Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 13 (1.7.1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT flÖK Unabhängige Zeitsdirift für jüdisdie Interessen Mit dem Beiblatt; Veröilenflldinnaen der ..Union denfschosterreidilsdier Juden Redaktion und Administration : Wien II.. Heinesiroße 13. - Fernruf 42-2-16 XXXIX. Jahrgang Wien, 1. Juli 1923 Nummer 13 Unsere Rathenau-Feier.*) (Zur ersten Wiederkehr seines Todestages.) Es regnet wieder einmal ganz lieblos. Wir hatten uns zu einer Rathenau-Feier zusammengefunden. Alfred Jehmlich, der tief empfindende Junge, spielte auf seiner Geige das Largo von Händel, dann sagte ich ein paar Worte. Ich zeichnete noch einmal das ecklige Bild des Mordes und fuhr noch unter dem Eindruck des furchtbaren Geschehnis fort: „. . . Was die Meuchelmörder zu ihrer tierischen, rohen Tat bewogen hat, kann ich euch kaum begreiflich machen, will es auch nicht versuchen, denn das sind politische Dinige, die zu erörtern ich mich nicht für befugt halte. Ihr werdet aber alle wissen, daß Rathenau ein Jude war und die Versöhnung der Völker erstrebte. Weltfriedenphantasten und Judenpack muß man aber hassen — das gehört sich so. Rathenau war ein Jude, aber er w a r e i n g a. n z e r deutscher M a n ri! Freilich kein Teutone im Sinne derer, für die es nur uniformierte deutsche Edelgeschöpfe und ausländische Verleumder gibt. Arbeit im Dienste der Volksgemeinschaft war ihm heilige Pflicht, aber darüber hinaus war er auch Europäer, Weltmann, der bei allen seinen Amtshandlungen Rücksicht nahm auf die Vielverflochtenheit der geistigen1 und wirtschaftlichen Beziehungen aller Völker der Erde. Ihm schwebte eine neue Welt ernster, ersprießlicher Zusammenarbeit aller Erdenbürger vor, eine Arbeitsgemeinschaft der V^elt. Ein großzügiger Mensch von solcher Ideenfülle ist den Kleinen im Geiste immer unbequem — das haben im Laufe der Geschichte alle Großen erfahren müssen. Nun war dieser Rathenau noch dazu ein Jude — man mußte also mit ihm aufräumen, je früher, desto besser, je skrupelloser, desto wirksamer. . . Die Verschwörerbanditen gehören denen zu, die d'a wollen, daß Deutschland der Welt trotze. Rathenau erstrebte ein Näherkommen der Völker im Geiste der Versöhnlichkeit. Er wußte in den Seelen der Völker zu lesen, er war ein Staatsmann von weitausholenden Plänen und dabei ein behutsamer Diplomat, ein Adelsmensch. Aus seinen Schriften habe ich zweierlei herausgehört, die eine. Mahnung-: Deutsche, seid ver- *) Mit Genehmigung des Verlages D ü r r's c h e Buchhandlung in Leipzig dem Werke von Paul Georg M ii n c h ,.Mit Jungvolk aller Länder auf Sylt" (Grundpreis jM. 3 X T. Z.) entnommen. Wir verweisen auf unsere Besprechung in Nr. 11. söhnlich, seid duldsam! und die andere, die er als gründlicher Kenner deutschen Landes, deutscher Volkswirtschaft und deutscher Kunst immer wieder durchklingen läßt: Deutsche, seid stolz! Welcher Stolz auf sein Deutschland spricht aus seinem Gedicht, das mit den Zeilen beginnt: „Blond und stahlblau Korn und Lüfte, Himmelaugen heiliger Seen, Dunkler Kiefern Waldesgrüfte, Blasser Dünen Schaumeswehen" . . . Und wenn Rathenau uns hier versammelt sähe, wenn sein Mund noch reden könnte, würde er uns zurufen: Seid stolz auf das deutsche Sylt, trinkt von der Schönheit dieses Erdenwinkels, was die Wimper hält! Aber — versetzt euch in die Seele des kleinen Franzosen, der an der Aisne und an der Marne ge sessen und sein schönes Vaterland geschaut hat «und nun vor einem Trümmerfeld trauert. Seid stolz auf euer Vaterland, aber achtet, würde er sagen, den gesunden Nationalstolz der anderen! Ihr habt in Hamburg Wunder der Technik und Baukunst gesehen. Seid stolz auf die Erzeugnisse deutscher Arbeit! Aber — seid nicht überheblich, auch das Ausland ist kein Paradies für Faulpelze! Wissenschaft und Kunst können auch vom Ausland lernen! Es ist leicht festzustellen, wann Nationalstolz widerlicher Dünkel wird; nämlich dann, wenn er sich der Schlagwörter, Stempel und Abzeichen zu bedienen anfängt. Mit dem Stempel, der überall hin kleckste: Gott strafe England! ging es los. Dann kam die Judenhetze und W a 11 h e r Rathenau mußte den Tod am Hakenkreuze erleiden. National stolz führt im die Irre, wenn er nicht von Duldsamkeit gelenkt wird. Wir haben uns hier zu einer kleinen Gemeinde zusammengefunden und wollen in unseren internationalen Zeitgenossen nur den Menschen sehen. Mußte denn erst ein großer Krieg kommen, ehe der Gedanke reifen konnte, Jungvolk aller Länder zusammenzuführen? In einer seiner letzten Schriften prägte Rathenau das Wort: „Und so muß das Böse die Erde düngen, am daß die Liebe wachse!". In seinem Buch „Von kommenden Dingen" heißt es: „Schließen wir uns im guten Willen zusammen, so wird im gemeinsamen Schauen das Trügerische zerrinnen, das Rechte sich klären; Bedingung ist, daß der Fuß nie den Boden, das Auge die Gestirne nie verliere." Keiner von uns soll hier den Boden seines Vaterlandes verlieren, aber das Auge soll auf das Gestirn gerichtet bleiben: auf das Einander-