Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 12 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Die Wahrheit Seite 7 Brief aus Deutschland. Der Berichterstatter, der in diesen Zeitläuften seine Eindrücke zusammenhängend wiedergeben will, muß mit der Tatsache rechnen, dast vieles von dem, was er zu,sagen hat, bei dem Erscheinen seiner Arbeit bereits von den Ereignissen überholt ist. Denn Deutschland steht zweifellos vor der schwersten Krise, die es im Laufe dieser schlimmen letzten Jahre durchzumachen hatte, einer Krise, die alles in ihren Abgrund zu ziehen droht. Es ist hier nicht der Ort, um zu untersuchen, wie die Politik der letzten Jahre hätte geführt werden Müssen, aber eins steht fest, daß die Unversöhnlichkeit der Franzosen die Welt in Trümmer zu schlagen droht. — Alle großen Zusammenbrüche der Weltgeschichte haben stets in irgend einer Form! die Juden in Mitleidenschaft gezogen und all§ Anzeichen sprechen dafür, daß, komwt es zu einer Katastrophe an der Ruhr, die deutschen Juden die Folgen zu tragen haben werden. In einer hinterpommerschen Zeitung stand jüngst zu lesen, nran solle den gallisch-jüdischen Frechheiten entgegen treten. Kein vernünftiger Mensch kann sich unter dieser Wortverbindung irgend etwas denken, aber es wird geschrieben und geglaubt. Da nach den Auffassungen der Leute die Juden an allen Bösen schuld sind, müssen sie es auch am Ruhrabenteuer sein. — ( Die Nationalsozialisten in Bayern sind kaum zu halten, wohl ist der für den 1. Mai angesagt gewesene Putsch nicht zu Stande gekommen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. In Wirklichkeit haben diese Leute in Bayern die Staatsgewalt in der Hand. Die Rücksicht auf die Bürgerregierung Cuno läßt sie wohl vorläufig vor den äußersten Konsequenzen zurückscheuen, aber wenn einmal diese Regierung fällt, dann wird es fin Bayern losgehen und man kann sich da wohl vorstellen,' wie die Dinge ftir die bayrischen Juden ausgehen werden und nicht bloß für die dwrt lebenden Ostjuden. Auch sonst ist die Reaktion tüchtig am Werke. Dem preußischen Innenminister Severing ist es zu danken, daß wenigstens ein Teil der bestehenden Geheimorganisationon aufgedeckt worden ist, .aber ebenso sicher ist es daß die aufgelösten Verbände immer wieder neue Formen finden, um sich zu organisieren. In all7 diesen Verbänden aber weht der schärfste deutsch-völkische, radau-antisemitische Wind. In einem Prozeß, der vor einiger Zeit vor dem Breslauer Schöffengericht spielte, wurde vor Gericht durch Zeugenaussagen eidlich festgestellt, in welcher Weise sich der Reichswehrhauptmann Fischer über die Republick und im Besonderen über den ermordeten Walther Rathenau ausgesprochen hat. Wenn in den Kreisen jder deutschen Landwirtschaft ungeheuer verdient wird/ wenn die Bauern kaum «rußen, was sie mit all' dem Papiergeld anfangen sollen, das ihnen von allen Seiten zuströmt, findet man wenig dabei, wenn aber der jüdische Kaufmann verdient und vielleicht — was man durchaus nicht verteidigen soll — seinen Reichtum, mehr als es nötig ist, zur Schau trägt, dann heißt es: „Natürlich die Juden." —-■ Das Krisenhafte des ganzen Zustandes wirkt unerhört auf die so wie so schon überempfindlichen jüdischen Herzen. Der sensitive Mensch empfindet das Labile der Situation. Man hat dauernd das Gefiihl auf einem Pulverfaß zu sitzen und weiß nicht, was jdie Ankunft in den