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Die Wahrheit · 1923-07-01 · Heft 13 (1.7.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 13 (1.7.1923)
Date
1923-07-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Veröffentlichungen i 4 ^ei* ■ Postsparkassen-Konto „Union deutschösterreichischer Juden" j T€lephN;n 2* „ Der Aufmarsch der Parteien. Je näher wir dem Termine für die Neuwahlen in den Nationalrat rücken, unisomehr verdichtet sich der Kampf der Parteien. Auch diesmal wird die Schlacht fast ausschließlich zwischen „Schwarzen" und „Roten", das heißt, zwischen Christlichsozialen und Sozia'ldemokraten ausgefochten werden. Die Christlichsozialen vertreten vorwiegend bäuerliche Interessen, während die Sozialdemokraten die Bedürfnisse der Städte und der Industrieorte wahrzunehmen haben. Mit Recht ist neulich in einem führenden Blatte die Frage aufgeworfen worden, wo denn in diesem Kampfe das freiheitliche Bürgertum sei. Die Antwort auf diese Frage hat die jüngste Versammlung des Industriellenverbandes gegeben, in welcher der Vorsitzende zugestand, daß diese große, kapitalskräftige Organisation die „staatserhaltenden Elemente" der Frontkämpfer und Heimwehren mit reichen Mitteln unterstützt. Daß solche Subventionen auch den nationalsozialistischen Hakenkreuzlern gewährt werden, wurde zwar geleugnet, die Gerüchte wollen jedoch nicht verstummen, daß auch das Hakenkreuz an dem von den Industriellen ausgestreuten Segen beteiligt ist. Frontkämpfer, Heimwehren und Hakenkreuzler sind antisemitische Gruppen und es wird also audh das Geld jüdischer Industrieller mr Stärkung der Judenhetze verwendet. Welcher Geist im Verbände der Industriellen herrscht, beweist die Rede, die der Margarinefabrikant Oskar Tscheinitz, ein getaufter Jude, in der letzten Versammlung von sich gegeben hat. Dieser Herr erklärte, „daß ihm jeder recht sei, der ihm den Schutz seines Besitzes gewährleistet". Herr Tscheinitz ist von einem Ehrgeize beseelt, der im umgekehrten Verhältnisse zu seiner politischen und sonstigen Bildung steht. Auf die Methoden, die er zur Erhaltung seines „Be'siftzes" anwendete, hat vor einigen Jahren eine Gerichtsverhandlung ein charakteristisches Licht geworfen. Die Tendenz dieser Aeußerung zielt dahin, daß dem Herrn Tscheinitz und, wie der Beifall,, den seine Worte erweckten, zeigte, auch vielen seiner Staridesgenossen politische Grundsätze, Staatswohl, Fortschritt und Gleichberechtigung vollkommen schnuppe sind, wenn nur Vermögen, Geschäft und Profit, gleichviel von wem, igeschützt werden. Wenn das freiheitliche Bürgertum so aussieht, dann begreift man, daß es seine Geltung im staatlichen Leben verloren hat. Nebenher läuft in der Aeußerung des Herrn Tscheinitz der nicht ausgesprochene Gedanke, daß die sozialdemokratische Partei als Feindin des „Besitzes" zu fürchten sei, eine lächerliche Unterstellung, da ja der Begriff des Kapitals von dem Begriffe der Arbeit nicht zu trennen ist. Aber Herr Tscheinitz verwechselt hier vielleicht Kapital und Spekulation, was wir seiner oben schon erwähnten mangelhaften politischen und ökonomischen Bildung zugute halten wollen. Die sonderbaren Machenschaften des Industriellenverbandes haben zwölf aufrechte 'jüdische Mitglieder desselben zum Austritte bewogen. Die anderen Juden, die in dieser Körperschaft verblieben sind, repräsentieren nicht die jüdische Wählerschaft. Die Herren auf dem Schwarzenbergplatze täuschen sich sehr, wenn sie glauben, daß sie diese jüdische Wählerschaft, die zumeist im Mittelstand wurzelt, bei den Wahlen mit Frontkämpfern, Hakenkreuzlern und Heimwehren zusammenspannen können. Es liegt nicht im Interesse der österreichischen Juden, nach irgend einer Richtung hin Klassenpolitik zu betreiben. Nicht die Interessen der Industriellen, die nur sich selbst vertreten, sondern die Interessen der gesamten städtischen Bevölkerung, der Kauf- . leute, der Gewerbetreibenden und auch der nichtrevolutionären Arbeiter müssen uns am Herzen liegen. Es wäre deshalb auch ein verhängnisvoller Fehler, wenn sich die jüdische Wählerschaft in eine grundsätzliche und gehässige Gegnerschaft zu den Arbeitern hineintreiben ließe. Die wirtschaftlichen Bestrebungen des erwerbenden Mittelstandes sind andere als die der klassenbewußten Arbeiterschaft. Aber in politischen Dingen und namentlich in der Verteidigung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung dürfen die Juden noch immer auf die kraftvolle Unterstützung der sozialdemokratischen Partei rechnen. In jeder Partei muß es einen rechten und einen linken Flügel geben, eine freiheitliche Bürgerpartei, die ihre Aufgabe einzig und allein in dem Schutze des Besitzes der Industriellen erblicken würde, hätte von •vornherein verspielt. Diese Spaltung in Interessenkreise war der Grund, warum bisher alle freiheitlichen bürgerlichen Organisationen versagt haben. Wir begreifen ja, daß die Not der Zeit den Egoismus in allen Schichten der Bevölkerung scharf herausgemeißelt hat. Aber hoch über diesem Egoismus muß der Gedanke der Gemeinsamkeit aller Staatsbürger, des Fortschrittes auf dem Wege der Rechtsgleichheit, der Freiheit und der Selbstbestimmung des Volkes stehen. Das sind die Zielpunkte, welche auch die jüdischen Wähler zu leiten haben und voraussichtlich bei den bevorstehenden Wahlen leiten werden. In eine Zweckgemeinschaft mit antisemitischen Kampf- und Sturmtruppen werden wir uns unter keinen Umständen hineinpressen lassen. S. Fl—r. Sind die Juden die Führer des Bolschewismus? Täglich wird in der deutschvölkischen Presse und in deutschvölkiischen Versammlungen Sowjet- Rußland als „Sowjet-Judäa" bezeichnet. Selbst freiheitliche Politiker bezeichnen es als „historiische Tatsache", daß 99 Prozent der bolschewistischen Führer Juden seien; daß gerade die Juden infolge der bolschewistischen Herrschaft ungeheure Opfer an Gut innld Blmt bringen mußten, wird verschwiegen. Schlagend hat diese Wahrheit Dimitri B u l a s c h e w in "seiner Schritt „D i e Nutznießer des B o 1-

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