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Die Wahrheit · 1923-07-01 · Heft 13 (1.7.1923) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 13 (1.7.1923)
Date
1923-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE. WAHRHEIT Nr. 1.3 mißte ich das Einführungs- und Abschlußliedi in deutscher Sprache, die früher dem Feste einen stilgerechten Rahmen gaben, und deren eines ich, wenn ich nicht irre, in einem unserer Tempel von den Konfirmandinnen selbst habe singen hören. Sodann war ich erstaunt, zu selieni, daß meiner Nichte, und so gewiß auch den anderen Mädchen, als Andenken ein Gebetbuch von Mich. Sachs überreicht wurde. Abgesehen davon, daß für Wien, wenn schon ein schlichter Siddur das Andenken bilden soll, der hier in Wien bisher eingeführte „M a n nji e i m e r" sich eher empfohlen hätte, wenn man einen praktischen Zweck, die Benutzung dieser Gebetbuchspende, im Auge hat, so bleibt immerhin die Frage, weshalb man die „Beruria" bei Seite gelegt hat, die vor etwa acht Jahren meiner Tochter bei der Konfirmation überreicht wurde. Ich weiß, daß diese Spende, nicht wie etwa ein Gebrauchsgegenstand, Hut, Strümpfe und dergleichen, naserümpfend quittiert, sondern von den Mädchen a'ls wertvolles Festgeschenk angesehen und wirklich ihrer Bestimmung gemäß benutzt wurde. Es ist mir auch bekannt, daß reiehsdeutsche Gemeinden als Andenken für die Konfirmandinnen die Mädchenausgabe der „Beruria'' eingeführt haben. Und gerade die Wiener Kultusgemeinde, die damit begonnen hat, gerade sie muß damit aufhören? In dem Vorwort zur „Beruria iür junge Mädchen" wird berichtet, daß diese Ausgabe nach Beschluß des Wiener Kultusvorstandes in dessen Auftrage veranstaltet worden ist. Sollte der gegenwärtige Vorstand, der, wie man hört, Sünden seiner Vorgänger gutmachen näherkommen der Völker aus dem Geiste des Verstehens und der Duldsamkeit! Wenn mir das gelänge, was mir vorschwebt, würdet ihr euch hier so aufeinander einstellen, daß ihr bis in euer Alter hinein am Schicksal anderer Nationen im Geiste Goethes Anteil nähmet: Goethe sagt zu Eckermann: „Mit dem Nationalhaß ist es ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur wird man ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo ■man gewissermaßen über den Nationen steht und wo man Glück und Weh seines Nachbars so empfindet, als wär es dem eigenen begegnet." Und so mögen diese vier Wochen ein paar Samenkörnlein aus der Scheuer unserer großen Deutschen in eure jungen Seelen senken! Wenn ihr dann älter geworden seid und mehr und mehr in das politische Leben eingeführt werdet, dann erinnert euch in stillen Stunden eines Julimorgens auf Sylt, an dem ich euch zwei Lehren in Rathenaus Sinne mit auf den Weg gab: Tragt diese Losung in alle Winde fort. Seid stolz, und seid duldsam!" Wohin wir steuern! Von Karl Freundlich. Verwandtschaftliche Beziehungen führten mich dieser Tage zur Mädchenkonfirmation in einen unserer Gemeindetempel. So würdig die Feier auch verlief, fiel mir doch mancherlei auf. Vor allem ver¬ Rabbiner Dr. Emil Cohn, Bonn. Der Verfasser der nebenstehend besprochenen Schrift „Judentum". Nach einem Gemälde von Helmulh Macke. „Aufruf an die Zeit" Von Rabbiner Dr. Dienemann, Offenbach a. M. Mit diesem Untertitel schmückt Emil Cohn sein neuieistes Buch, „Judentum"*). Man kann an diesem Buche nicht vorbeigehen, ohne dazu Stellung zu nehmen, und man kann nicht mit einem kurzen Ja oder Nein Stellung zu ihm nehmen, denn es ist in ihm vieles, dem man aus vollstem Herzen zustimmen muß, und daneben vieles, Was man so leidenschaftlich ablehnen muß, wie es der Verfa*sser bejaht. Wird es auch nicht möglich sein, den ganzen Gedankengang zu entwickeln, ein Abriß des Ganzen muß dem jüdischen Lesepublikum gegeben werden, damit es auf ein solchJds' Buch aiufm'eirksam w'ird;, das erwecken und hinreißen will, und das doch seine Kraft erst erheben kann, wenn man auf es achtet. Ob man es selbsit bejaht oder verneint, es darf nteht sein, daß solch eines Buches Stimme verhallt und verweht, ohne daß Ohr und Herz den Schall vernommen. In zwei Abteilungen zerfällt das Buch, einem kurzem Teile, in dem der Zeit das Spiegelbild vorgehalten ist, und einem größeren, darin vom Judentum und dem Weg zu ihm die Rede ist. Und dem Ganzen geht eine Einleitung voraus, die sich als persönlichstes Bekenntnis gibt. Der Autor stellt sich selbst diar, als einen von der Reue Gepaickten, der durch mancherlei Wandlung hindurchgegangen ist, bis er dahin gekommen ist, daß er seine neuen Forderungen erheben kann. *) „J u d e n t u m". Ein Aufruf an die Zeit von Emil C o h n, Georg Müller. Verlag München, 1923. 252 S.

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