Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 13 (1.7.1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 1« Bürger sind, werden sie ausgeschlossen von allen Aemterm, „einerlei ob' gegen Entgelt oder im Ehrenamt, einerlei ob für Reich, Staat und Gemeinde". Ausgeschlossen vom Militärdienst, vom Wahlrecht, vom Beruf als Anwalt, Lehrer, Theaterleiter, Bankier, Landwirt, Zeitungsbesitzer und von der Mitarbeiterschaft an Zeitungen, die nicht als jüdische kenntlich gemacht sind. Dafür haben die Juden „doppelte Steuern zu zahlen wie die Deutschen4'. Dieser Mann, der der Welt ku<nidgab, welche Schritte er unternehmen würde, wenn er der Kaiser wär, ist der Vorläufer der Hakenkreuzlerhüuptlinge, die Geist von seinem Geiste sind. Doch wer ist dieser Mann? Er nennt sich auf dem Titelblatt Daniel Frymann. Und wer ist Daniel Frymann? Gottfried Keller hat, in Berthold Auerbachs Volkskaiender zuerst veröffentlicht, eine schöne Novelle geschrieben, de Auerbach mit dem packenden Titel versah: „Das Fähnlein der sieben Aufrechten." Man kann darüber in ihrem Briefwechsel lesen. Der Fahnenträger dieser Aufrechten in der Novelle heißt Daniel Frymann. Der Judenfresser, der sich diesen Namen anno 1912 beilegte, hatte vermutlich keine Ahnung, daß Titel und erste Veröffentlichung des Schriftwerks von einem Juden vorgenommen wurde. Der neue Daniel Frymann ist kein anderer als Herr Heinrich Ciaß, der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, der Gebieter der „Deutschen Zeitung". „Michels Pech." Selten kommt ein Unglück aliein. Nachdem der deutschnationale „Michel" in Gemäßheit des Gesetzes zum Schutze der Republik draußen im Reich verboten wurde, erreichte ihm das gleiche Schicksal in der tschecho-slowakischen Republik. Das gemaßregelte Blatt will diese Verfügung damit erklären^ daß die Prager Staatspolizei es als eine Fortsetzung des 1920 verbotenen „Grobian" bezeichnete. „Michel" verwahrt sich gegen den Vorwurf, ein Grobian mit Gänsefüßchen zu sein, der angeblich noch immer munter in Salzburg erscheint. An diese Tatsache knüpft „Michel" die Hoffnung seiner bevorstehenden Freigabe als „parteilose" Zeitschrift. Wie weit es mit der Parteilosigkeit dieses Blattes gegenüber allem Nichtgermanisch'en ist, bedarf keiner Erklärung. Immerhin wußte der geschäftskluge Herausgeber Hans Kipper aus diesem Schlage Vorteile zu ziehen und geht die Leser an, durch Werbung in anderen Ländern ihn für den schweren Verlust schadlos zu halten. Provozierende Geschäftsleute. Wie uns mehrfach mitgeteilt wird, gibt es ausgerechnet in der Leopoldstadt, dieser „Judenhalbinsel", christliche Geschäftsbesitzer, deren Handelsgehilfen im Kundenverkehr das Hakenkreuz zur Schau tragen. Diese schamlose Herausforderung zahlreicher jüdischer Kunden, schreibt man uns, kann nicht genug scharf angeprangert werden. Richtig. Wie aber erst jene jüdischen Kunden, die sich, als ob nichts geschehen wäre, von derartigem Provokateuren ruhig bespeien lassen? Es wurde angeregt, eine Warnungstafel vor jenen nationalen Firmen zu errichten, die so feige sind, das Hakenkreuz nicht auch in ihren Schaufenstern sichtbar zu machen, damit jedermann wisse, woran er ist. Vielleicht würde das jüdische Käufer doch abhalten, sich zu besudeln. Theater, Kunst u. Literatur | Apollotheater. An dieser Bühne gastiert derzeit die E x 1 b ü h n e, sie bringt gute Ensemblekunst und bietet mit ihren Bauernkomödien sozusagen dem Wiener ein Sommertheater. Die Exlleute sind aber keine landläufigen Bauernspieler, ihre Vorstellungen haben künstlerischen Wert, besonders wenn sie sich die Aufgabe gestellt haben, literarisch wertvolle Stücke zu bringen. O. H. „Der Kämpfer'. Es liegen uns die beiden, ersten Ausgaben der neuen Zeitschrift „Der Kärrupfer", Zentralorgan der deutschijüdisehen Jugendgetaeiin'- schaft, vor. Sie ist in höchstem Grade 'begrüßenswert, auch jenen durch die Fülle der Jahre „albgeklärten" Glaubensgenossen, die für die frische, frohe, draufgängerische Art des Nachwuchses, nicht viel, höchstens klügelnde Bedenken, übrig) halben. Die deutsch-jüdische Jugendgeimeinseha'ft ist alber eine Notwendigkeit und! logische Antwort auf die deütschnationale Jugendbüindlerei. Dem bedenkenlosen Kampf dieser1 muß der gleich lebhafte Abwehrkamipf entgegenwirken; eine Ergänzung und Unterstützung der schon bestehenden Schutzverfoände. Altfe Reformen, alle Stürme zum Sturz des Freiheitfeindliehen, Lichtfeindlichen, Verrotteten gingen bisher von der Jugend aus. Auch in unserem Volke, von den lagen der Makkabäer bis auf die Gegenwart. Deshalb kann man dem „Kämpfer" beipflichten, wenn er das Sprichwort „Wie die Alten sungen>, zwitschern die Jungen" außer Kurs gesetzt betrachtet. Aber auch ein anderes möchten wir beifügen, daß „Jugend keine Tugend hat". Wenn sie nur die Tugend des entschlossenen Wagemuts besitzt, so versöhnt; dies mit manchem ihrer Fehler. „Ich «ehe es gerne, wenn der Becher überschäumt" ist dlas Bekenntnis gereiften Verstehens. Und so wünscheni wir dem „Kämpfer" (Verlag Berlin N. 37), der für die Konkordanz Deutschtum und Jutentum eintritt und eine recht wackere Sehriftleitunig bekundet, verdienten Erfolg und weite Verbreitung. d. Frommt uns ein neuer Glaube? Im Philo-Verlag, Berlin, ist soeben unter obigem Titel eine Schrift von MedizinaÜrat Dr. Heinrich H a a s e erschienen. Wir machen unsere geschätzten Leser darauf aufmerksam, daß sie diese ausgezeichnete Broschüre durch Bestellung in jeder Wiener Buchhandlung erhalten können. Eine nähere Besprechung erfolgt in einer der nächsten Nummern. Ozroth Chajim. Das ist der Titel des ersten Bandes eines zu erwartenden neuen großartigen Werkes unseres Mitarbeiters Chajim Bloch. In der Responsenliteratur, diesem dem Talmud folgenden wichtigsten Teil des jüdischen Schrifttums von der ersten Zeit ihres Entstehens bis auf die Gegenwart, soweit sie aois den. Stürmen der Zeiten!, der vielen Verfolgungen und Vertreibungen der Nachwelt erhalten blieb, finden sich zerstreut Schilderungen von Ereignissen, die für die Geistes- und Kulturgeschichte der Juden einen außerordentlich wertvollen Stoff bilden. Es ist nun ein großes Verdienst des bekannten Gelehrten Chajim Bloch, der, wie wir erfahren, seit mehreren Monaten emsig