was wißt Ihr denn vom Juden? — läßt der Dichter den kleinen Doktor sich ereifern — was ein rechter Jud ist, kommt ja garnicht in Eure Kreise; was sich da herumdrückt und breit macht, ist schon längst kein Jude mehr, es ist „die Rotte Korach", die gerne von sich reden hört und immer von sich reden machen

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