Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 13 (1.7.1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 13 meindetempel ebenso Gelegenheit, wie für das Anhören parteipolitischer Agitationsreden. Aber an unserer Wiener Tradition, dem „Wiener Minhag", zu tasten, hieße die Wiener Gemeinde ihres wichtigsten Ruhmestitels, ja ihres Wesens und eigentlichen Wertes entkleiden. Was unsere Väter in harten Kämpfen geschaffen halben, dlas zäh zu verteidigen und einen Rückfall in die vor und nach Mannheimer hier und da herrschende Barbarei vorzubeugen, ist unsere, der Epigonen und Erben, ernste Pflicht. Eine Notbrücke zum Verständnis unseres Gottesdienstes denen' zu büeteii^ deinen das hebräische Wort allein nichts sagt, ist ebenso natürlich und geboten, wie man bei uns auf Shakespeare; und seine gigantische Größe erst durch die Uebersetzungeu der deutschen Klassiker und Romantiker aufmerksam wurde und für die chinesische Kultur erst durch Proben in deutscher Sprache Verständnis gewann. Auf die Sache kommt es an, nicht auf die Form. Wird der Sache, der Erhaltung und Belebung religiösen Sinnes in den jugendlichen Herzen gedient, dann ist Entgegenkommen in' der Form geboten. „Lau hakapdon melammed" lehrt die jüdische Erzieherweisheit: „Nicht mit unniachsidhtlicher Gewalt und stürmischer Ungeduld kommt man zum Ziele." Aber auch „lau habaiscbon laumed", nicht indem man sich nachgiebig zurückzieht und vor brutaler Willkür die Waffen streckt, erhält man sich und der Jugend die Liebe zum Judentum und nährt man das Verständnis seiner unsterblichen Werte. Was dem einen gut erscheint, müssen noch nicht die andern gut heißen. Eines schlickt sich1 nicht für alle. Für Autokratie gläubigen sein? Geradle umgekehrt, der Bildüngs- und Fortschrittsphilister ist überall und immer antiimperialistisch, und Nationalismus ist Schulbeispiel des Handelns und Denkens aus dem von keinerlei Vernunft regulierten Instinkt und Gefühl. Der Schwerpunkt des Buches und sein Hauptinhalt ist der flammende Aufruf zum Judentum. Emil Cohn ist zionistisch eingestellt, das ist sein Röcht, sein Recht mehr als das manches anderen, weiil er um seines Bekenntnisses willen in jungen Jahren zum Märtyrer geworden war. Und dieses Recht muß man iihim um so vorurteilsfreier zuerkennen, als er durchaus nicht zu den Völkischen schlechthin gehört. Selten hat ein Zugehöriger so stark wie er in diesem Buche die Glaubenslosigkeit des Völkischen gegeisselt, das Ersatzmäßige, das ihrem Judentum anhaftet, im Gegensatz zu dem der religiös Ergriffenen. Und doch därf auch ihm, der als Bekenner zugleich Kritiker ist, mancher Vorwurf nicht vorenthalten werden. Man kann ruhitg mit ihm das Wüederauftauchen des Palästinagedankens in der Seele des Juden als Wunder betrachten, aber ist er berechtigt zu sagen, daß Religionsübung in Palästina ein anderes ist als anderwärts? Wörtlich: „All diesen Leuten, die den Gott ihrer Väter alljährlich fast nur eine Anstandsvisite im Gehrock und Zylinder zu machen pflegen, mag wohl doch eine Stile Ahnung gekommen sein, däß dieses kleine Palästina eine Schicksalsfrage für sie ist, und daß man den Herrgott ganz anders am Rockzipfel faßt, wenn mlan dort drüben baut, als wenn man hüben bei uns einmal in Zeiten mit zudärf in unserem: Kulltäuis keiin Räum sein. Laune und Willkür, und die Sucht, das Steuer unserer Entwicklung in einen neuen Kurs zu drehen, muß alle jene zum Widerstand herausfordern, denen diese neue Richtung im Innern fremd ist und widerstrebt. W'ill man die Konfirmation — oder „öffentliche Religionsprüfung", wenn das Wort Pein macht — abschaffen^ so ist dlas efa Standpunkt, über den sich sprechen und streiten läßt. Ueber eine solche Forderung muß aber in der breitesten Oeffentiichkeit eine Diskussion abgeführt werden, an der allen Gemeindemitgliedern sich zu beteiligen Gelegenheit geboten wird. Uns, den Vätern und Müttern, die doch in solchen Fragen ein Wort darein zu reden in erster Reihe ein gutes Recht haben, steht jedenfalls die Erfahrung zur Seite, daß der Eindruck, den die Mädchen von einer würdigen Ausgestaltung dieser nunmehr weit etwa ein Jahrhundert alten "Einrichtung ins Leben mit hinausnehmen, ein bleibender und günstigerist. Kommt noch eine, wenn auch noch so kurze Vorbereitung hinzu, die durch Inhalt wie persönliche Einflußnahme des unterrichtenden Rabbiners eine nachhaltige charakterbildende Wirkung auf die Mädchen ausübt, so werden diese gewichtigen sachlichen Gründe über formale Bedenken obsiegen müssen. Daß die Entwicklung unseres abendländischen Judentums dem Gotteshause und Gottesdienste eine überwiegende Rangstellung unter den das Judentum erhaltenden Faktoren einräumt, kann man beklagen. Mit dieser Tatsache muß man aber rechnen, wie ein Mannheimer bereits mit ihr zu rechnen hatte. Und daß in diesem Jahrhundert seit Mannheimer!!die Institution der Konfirmation sammengebügelten und silberbetreßten Tallis zur Thöra hinaufgeht, während die Orgel braust." Man übergehe die Erwägung, ob es nicht vielleicht in Palästina auch manchen geben wird, der nur eine Anstaudsvisite macht ilm Gotteshaus, auch ohne diese feuilletonistische Verbrämung. Was ist das für ein Denken, das hier zum Ausdruck kommt? Ich kann mir nicht helfen, das ist modernes Heiligtum. Hat dazu die Bibel Gott reden lassen: „U e b e r a 11, wo ich meinen Namen anrufen lasse:, werde ich zu dir kommen und dich segnen?" Wenn Judentum und Palästina so aufeinander angewüesen wären, wäre längst nichts mehr von ihm erhalten. Nein, das ist, ob's der Autor wahr haben will, oder nicht, Materialismus. Mit solcher These ist das Judentum als Weltreligion erledigt. Und Rationalismus ist es auch, wenn er dem Blut und seinem Rauschen und Fließen in den Adern der Menschen und Geschlechter Kraft und Gestaltung zumißt. Ist da nicht, auch Wenin mau es nicht will, nur ein Schritt bis zu dem Wahnsinn des Rassenfexes? Auf drei Wegen will Emil Cohn den Juden zum Judentum zurückführen. Er ruft auf zu hebräischer Sprache, zum Innehalten auf dem Wege der Ausmerzung der heiligen Sprache aus dem Gottesdienst und dem Bewußtsein, zur Gläubigkeit und zur Wiederbelebung der Form. Das meiste, was er da sagt, ist trefflich über alle Maßen. Ich erwähne mit besonderem Nachdruck, was er über die Geistesarmut der deutsehen Orthodoxie sagt. Selbst zur Gesetzestreue gekommen und zu ihr aufrufend, rügt er all ihr ihre