nächsten Wochen bringen wird. Im allgemeinen muß man sagen, daß das deutsche Volk. in seiner großen Menge gutmütig und brav ist und durchaus nicht zu Pogromen neigt, aber wenn es von Frankreich zur Verzweiflung getrieben wird, wenn die Währung in bodenlose Tiefen sinkt, dann kann es vielleicht zu Exzessen kommen, die sich dann gegen Unschuldige richten, wie es eben! die Juden wären.' — Ein außergewöhnlich schöner Juni läßt uns daran denken, wie wahnsinnig es eigentlich ist, daß die Menschen, deren Erdenleben doch nur kurz ist, sich die Jahre mit Kampf und Feindschaft vergellen. Wohl wird die Zeit noch fern sein, in der nach dem Wort unseres Propheten die Schwerter werden in Sensen umgeschliffen werden. Möchte choch die ganze Menschheit empfinden, daß das Gesetz, das von Moses einst am Berge Sinai im Namen des Ewigen verkündet worden ist, wenn es wirklich befolgt wird, der Menschheit den Frieden und den Aufstieg gewährleistet. Dr. Willy Cohn, Breslau. Der „Numeros clausus“ einst und jetzt. Von Josef Lazarus. (2. Fortsetzung.) Der „Numerus clausus“, in dem sich Städte und Länder absperrten — um in geistiger Inzucht und politischer Isolierung zu verkommen, war für unsere Väter immer Veranlassung zu höherem Aufstieg — so lange die veredelnde Kultur des Bethamidrasch anhielt und ihnen den Schwung gab, vom ungastlichen Orte loszukleben und aus einfachen Ortsbürgern —'/Weltbürger zu werden. Dies war technisch ermöglicht und durch das angeborene Sprachentalent, welches.unsere Väter ganz besonders pflegten. * 1 Sprach künde war seit jeher jüdische Spezialwissenschaft. Abgesehen von der bereits erwähnten Uebersetzungstätigkeit der Juden int Mittelalter Pflegten sie die Sprachwissenschaften zu allen Zeiten. So schrieb der jüdische Sprachforscher Menachem i b n S a r u k im X. Jahrhundert die erste hebräische Grammatih 16). Der jüdische Grammatiker Hayudsch entdeckt die „Wurzelbuchstaben der Wörter" und stellt ihre Regeln auf ^). Daß Jona ibn Dschanah die „vergleichende Grammatik" erfunden, wurde bereits erwähnt. Auch erfand er die Lehre der Syntaxis 17). Die Franzosen verdanken das älteste Denkmal ihrer eigenen Muttersprache, dem jüdischen Dichter Jacob ben Jehuda, der 1228 die Verbrennung glaubenstreuer Juden in Troyes beweint, wobei der ältere Bruder dem jüngeren zuruft: „Habe keine Angst, Bruder! Im Paradiese sehen wir uns wieder." Möglich, daß diese staatlich organisierten Bestialitäten den Dante bewogen haben, seine „Hölle" zu schreiben: denn Dantes Freund war der jüdische Dichter Romi (1265 —1339). Bis ins XVI Jahrhundert reicht die Ueberlegenheit jüdischer Sprachforscher. Francois I. König von Frankreich (1465 —1549) bemühte sich, den jüdischen Philologen Elia Levitar^) ftir Paris zu gewinnen. Sprachkunde allein genügt aber nicht um vom Orte loskleben und Weltbürger werden zu können. Auch Länderkunde ist hiefür unerläßliche Vorbedingung. Vorbedingung der Länderkunde aber ist die Schifffahrt. Es dürste niemand wundern, daß Juden,gemeinsam mit Phöniziern, die ersten Seefahrer waren. Das Schwesterverhältnis dieser beiden Völker tritt uns am besten durch die Vorstellung vor's Bewußtsein, daß H a n n i b a l seine Heere in hebräischer Sprache befehligte. Denn er war Phönizier, aus Karthago. Phönizier und Hebräer hatten aber dieselbe Sprache und dieselbe 16) Reinach, Histoire des Israelites. 17) Dr. I. S. Bloch, Wien.