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Die Wahrheit · 1923-05-30 · Heft 11 (30.5.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 11 (30.5.1923)
Date
1923-05-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 11 Dre Wahrheit Seite 15 hier praktisch, daß .alte Gegensätze der Nationalität und der Rassen überbrückbar sind, wenn man es nur ichll. Neben zwei Schweizer Kindern, den Gebrüder Wirz aus aus Bern war, wie wir erwähnen wollen, in dieser Gruppe auchein junger polnischer Jude vertreten. Wundervoll erzählt nun her .Verfasser, wie es' gelang, den in den anderen Kindern primitiv vorhandenen Judenhaß zu beseitigen und auch diesem jüdischen Knaben in dem Herzen seiner Ferienkameraden eine Heimat zu erwerben. Wie aber verstand Münch den Kindern dort oben aus der friesischen Insel eine Rathenaufeier zu bereiten! Gäbe es viele Lehrer dieser Gesinnung in der Welt, so würde ein Geschlecht heranwachsen, das nicht Haß gegen den anderen trägt, weil er einer anderen Rasse angehört, sondern' mit seinem Verständnis sich auch in die Eigentümlichkeit seiner Nachbarn hineinzudenken versucht. Wir möchten meinen, daß dies Büchleistin keinem' Hause, in dem junge Menschen heranwachsen, fehlen sollte. Dr. Willy Cohn, Breslau. Martin Buber: „Der Große Maggid und seine Nachfolge"' Frankfurt a.M., 1922, Rütten LLoening. Martin Buber wandelt weiter den Weg den er einmal eingeschlagen hat und den er uns vor einigeni Jahren in einer besonderen Schrift mitteilte. Davon legt sein neuerschienenes Buch Zeugnis ab. Einfach wie eine Legende, doch brennend wie ein Gedicht, gibt es uns in mehreren Kapiteln Geschichten vom Großen Maggid und seiner Schüler und Schülers-Schüler wieder, von denen viele noch nicht in's Deutsche übersetzt worden sind. Einez stattliche Anzahl dieser Geschichten sind von' mir schon früher bearbeitet worden, die ich zum Teil in meinem Buche „Die Gemeinde der.Chassidim" sowie in hiesigen Tages-" und Wochenblättern veröffentlicht habe. Er hat für diese Geschichten einen ganz neuen Stil gefaßt und wir, müssen sagen, einen angenehmen mnd genießbaren. Das Geleit» wort ist eine Meisterarbeit, und Buber hat es verstanden, jenen Menschen, denen! die Religion eine die ganze" Menschheit umfassende Wahrheit bedeutet und die höchste Sehnsucht ist, manches Rätsel zu lesen. Chaim Bloch. Otto Stobbe. Die Juden in Deutschland während des Mittelalters. Verlag Louis Lamm, Berlin 1923. Sonderausgabe für den Philo-Verlag. Die dritte Auflage erlebte vorliegendes Werk. Für wissenschaftliche Arbeiten ein gutes Zeichen, selbst in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, in denen Stobbe gelebt. Zum Unterschied von mehreren) Abhandlungen über die Geschichte der Juden, die Allgemein ihre Religion, Philosophie und Literatur zum' Thema wählen, geht obgenanute Schrift auf die rechtliche und staatliche Situation der Juden in Deutschland während des Mittelalters £üt. Der Verfasser legt als Rechtshistoriker einen ganz anderen Maßstab an, als der Chronist, der oft auf der Zinne) der Partei steht und der Tradition häufig genug Gewalt antut. Was aber ganz besonders wichtig ist: der Rechtshistoriker vermag eine Kette zu winden vom Rechtsleben der deutschen Juden zum Rechtslebeu des deutschen Volkes im Großen. —Er bringt möglichst piele, Einzelheiten über die wichtigeren Gemeinden und zeigt ihr wechselreiches Los; hier fanden die Juden in hilfreicher Weise Schutz