Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 12 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 12 Und was für Wien gilt, gilt auch für ganzi Oesterreich! Die Erfahrung, daß nach jeder Ausweisung -die Juden schon in kurzer Zeit zurückgerufen werden mußten, beweist dies zur Genüge. In dem heutigen Oesterreich aber, daß kaum seine Existenz zu fristen vermag und von der Wohlmeinung und dem guten Willen des Auslandes abhängig ist, auf die Juden loszupracken, ist geradezu ein selbstmörderisches Beginnen. Der Rückgang des Fremdenverkehres ist ein Unglück, düs die Antisemiten' über uns gebracht haben. Siegfried Fleischer. Mittelalterliches. Wenn es keine Juden gäbe, so müßten solche eigens geschaffen werden, damit Herr Dr. Jerzabek, seines Zeichens Wiener Rechtsanwalt und Abgeordneter des Nationalrates, nicht um sein geistiges Brot komme. Denn die Mentalität dieses Herrn iist ausschließlich auf die Judenfresserei eingestellt, und was darüber hinausgeht, ist ihm ein Buch mit sieben Siegeln. Er ist der Typus jener geistlosen Demagogie, die mit hohlen Phrasen und aufgedonnerten Schlagworten arbeitet, die Tatsachen fälscht und die Lüge zum Grundprinzip jeder öffentlichen Wirksamkeit erwählt hat. Herr Dr. Jerzabek ist 'der Erwählte des allerdümmsten Kerls von Wien und seiner Wähler in jeder Beziehung würdig. Es ist daher selbstverständlich, daß er den sachlichen Verlauf der Budgetdebatte durch eine blutige Hetzrede gegen die Juden unterbrochen hat. Der Staat kracht in allen Fugen, die Sorge um seinen Bestand und um seine Wiederaufrichtung bedrückt alle Gemüter. Herr Jerzabek aber hat auch in diesen schicksalsschweren Tagen keinen anderen.Gedanken und kein anderes Ziel, als seine Wähler zu einem neuerlichen frisch-fröhlichen Judenschlachten aufzureizen. Er stellt die Behauptung auf, daß die Juden in Oesterreich eine „Vorherrschaft" üben und droht mit „mittelalterlichen Maßnahmen", wenn die Regierung dieser Vorherrschaft nicht schleunigst ein Ende mache. Vom alten Grafen Andrassy stammt das Wort, daß man inicht imit Kanonen auf Spatzen schießen dürfe. Wir würden uns wahrlich mit Herrn Dr. Jerzabek nicht weiter befassen, wenn seine Ausführungen nicht auch im Auslande gelesen und dort vielleicht den Eindruck erwecken würden, daß man in dem Jammerstaate Oesterreich wirklich nichts besseres zu tun habe als die Juden totzuschlagen oder gar zu verbrennen. Eben jetzt wird in ganz Europa und in Amerika die Völkerbundsanleihe zur Zeichnung aufgelegt. Es wird diese Aktion, von welcher Sein oder Nichtsein unseres Staates abhängt, natürlich ganz außerordentlich fördern, wenn man Reden wie die des Herrn Jerzabek zu lesen bekommt. Worin die „Vorherrschaft der Juden besteht, in welchen Erscheinungen sie zu Tage tritt, darüber hat sich Herr Jerzabek wohlweislich! ausgeschwiegen. Es ist ein alter Rabulistenkniff, zuerst eine falsche Prämisse aufzustellen und aus derselben dann die willkürlichsten Schlußfolgerungen zu ziehen. Man frage- Finanzminister Dr. Kienböck, ob er es für ratsam fände, „mittelalterliche Maßnahmen" gegen die Juden d. h. also wohl Plünderung, Mord und Brand in einem Augenblicke anzuwenden, in welchem die Mithilfe der jüdischen Bevölkerung an dem Wiederaufbau des Staates so wenig entbehrt werden kannwie jene jder christlichen Bevölkerung. Der subtile Geist Dr. Jerzabeks hat den richtigen Moment für eine Pogromhetze erfaßt und Herr Dr. Seipel wird nach -dieser Rede im stiller: Kämmerlein wohl zu