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Die Wahrheit · 1923-06-15 · Heft 12 (15.6.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 12 (15.6.1923)
Date
1923-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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— sellst du und kannst du Mizwas Hakhel erfüllen. Dem großen und erhabenen Gedanken, der der Verordnung innewohnt, der Gesamtheit Israels die heilige Lehre, als die alle Glieder gleich verpflichtende und sie einende Richtschnur hinzustellen wäre wahrlich kein rechter Dienst erwiesen, wenn er nicht gerade auch in Gegenwart derer zum Ausdruck gekommen wäre, die sich abseits hielten, den rechten Weg verloren hatten oder einstweilen noch nicht gewonnen waren. — Und nicht nur in der Tauroh selbst kommt der Grundsatz von „kol jisroel" bei den jüdischen Gemeinschaftsversammlungen zum Ausdruck. Er kehrt überall im heiligen Schrifttum wieder. So läßt Elia, wie der nachdrückliche Ausdruck der Schrift lautet, „es kol jisroel" das ganze Israel am Karmel zur Klärung der verworrenen Anschauungen die in Israel platzgegrifsen hatten zusammentreten. Esther weist Mordechai in der schicksalsschweren Stunde der jüdischen Not an: lech kn aus es kol hajhudim „gehe hin, versammle alle Jehudim". Auch Esra hat sich in seinen Versammlungen grundsätzlich an die Idee des Halhel in der Tauroh zu halten gesucht, obwohl er, oderbesser gesagt, gerade weil er eine reine Scheidung der. Reinen und Wahren von den Verlorenen und Falschen in Israel bewirken wollte. — Nun ist freilich nicht daran zu denken das Hakhel der Bibel buchstäbliche auszuführen. Das Israel in der Zerstreuung kann nicht wie einst das Israel im eigenen Lande gesammelt werden. Darauf kommt es vorerst auch gar nicht an, sondern' auf den Geist dieses biblischen Hakhelgedankens und in diesem Geiste erfaßt, liegt ein Kongreß der positiv Interessierten von Kol jisroel durchaus im Bereiche der Möglichkeit. Es darf nur nicht geschehen, daß auch dieser Kongreß wiederum von einer der Parteien einberufen wird und mag es selbst die größte, mächtigste und vertrauenswürdigste sein. Wenn ganz Israel kommen soll, muß ganz Israel rufen und nicht eine Partei.' Daher müssen sich die 'großen, -wenn auch Einstweilen antipolitischen Organisationen schon zu einem gemeinsamen Vorgehen, wenigstens in diesem Belange bequemen, oder es muß ein anderes geschehen, nämlich der Ruf muß von den Parteilosen, den „Unorganisierten" ausgehen. (Auch in der Völkerpolitik wird vielleicht das Heil erst kommen, wenn die Neutralen den Ruf nach der Sammlung und Versöhnung aller mit allen werden ergehen lassen). Wer diese sind? Das ist freilich nicht so leicht zu sagen in einer Zeit, wo jeder meint man müsse erst um als Volljude zu gelten irgendwo „organisiert" sein. Aber es gibt doch noch, mehr als man glaubt, schlichte und rechte gute Jehudim, die sich in dem Bewußtsein des „muschba weaumed mehar sinai", des Eingeschworenseins auf den Bund des Sinai schon an und für sich als Juden genügsam einorganisiert fühlen. Diese müßten aus ihrer stillen Reserve heraustreten und irgendwie den Weg zum Herzen der jüdischen Gesamtheit finden. ' Vielleicht könnten auch die Länder-Spitzenverbände der an und für sich neutralen und auch die parteipolitisch Orientierte in sich schließenden Synagogen-, Religions¬ und Kultusgemeinden das Erforderliche veranlassen. Die Gemeinschaftssorm der Synagogen-, Religions- und Kultusgemeinde mag wohl ihre Mängel haben und gewiß nicht die wünschenswerte ideale Sammlungsbasis abgeben, aber bislang ist sie doch der einzige, wenn auch nicht lückenlose und trotz der auch in ihrer vorwaltenden Gegensätzlichkeit