Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 12 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Unabhängige Zeitschrist für jüdische Interessen Redaktion u. Ddmirrifiration r Wien, II. Heinrstratzr 13. — Fernruf 42.216. Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union dentschöflerreichischer Inden" XXXIX. Jahrgang Wie«, IS. Juni 1923. Nummer 12 Kongreßfieber. Ein Aufschrei zur Besinnung Die ganze Welt ist politisch' erkrankt; sie leidet am Kongreßfieber. Seit dem Ausgange des Krieges kommt sie nicht heraus aits dem Zustand des Fieberns und damit des Phantasierens im Fieber der Kongresse. Noch nicht eine der vielen endlosen Konferenzen in den Lagern hüben und drüben hat die leiderrde Menschheit unserer unglückseligen Zeit auch nur von einem der Nachkriegswehen geheilt und den Ausweg zur Gesundung gewiesen, der in dem natürlichen und wirklichen Frieden bestehen müßte. Trotzdem wird das System allenthalben fiebereifrig fortgesetzt. Und Fieber steckt an, besonders den, der dazu inkliniert. So ist auch unser armes Judentum vom Kongreßfieber der großen Völkerpolitik angesteckt worden. Nichts wie Konferenzen und Kongresse. Bald' ist es eine „europäische Konferenz", bald gar eine „Weltkonferenz", bald heißt das Ding der vielen großmächtigen Reden „Knessijy gedauloh", bald heißt es wieder anders. Immer aber der gleiche Erfolg: Dem Judentum wird nicht geholfen. Denn wie es bei den ungezählten verwirrten und verwirrenden Konferenzen der weltlichen Politik unserer Tage geschieht, so auch da. Nicht die Menschheit konferiert und bespricht sich über ihr 'Wohl und Wehe, sondern die das Heft in der Hand Habenden beraten über das Diktat an die außerhalb Stehenden. Miteinander geschieht nichts, sondern alles widereinander. Nicht das Judentum hält Konferenzen und und Kongresse ab, sondern Parteien und Richtungen im Judentum tagen jede für sich und alle wider einander. So sollen biefeit Sommer — wie man aus der Parteipresse hüben und drüben erfährt — an fast einem und demselben Zeitpunkt und womöglich sogar in einer und derselben Stadt die Tagungen der „Agudas Jisroel" und der zionistischen Partei stattfinden. Alle Achtung vor dem Kongreß der Zivilisten, die Knessijo gedauloh der /Aguda imponiert gewiß ganz gewaltig und auch die kürzlich stattgefundene europäische Konferenz des „Misrachi" ist nicht zu verachten, aber kommt da auf der einen oder anderen - Seite das Judentum zu Wort? Gewiß, der zionistische Kongreß tritt mehr oder weniger im Namen des Judentums auf, der „Misrachi" will es doch gewiß sein und die „Agudas Jisroel" erst recht,allein sind sind sie es auch wirklich? Es ist damit nicht gemeint, daß man gut tut z. B. der zionistischen Partei Nichtjudentum vorzuwerfen, oder daß es jemand wagen dürfte dem „Misrachi" oder gar der „Aguda", die die höchste Idealität des Judentums auf ihre Fahne geschrieben, ähnliche Vorhaltungen zu machen. Denn was diese und noch manch andere positiv gerichtete jüdische Parteien wollen, will das Judentum und was sie zu vertreten vorgeben ist das Judentum, aber nicht was sie jede für sich wollen will das Judentum und nicht was sie jede für sich vertreten möchten ist das Judentum. Erst was sie zusammen wollen kann ungefähr als her Wille des Judentums angesehen werden und was sie alle zusammengenommen vertreten, das kann man das Judentum nennen. Nicht nur verhält es sich so rein statistisch angesehen, sondern nicht minder ideologisch betrachtet. Oder anders ausgedrückt: Nicht diese oder jene Gruppe darf zusammentreten, um dieser oder jener anderen Gruppe, solange sie irgend eine positive Seite des historischen überlieferten Judentums bejaht, zuzurufen: „Was ihr wollt und vertretet ist nicht Judentum, nur was wir wollen und vertreten ist es". Nur das Judentum in seiner positiven bejahenden Totalität hat ein Recht eine Definition von sich zu geben und zu sagen: „Das ist Judentum und das ist nicht Judentum". Gewiß, wir haben den Prüfstein, in der Hand, der uns untrüglich sagt was Judentum ist und was nicht. Aber das ist es, ja gerade, daß alle für sich meinen ihn zu haben. Wenn jede Partei und Gruppe meint, nur sie verstehe sich auf ihn, so haben nicht wir den Prüfstein, sondern diese oder jene verfügen über einen Prüfstein und dann hört er überhaupt auf der Prüfstein zu sein. — Mit Recht behauptet die „Aguda", daß das Kriterium dafür, was Judentum ist, die Lehre Gottes, die schriftliche und mündliche ist und daß daher die Massen des Judentums um diesen Gedanken zu sammeln sind. .Allein ist der nationale Gedanke in Wahrheit nicht auch ein Bestandteil u. z. ein großer erhabener und heiliger Bestandteil der schriftlichen und mündlichen Lehre? Die Idee der Tauroh lebt also defactö auch im zionistischen Lager. Sie lebt dort freilich nur unvollkommen, denn im Geiste der Tauroh gilt nur ein Nationalismus der von der religiösen Erfüllung des Judentums getragen ist. Aber diese Unvollkommenheit des Tauroh gemäßen Geistes ist doch gewissermaßen ebenso im umgekehrten Sinne auch in der Parteiideologie der „Aguda" festzustellen, denn ein wahres Taurohleben kann — in streng logischer und konsequenter Auswirkung des Geistes — Nur auf der Grundlage des jüdischen Nationalismus, des jüdischen Volkstums statthaben. Bestreitet man das, so ist das schon eine leise, wenn auch nicht gewollte Konzession an die Anschauung der Assimilation und Reform. Denn auch diese behauptet, daß das Judentum nur eine Religion ist und auch losgelöst vom nationalen Gedanken bestehen kann. Und die Assimilation und Reform unternimmt es sogar auch ihrerseits das Recht sich Judentum zu nennen in Anspruch zu nehmen. Agudisten und Zionisten könnten also j^-urch das Rad ihres Streites Wasser auf diese dritte von ihnen beiden gewiß streng negierte Mühle treiben. —