undi dort waren sie vogelfrei. Das Werk atmet klassische Luft, da es beeinflußt und unterstützt ist von Grätz und Frankel. O.H. Josef Körner: Arthur Schnitzlers Gestalten und Probleme. A m a l t h e a - B e r l a g, Z ürich — Leipzig — Wien 1921. Unter denj in deutscher Sprache schreibenden jüdischen Dichtern ist Arthur Schnitzler zweifellos einer der bedeutendsten. Mit Unrecht ist er in der großes Masse des Volkes nur als der Dichter des „Reigens" bekannt. Sein Tiefstes und Reichstes hat er uns gerade in i seinen anderen Werken offenbart. Es wäre eine unendlich reizvolle Ausgabe, vor allem sein Wesen aus seinem Judentum zu entwickeln. Das außerordentlich Sensible seiner Persönlichkeit, sein .Hineinsühlensin andere Menschen, letzten Endes auch sein Umhertasten in der Wiener Welt, in der er lebt, in der er heimisch ist, all' dies ist'ein Stück seines Judenschicksals! Diese Aufgabe der seelischen Analyse hat Körner nicht zu lösen vermocht, ja sie nicht einmal voll geahnt. Jedoch ist fein Werk von hoher Liebe zu dem Dichter getragen, dessen Schaffen er dem Leser näher zu bringen vermag. So wird die Lektüre des Buches zu einer genußreichen Stunde inneren Erlebens. —• In dem letzten Kapitel des Buches, das der Verfasser „Extrablättchen" betitelt, befaßt er sich mit Gehalt und Form des Romans „Der Weg ins Freie". Gerade dieser Roman interessiert uns hier am meisten, und wenn Arthur Schnitzler auch, unpolitisch wie er ist, die Judenfrage systematisch nie untersucht, hat er doch hier das Judenproblem dichterisch aufgerollt und in der Gestalt von .Heinrich Berman sich selbst gezeichnet. Wir empfinden es nicht wie Körner als etwas Störendes, daß in den eigentlichen Liebesroman die Probleme hineingewoben sind. Sie geben doch mit das Letzte aus des Dichters Seele, der um den „Weg ins Freie" seines jüdischen Menschen ringt. — Konnten wir also mit Körner auch nicht in allen Punkten gleicher Meinung sein, so ist doch sein Werk zweifellos ein Weg zu Arthur Schnitzler. Dr. Willy Cohn, Breslau. Briefwechsel Mischen Gottfried Keller und I. W. Widmann. Rhein-Verlag A.G.,Basel. Es mag wohl nicht alltäglich sein, daß der berufsmäßige Buchkritiker mit dem von ihm kritisierten Dichter in jahrelangem schriftlichen Kontakt bleibt und eine bis zur Schwärmerei getriebene Freundschaft an den Tag legt; insofern Schwärmerei überhaupt bei so gesund rationell denkenden Menschen, wie die Schweizer sind, bestehen kann. Widmann begleitet jede literarische Neuerscheinung seines Ideals mit überschwänglichen Zeitungs- und Briefworten, wogegen Keller von der Höhe seiner reisen Lebensanschauung klug erwägend und belehrend dem ergebenen Freunde erwidert. Erfreulich in diesem Briefwechsel zwischen zwei aufrechten gesinnungstüchtigen Männern ist die kräftige Ablehnung alles Falschen, Niedrigen auf bloße geschäftliche Mache Eingestellten in Schriften und Wirklichkeit, ^o wie der Journalist Widmann zur Anerkennung Kellers in der gesamten deutschen Lesewelt das Beste geleistet, hat dieser durch seine schlicht herzlichen Briefe die Aufmerksamkeit auf den schöngeistigen ehemaligen Mittelschullehrer und späteren Rezensenten beim Berner Bund gelenkt. Von Kellers reichen Lorbeer fiel manches Blatt auf den bescheidenen kleineren Bruder in Apoll Widmann. d. Qeckenket in keid und Freud des israelitischen Taubstummeninstituts in Lilien, III.» Jucbflasse 22.

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