Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 12 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Aie Wahrheik. Üt. 12 Nun könnte ja die „Aguda" darauf entgegnen, daß sie ja den Nationalismus gar wohl will, nur muß es der fromme, der religionsdurchhauchte Nationalismus sein und der Zionismus — um augenblicklich nur diese beiden Antipoden zu nennen — könnte eines Tages auch seinerseits umgekehrt der „Aguda" sagen, daß er Tauroh und Mizwaus gerne aufs Panier erhöbe, aber der Nationalismus muß dabei ebenso ganz und voll zu seinem Rechte kommen. Wenn der Tag Wme, daß die beiden so zueinander sprächen, würde damit etwas sehr Wünschenswertes geschehen, denn das wäre das theoretische Eingeständnis, daß s ie beide eigentlich und letzten Endes ein und dasselbe wollen und erstreben. Aber der Tag, daß sie vielleicht so zueinander sprechen, kann nicht konnten, weil beide niemals miteinander sprechen und niemals zueinander kommen. Sie sprechen nur aneinander vorbei und übereinander hinweg. Und das sind die Kongresse und Knessijaus schuld, die auf das Sonderparteiische aufgebaut stets nur lerachauk, trennend und niemals lekarauw, zusammenführend wirken und jede Verständigung naturgemäß verhindern. Und darum müssen diese Zusammenströmungen — so schön und gut auch alles dabei gewollt ist — als unerfreuliche Krankheitserscheinungen am Körper des vom Fieber der Kongresse erfaßten Judentums angesehen werden. Und wie es mit der „Aguda" und dem' Zionismus ist, so steht es auch mit noch manch anderen großen und kleinen Parteibewegungen im Judentume. Sie konferieren alle, aber es sind niemals alle. Sie streiten immer, aber auch das nicht einmal miteinander sondern übereinander. Damit ist nicht gemeint, wenn man das könnte, zu beantragen, den Konferenzenbestrebungen im Judentume einfach den Garaus zu machen. Denn erstens ist der Kongreßgedanke so alt wie das Judentum selbst und zweitens braucht das Judentum den Kongreß. Aber es braucht nicht dresen oder jenen Kongreß; es braucht, wie die Völker, den Menschheitskongreß den Judenkongreß. Und dieser Judentums-Kongreß und nicht der Parteigreß ist so alt wie das Judentum selbst. Er steht schon in der Tauroh: „Am Schlüsse von sieben Jahren um die Zeit des Erlaßjahres am Hüttenfeste. - Wenn ganz Israel kommt, vor dem Antlitze des Ewigen deines Gottes zu erscheinen, an denk Orte, den er erwählen wird, sollst du diese Lehre vorlesen in Gegenwart von ganz Israel, vor ihren Ohren. Versammle dzas Volk, die Männer und die Weiber und die Kinder und deinen Fremdling, der in deinen Toren, auf daß sie hören und auf daß sie lernen'!und fürchten den Ewigen, euren Gott und beobachten all die Worte dieser Lehre auszuüben. Und ihre Kinder, die keine Einsicht haben, sollen hören und lernen zu fürchten den Ewigen, euren Gott, all die Tage die ihr betet auf? dem Boden, dahin ihr über den Jordan gehet, ihn einzunehmen." (Deuteronom. 