Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1923-07-01 · Heft 13 (1.7.1923) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 13 (1.7.1923)
Date
1923-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064121-3064134--12231-3079673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15 Seite 5 und ausmerzen will, auch hierbei die Absicht haben, gutzumachen, was einst gefehlt wurde? Nach diesen Eindrücken muß ich doch meiner Verwunderung darüber Audruck geben, daß man aui der einen Seite die Bedeutimg eines Mannh e i m e r durch Neudruck seiner Redeu und Worte der Anerkennung preist und auf der anderen sein mühsam aufgebautes Werk in sinnlosem Vandalismus zerstört. Mit der Einführung der Konfirmation, die bei Unterrichteten höchstens durch diesen Namen hier und da Anstoß erregen kann, in der Sache aber mit der christlichen Feier gleichen Titels nicht das Geringste gemeinsam hat, darum auch nicht als „Nachahmung fremden Brauches'' zu brandmarken ist, sondern nur einen feierlichen Abschluß des Religionsunterrichtes bedeuten soll, mit dieser und anderen Maßnahmen wollte Mannheimer, im innersten Kern konservativ, denen eine Brücke zum Judentum bauen, die, wie unsere Konfirmandinnen doch gewiß, ohne eigenes Verschulden jüdischem Wissen und Leben fernestehen. Es hat doch nicht jeder das Glück, in einem Milieu geboren und erzogen zu werden, das mit Judentum so gesättigt ist, daß es solcher Stützen und Notbehelfe, wie die Konfirmation, nicht bedarf. Darum darf man aber noch nicht die Stiefkinder des Glücks, die trotz ihrer mangelhaften Kenntnisse des Judentums doch auf ihre W'eise jede gebotene Berührung mit der Religion der Väter suchen, dieser Möglichkeit berauben. Eine solche brüsk abweisende Ablehnung verstünden wir allenfalls in einer streng orthodoxen Gemeinde mit orthodoxer Leitung. Der Voll Leidenschaft ist dieses Kapitei, mit einem Pathos der Rede, daß man unwillkürlich gepackt und voM'ör Spannung sich fragt: Ja, was ist denn das Ungeheure, das in der Seele dieses Menschen vor sich gegangen ist, was ist das Gewaltige und Unerhörte, das er vor seine Zeit hinstellt? Daß diese Frage im Leser erweckt wird, — und sie muß aufkeimen nach dem Ton und der Spannung der Rede — ist der erste schwere Fehler des Buches. Wenn man mit solcher Leidenschaft sich als einen reuig Bekehrten hinstellt, seine Seele so bloßlegt, dann erwartet man ein Ungeheures, erwartet man die Offenbarung eines neuen Weges. Und es kommt: Ja, es kommt eine breite, tüchtige Lektion über die Fehler der Zeit. Ein Urieil über dte Zeit, das sicher jeder Rabbi, wenn er nur irgendwie es als seine Aufgabe erfaßt hat, vom Judentum aus das landläufige Denken der Zeitgenossen zu kritisieren und es am Judentum und seinen Ewigkeitsgedanken zu messen, auf seiner Kanzel seinen Hörern mehr als einmal ins Denken einzuhämmern, ins Fühlen einzupflanzen versucht hat. Er legt in schöner und geschlossener Darstellung die drei großen Schäden der Zeit bloß, den Kapitalismus, das heißt das Unvermögen, das Geld als Mittel des Lebens, die Sucht, es als Zweck des Lebens zu erfassen, den Sexualismus, das heißt die Sucht, die Liebe als Genuß zu erwecken, statt sich ihr als Auswirkung des geheimnisvollen'Schöpfer willens hinzugeben, den Nationalismus, das heißt die Loslösung von der Auffassung, daß man durch seih Volk zur Menschheit kommen muß und' das Versinken im Cha'uvih)iismus.und Imperialismus. All das ist richtig, Wiener Kultusgemeinde hat aber Mannheimer in weiser Würdigung ihrer geographischen und ethnographischen Lage die Aufgabe zugewiesen, Ost und West nicht etwa einander zu assimilieren, wofür beide Teile weder genügend Neigung noch Selbstentsagung bekunden dürften, sondern, wie Goethe sagt, sie „ruhen zu lassen im Frieden seiner Hände", ihnen einen Spielraum zu gewähren, in dem sie sich vertragen können. Für die Pflege heimischer Kultur findet jede Landsmannschaft und Kultusschattierung-in den zahlreichen jüdischen Bethäusern Wiens hinreichende Bewegungsfreiheit. In den Tempeln der Kultusgemeinde aber soll nach dem grundlegenden Vorbilde Mannheimers ein Gottesdienst vorherrschen, in dem das ästhetische Moment zur Geltung kommt, das in unserer klassischen Literatur den religiösen Tendenzen einen so mächtigen Hebel verleiht, der somit der Entwicklung Europas, in das wir hier nun einmal eingebettet sind, gebührende Rechnung trägt. So wie die Predigt, den von Mannheimer und anderen vorgezeichneten Richtlinien getreu, das deutsche Wort und das moderne Denken mit dem hebräischen Zitat und den Perlen altjüdischer Weisheit in Einklang zu bringen hat, müssen S u 1 z e r und seine Nachfolger auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges Muster dafür bleiben, wie man traditionelle Weisen und altjüdisches Empfinden in eine Form gießt, die dem an den Mei sterschöpfungen europäischer Musik geschärften Ohr einen echten Kunstgenuß bereitet. Will man als Ethnograph jüdische Volkslieder oder Volkssänger studieren, so bietet sich dafür außerhalb unserer Geist gut und klug, aber um das zu sagen, eine solche Wucht des Bekennens? Worin aber wurzelt nach Emiil Cohn die Sünde der Zeit? Im Rationalismus, in der Ueberschätzung der Vernunft, in der Sucht, d'as Leben nicht nach seinen innersten Triebkräften, sondern nach dem Vernünftigen zu regeln. Hier ist ein Grundfehler des Buches, ein doppelter. Man frage sich zuerst einmal, verdient denn der Rationalismus diese glatte und schroffe Zurückweisung, die er überall erfährt? Selbst wenn man ihm entsagt hat, kann man denn der Tatsache blind gegenüber stehen, daß auch das Wertvolle der Zeit von ihm ausgegangen ist? Ohne ihn gab es keine französische Revolution, ohne ihn keine Judenemanzipation, ohne ihn gäbe es heute noch Ghetto im ältesten Sinne. Auch wer heute den Wert des Irrationalen wieder schärfer erkennt, kann den Wert und die Bedeutung des Rationalismus nicht leugnen, bedarf seiner zur Vermeidung der Ungerechtigkeit und Schraukenlosigkeit, der Maßlosigkeit, die in der Alleinherrschaft des Gefühles liiegt. Aber außer diesem Grundsätzlichen, ist es nicht Willkür ohnegleichen, Sexualismus und Nationalismus aus der Verniinftelei des Rationalismus abzuleiten? Man könnte mit gleichem Recht auch umgekehrt werten. Für Emil Cohn ist der Zeugungswille der Gegensatz zu rationalistischem Denken, und Sombart zum Beispiel stellt in seinem Buche „Die Juden und das Wirtschaftsleben4' gerade das als Ausdruck des ratonalistischen Denkens des Juden hin, daß er bei seiner Liebe immer das Zeugen als Ziel hat. Wer hat nun recht? Nationalismus soll ein Produkt dieser Vernünftelei des Fortschritts-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.