dem Stoßseufzer gelangt sein: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" Das Mittelalter mag wohl im österreichischen Nationalrate noch durch einzelne Exemplare vertreten sein, wobei wir durchaus nicht an das Rittertum denken, aber mit den „mittelalterlichen Maßnahmen" des Herrn Dr. Jerzabek ist es doch jendgültig vorbei. > - Es tut uns leid, daß wir unmittelbar nach einen: Dr. Jerzabek auch einen Mann von Mut, Tatkraft und staatsmännischer Klugheit wie den Abgeordneten Ottokar C z e r n i n nennen müssen. Auch der Abgeordnete Czernin hat sich in der Budgetdebatte mit der Judenfrage befaßt. Er hat sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß sich die Frontkämpferorganisationen rein antisemitisch eingerichtet haben. In dieser Aeußerung klingt eine Sympathie für die Frontkämpfer durch, die wir weder begreifen noch billigen können. Die Soldatenspielerei dieser Herren hat zu ernsten Zwischenfüllen geführt, und ihre Vereinigung hat keinen anderen Zweck als den Umsturz der bestehenden Staatsordnung. Der Abgeordnete Czernin hat weiters von dem Hasse der bolschewikischen Führer gesprochen und es als „historische Tatsache" bezeichnet, daß dieselben zu 99 o/g aus Juden bestehen. Wir wissen nicht, auf welche statistischen Grundlagen Herr Czernin diese Behauptung stützt, aber wir wissen bestimmt und es liegen darüber zahlreiche verläßliche Nachweisungen vor, daß sie effektiv unrichtig ist. Ebenso unrichtig ist die weitere Behauptung, daß unter den Schiebern — Herr Ottokar Czernin gibt zu, daß es auch, solche christlicher Konfession gibt — der größere Teil sich zum jüdischen Glauben bekennt. Woher weiß dies der Herr Nationalrat? Wir haben während der Kriegszeit statistische Daten über die von den Gerichten und Gewerbebehörden wegen Kriegswucher und Preistreiberei Verurteilten gesammelt und wir fittb in der Lage, dem Herrn Abgeordneten Czernin nachzuweisen, daß kaum 10 Prozent dieser Verurteilten aus Juden bestehe. Es ist gefährlich, Dinge als „historische Tatsache" zu bezeichnen, welche vor der Wirklichkeit in einem ganz anderem Lichte erscheinen. Wir wollen gerne glauben, daß der Herr AbgMdnete Czernin bei diesem Teile seiner Rede von dem guten Willen beseelt war, den Juden Gerechtigkeit - widerfahren zu lassen, denn er hat zum Schlüsse wahrheitsgemäß festgestellt, daß es Tausende und Abertausende von Juden gibt, die anständige und patriotische Menschen sind und daß in dem großen Sanierungswerke des Bundeskanzlers auch die Juden ihren Platz finden. Wir quittieren diese Feststellung. Aber wenn man über eine so heikle Frage spricht, dann muß man zu derselben einen festen Standpunkt gewonnen haben und mit der Materie bis in ihre letzten Ausläufer gründlich vertraut sein. Um gerecht zu sein, hätte der Abgeordnete Czernin darauf Hinweisen müssen, daß neben einer kleinen Schichte Juden große und breite Schichten der nichtjüdischen Bevölkerung sich im Kriege und durch den Krieg bereichert haben, und es hätte diesbezüglich der Hinweis auf die Bauern und auf den ungeheuren Luxus, der bei der letzten Firmung von gewissen kleinbürgerlichen Kreisen entfaltet wurde, genügt. Gewinnsucht und Genußsucht chnd keine spezifisch konfessionellen Erscheinungen, sondern sie haben sich nach jeder großen Umwälzung in allen Schichten der Bevölkerung gezeigt. Das war im Mittelalter so und ist es auch heute, t -sch- Gedenket in keid und Freud des israelitischen Taub stummeninstituts in (JUien, III.» ‘Jucbgasse 22.