31, 10—13.) Das war die richtige Knessijoh gedauloh von kol jisroel. Auf das „kol jisroel^ ruht — — wie Wortlaut und Sinn ganz klar ergeben — das Schwergewicht der Verordnung. Darum gerade am Schlüsse von sieben Jahren, um die Zeit des Brachjahres bewau kol jisroel, wenn ganz Israel kommt, und, weil Feld- und Berufsarbeit es im Brachjahre nicht abhalten, auch kommen kann (Vergl. auch Balhaturim zur Stelle, der auf das Charakteristische des „Waw" in dem Worte „bewau" hinweist, wodurch das „bewau" „wenn kommt" als mole erscheint, als voll und nicht „chosser", eingeschränkt—). Und gerade am Hüttenfeste, wo das Lulow, die Arbo Minim (vergl. Klei jokor zur Stelle) die wahre Aguda von Kol jisroel darstellen, das Sinnbild der Verbindung aller gegensätzlicher Richtungen und Standpunkte. des Klal jisroel. Und,, deshalb „vor dem Antlitze" als Befriedigung der religiösen Anforderungen des Volksganzen und „an dem Orte den Gott erwählen wird", der- Stätte der nationalen Jisroelgesamtheit. „In Gegenwart von ganz Jisroel" nicht in Gegenwart dieser oder jener Gruppe •—und wäre es auch die privilegierteste und auserlesenste — Feuilleton im mm MJ Der Niemirower Asket. Von Klara Lippa. Aus den Erzählungen meines Vaters. Irr der Niemirower Klaus saß Zeit seines Lebens ein Asket, den Man den alten Reb David nannte. Er war ein eifriger Jaworower Chasfid, ein großer' Gelehrter und da er zum' Rabbi nach Jaworow zu fahren und blieb dort über ihm sein Gesinnungsgenosse, der Rabbiner von Niemirow dreimal täglich durch einen Boten die Speisen ins Haus. Tag und Nacht brachte er im Talmud und Kabbalastudium zu, nur einmal des Jahres, am Erew Roschhaschono pflegte er zuM Rabbi nach Jawarow zu fahren und blieb dort über Sukkos. Reb David hatte ferner die Gewohnheit, täglich frühmorgens, gleich nach! ta Gebete ein wenig Schnaps zu sich zu nehmen. Zu diesem Zwecke besaß er ein eigenes Gläschen mit dem der Tempeldiener in die benachbarte Branntweinschänke ging und ihm Trunk holte. Die Schänke gehörte einer jungen Witwe namens „Chane Scheindel". Die wußte schon für wen der Schnaps bestimmt sei, und sobald der Tempeldiener erschien, ließ sie alle Kunden stehen und gab ihm die gewünschte Portion. So ging es jahraus, jahrein... Eines Tages als der Tempeldiener von Reb David das Gläschen verlangte, um ihm den üblichen Dienst zu erweisen, lehnte dieser dankend ab, mit der Begründung, er wolle sich diesmal persönlich in die Schänke begeben., Der Diener war sehr erstaunt, wagte aber nicht zu widersprechen und Reb David ging zu Chane Scheindel, die ihrer Verwunderung ob dieses unerwarteten Besuches Ausdruck igab und ihm gleich den Branntwein einschenkte. Reb David zahlte, ging aber nicht, sondern blieb am Büfett lehnend stehen. „Wünschen Sie noch etwas?" fragte ihn Chane Scheindel, — „Ja", antwortete Reb Dawid, „ich wünsche nicht mehr und weniger, als dich zu heiraten". Die Witwe war derart verblüfft, daß sie kein Wort Hervorbringen konnte. Nach -einer Weile sagte sie: „Wie kommen Sie auf die sonderbare Idee? Vor allem wissen Sie gar nicht, ob ich die Absicht habe zu heiraten, und wenn ich'sie hätte, würde ich nur einen Mann der mir entspricht heiraten. Sie sind ein Siebziger, ich aber kaum fünfunddreißig Jahre alt. Schon der große Altersunterschied spricht Igegen -einen solchen Bund. Gehen Sie in Gottes Namen, mich aber lassen sie in Ruh." Reb David aber spach: „Es wurde mir vom Himmel kundgemacht, daß du die mir bestimmte Gemahlin bist, drei Seelen, die das Licht der Welt erblicken wollen, warten auf unseren Bund. Ich werde dich zwingen, wenn du nicht einwilligst." Chane Scheindel! war über diesen Ton sehr entrüstet, welche Anmaßung (dachte sie) von diesem Greise, mir so eine Verbindung zuzumuten. Noch habe ich das