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Die Wahrheit · 1923-06-15 · Heft 12 (15.6.1923) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 12 (15.6.1923)
Date
1923-06-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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r Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden“ Wien, IX. Betggasse 4. Postsparkassen-Konto Nr. 9464. TeUpbon Nr. 19-2-77. Fremdenverkehr und Judenhetze. Die „Wiener Hauptstelle der Landesverbände für den Fremdenverkehr in Oesterreich" stimmt ergreifende Klage darüber an, daß seit drei Wochen vom Auslände keine Auskünfte mehr über österreichische Somnrerfrischen abgesordert werden; mit anderen Worten: daß knapp vor Beginn der Sommersaison der Fremdenstrom nach Oesterreich vollständig versiegt ist. Wir dürfen hinzufügen, daß andererseits der Strom österreichischer Erholungsbedürftiger nach dem Auslande, insbesondere nach den Dolomiten, in die übrige Welt hinausdringen. Schon im Vorjahre außerordentlich zugenommen hat. Die genannte Hauptstelle forscht mit nervöser Unruhe nach den Gründen dieser unangenehmen Erscheinung. Sie verfällt dabei auf alles Mögliche und Unmögliche, nur nicht auf das Richtige. Schuld an dem Niedergange des Fremdenverkehres in Oesterreich sind: erstens die Wurzerei und zweitens die Juden hetze. Unsere biederen Alpenbewohner scheinen sich wirklich eingebildet zu haben, daß sie auf einer Insel der Glückseligen leben, von welcher keinerlei Nachrichten in die übrige Welt hinausdringen. Schon im Vorjahre haben sie den Fremden die Haut über die Ohren gezogen und ungerechtfertigte Steuern auferlegt, während die Schweiz und die deutschen Seebäder sie mit offenen Armen ausgenommen und ihnen alle Erleichterungen geboten haben. In einer großen Anzahl von Orten haben die menschenfreundlichen Bauern zuerst den Wucherpreis für die Baracken, die sie euphemistisch „Sommerwohnungen" nannten, schmunzelnd eingestrichen und dann in ihren Gemeindevertretungen den Beschluß fassen lassen, daß Juden der Aufenthalts nicht länger gestattet sei. Durch Post und Telegraph, durchs Zeitungen und mündliche Erzählungen ist diese gastfreundliche Haltung der österreichischen Landbevölkerung in aller Welt bekannt geworden. Die Landesverbände für den Fremdenverkehr, die jetzt Zeter und Mordio schreien, weil die Fremden ausbleiben, haben keinen Finger gerührt, um diesem Unfug zu steuern, ja sie haben womöglich noch Oel ins Feuer gegossen. Ein deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund hat unausgesetzt dazu gehetzt, daß^ die staatsgrundgesetzliche Freizügigkeit gegenüber den Juden mit Füßen getreten und daß die liebliche Aufforderung „Juden hinaus" womöglich in allen Landgemeinden den jüdischen Sommergästen in die Ohren gebrüllt werde. Noch! lin den letzten Wochen haben wir gegen gleichartige Vorkommnisse in Spitz a. D. und in Fieberbrunn (Tirol) - d-en Schutz der Staats- und Landesbehörden in Anspruch nehmen müssen. Die Wirkung dieser Hetze war nun eine zweifache: Einerseits kamen die Juden endlich zur Vernunft und suchten ihre Erholung in Gebieten, wo man sie anständig behandelte und die Pflichten der Gastfreundschaft mit den Gesetzen der Zivilisation in Einklang brachte, andererseits wollten die nichtjüdischen Sommerfrischler die ungeheuren Preise, welche man den jüdischen Mietern aufhalste, nicht bezahlen, und so mußte denn notgedrungen eintreten, was tatsächlich eingetreten ist und worüber sich die Fremdenverkehrshauptstelle so eindringlich beklagt: Die Flucht der Fremden a u s unseren A l p e n l ä n d e r n. Dabei ist noch eine andere, sehr bemerkenswerte Tatsache in Erscheinung getreten. Wir haben schon erwähnt, daß es sich in der Frage des Fremdenverkehres, soweit dabei Oesterreicher in Betracht kommen, um das staatsgrundgesetzlich verbriefte Recht der Freizügigkeit handelt. Nach Artikel 4 des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechtender Staatsbürger unterliegt die Freizügigkeit der Person und des Vernwgens innerhalb des Staatsgebietes keiner Beschränkung und nach Artikel 6 kann jeder Staatsbürger an jedem Orte innerhalb des Staatsgebietes seinen Aufenthalt und Wohnsitz nehmen. Tie Landesregierungen und die Wiener Zentralregierung waren verpflichtet, in jedem einzelnen Falle, in welchem wir Beschwerde gegen die Beschränkung der Freizügigkeit erhoben, die gesetzwidrigen Beschlüsse der Gemeindevertretungen außer Kraft zu setzen, aber sie taten es, erst zu einem so späten Zeitpunkte, daß mittlerweile die Fremdensaison verstrichen war und zahlreiche jüdische Sommergäste bereits gezwungen worden waren, ihren Landausaufenthalt abzubrechen. Selbst diese skandalösen Zustände haben die Landesverbände für den Fremdenverkehr aus ihrer olympischen Ruhe nicht ausgescheucht. Auch heuer scheint sich der gleiche Vorgang wiederholen zu wollen, und im Bundesministerium für Inneres, lvv ersichtlich der beste Wille herrscht, dem Gesetze Achtung zu verschaffen, wird mit bedauerndem Achselzucken erklärt, daß der Staatsgewalt die nötige Autorität sehle^ um die Landesregierungen zu einer raschen Erledigung der eingebrachten Beschwerden zu zwingen. Das Resultat von alldem ist nun Heulen und Zähneklappern unter den Gastwirten, Hoteliers und Zimmervermietern der österreichischen Sommerfrischen. Mit der Wurzerei geht es nicht mehr, es geht aber überhaupt nicht mehr! Länder und Staat werden den starken Aktivposten, den der Fremdenverkehr für ihre Budgets bedeutete, stark herabmindern, wenn nicht ganz streichen müssen. Die österreichische Bevölkerung ist sehr lammfrom und gutgläubig und läßt sich lange ein 3: für ein U vormachen. Aber außerhalb Oesterreichs ist man etwas klüger und gewitzter und glaubt nicht immer an die Richtigkeit offizieller oder offiziöser Verlautbarungen. Man verfolgt dort die Dinge viel aufmerksamer und kritischer, als wir denken, und man zieht dort aus gewissen Vorgängen sehr rasch die nötigen Folgerungen. Als einst Lueger seine Getreuen aufreizte, mit Juden keine Geschäfte zu machen, bei Juden nicht zu wohnen, bei Juden keine Stellungen anzunehmen, da schrieb ihn die „Union", daß das Wirken und Schaffen der jüdischen Bevölkerung Wiens zu eng und zu innig mit dem' Dasein und Wohle der Gesamtbevölkerung verknüpft sei) als daß es dem Machtworte eines noch noch so krastbewußten Bürgermeisters gelingen könnte, diese Verklammerung zu lösen. Und Lueger hat in einer schriftlichen Erwiderung die Richtigkeit dieser Feststellung zugeben müssen. Tatsächlich ist Wien durch die Juden immer nur reicher, durch den Antisemitismus immer nur ärmer geworden.

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