doch erst umspannende Rahmen für das Judentum der Zeit. — Vielleicht ist dieses nicht schon der richtige praktische Weg; es mag vielleicht auch ideell manch andere bessere geben. Nicht zu zweifeln ist aber, daß es welche gibt, jar geben muß und selbst wenn sie erst ganz und gar erfunden werden sollten. Wer an Gott glaubt und an Israel nicht verzagen will muß mithelfen unser Volk trotz aller ihm eigenen Heterogenität wenigstens zur zeitweisen Adhäsion Recht über meine Person zu verfügen, und lasse mich von niemanden zwingen. - ' - Reb David ging und die Angelegenheit war für sie erledigt; nichtsdestoweniger beunruhigte sie der Fall. Sie sagte sich: so aus der Luft gegriffen hat er hs>'doch nicht, dieser gottesfürchtige Greis, dev sein Leben lang allen irdischen Genüssen entsagt, — Reb David plötzlich in der Rolle eines Brautwerbers, nein, tja muß was dahinter stecken. Sie dachte den ganzen Tag über die Begebenheit nach, und sank abends müde in Morpheus Arme. Da hatte sie einen schaurigen Traum. Es-träumte ihr, sie sei schwer erkrankt, zwei Aerzte standen an ihrem Lager und behaupteten sie sei rettungslos verloren, sie müsse sterben und sie starb. Sie sah den Kerzenschein an ihrer Totenbahre, hörte sich beweinen, sah wie man ihr die Sterbegewänder anzog, zum Friedhofe fuhr und in die Gruft senkte. Sie spürte wie die Erde auf sie niedersauste und ihr einen unerträglichen physischen Schmerz bereitete, sie wollte aufschreien, um Hilfe rufen, vergebens, sie konnte nicht. Sie fühlte das Bewußtsein schwinden, im Grabe wurde es finster, immer finsterer. Nach einer kurzen Spanne Zeit wurde es etwas heller um sie, der apathische Zustand wich, und von der Ferne erblickte sie die imposante Gestalt eines Greises, der soviel Milde und Sanftmut ausströmte, daß sich gleichin ihr die Hoffnung regte: „Dieser oder-keiner'erlöst mich aus meinen Höllenqualen". In ihrem Unterbewußtsein tauchte die Ei^ innerung auf, irgendwo im Leben müsse sie schon diesem Menschen begegnet sein, nur wußte sie nicht wann und wo. Der Greis kam auf sie zu und sprach: Chane Scheindel in meiner Hand liegt es dich aus dem Grabe zu befreien, mußt mir aber versprechen, meinen Rat zu befolgen. „Alles! heiliger Rabbi", rief sie unter Schluchzen, „alles was ihr von mir verlangt, kein Opfer wird mir zu schwer sein, nur rettet mich aus dieser schrecklichen Situation". „Schwöre, daß du den alten Reb David heiratest", klang die Stimme des Greises. Sie schwur und erwachte in Schweiß gebadet. Bevor.sie noch recht zur Besinnung kam, erschien wieder Reb David, ein ironisches Lächeln umspielte seine Lippen, als er fragte: „Nun Chane Scheindel, wie denkst du heute über meinen Antrag? Bist du schon versöhnlicher gestimmt?" Chane Scheindel fügte sich ins Unvermeidliche und wurde sein Weib. Die Trauung vollzog der Jaworower Rabbi persönlich. Diese Begebenheit erregte im ganzen Stäbchen und Umgebung ungeheure Sensation. Wochenlange sprach man von nichts anderem als von dieser eigentümlichen Hochzeit. Schließlich ging man auch darüber zur Tagesordnung über. Einige Jahre vergingen, die Ehe wurde von zwei Söhnen und einer Tochter gesegnet. Bald nach der dritten Geburt des Kindes starb Reb David mitsamt seiner Frau. Vier Wochen nach ihrem Tode brach in Niemirew eine Feuersbrunst aus, die das ganze Stäbchen in Schutt und Asche legte. Die Frommen des Ortes erzählten sich, daß Reb David einer von den 36 Gerechten war, durch dessen Sechus allein Niemirew bestand. Die zwei Söhne sollen angeblich auch von den 36 Gerechten gewesen sein, die Tochter war die Gattin des berühmten Rabbi Reb Mordechai Tschenobler.

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