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Die Wahrheit · 1923-05-30 · Heft 11 (30.5.1923) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 11 (30.5.1923)
Date
1923-05-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Die Wahrheit Nr. 11 wirkt hat. Wir werden den Dahingegangenen ein ehrendes Andenken bewahren. Sie haben sich zum Zeichen ihrer Trauer' von den Sitzen erhoben und wir werden diese Trauerkundgebung dem Protokolle der heutigen Delegiertenversammlung einverleiben. ^Geehrte Delegiertes erjammlung! Die Uebetz der Welt können durch die Verfolgung der Juden nicht geheilt werden. Sie wurzeln in der Eifersucht und Beutegier der Mächte, in Parteileidenschaften, in der durch den Krieg verursachten Verrohung der Massen und in deren wirtschaftlichen Verelendung. Wir sind'der festen Ueberzeugung, daß die Völker Europas früher oder später zur Besinnung gelangen und den Weg zur Friedfertigkeit und zur versöhnenden Kulturarbeit wieder finden werden. Bis dahin aber ist die Lage der Juden voll der ernstesten Gefahren und wir müssen unablässig darauf bedacht fein, dem geschlossenen Ringe unserer Gegner eine geschlosseneErnheitsfronp'derJuden zur Verteidigung unserer primitivsten Menschen- und Bürgerrechte gegenüber zu stellen. Die neuen Methoden des Angriffes bedingen auch neue Methoden der A b w e h r. Es ist Notwendig, die irregeleiteten Volksmassen durch eine gründliche Aufklärungsarbeit in Wort und Schrift, in Zeitungen, Flugblättern, Versammlungen . und lokalen Agitationen über die wahren Ursachen ihrer Not und über dre Lügen und Fälschungen der antisemitischen Hetzer unablässig aufzuklären. Dazu bedarf es nichtnur mutiger Menschen, sondern auch gewaltiger Mittel, welche nur durch die Opfer Willigkeit der gesamten Judenschaft aufgebracht werden können. Ihr Vorstand hat sich mit der Möglichkeit, diese neuen Methoden in Anwendung zu bringen, eingehend befaßt, und wir werden mit derselben Zähigkeit und Energie, die uns bisher geleitet haben, auch die Formen für eine erhöhte Aktivität unseres Rechtsschutzes schaffen. Sie aber müssen uns dazu helfen! Jeder einzelne von Ihnen muß in seinem engeren Kreise ein Verkünder des Mahnrufes werden, daß nur durch die Einigkeit und den Kampfesmut aller Juden das uns drohende Schicksal, wieder zu Parias der Gesellschaft herabdrückt zu werden, abgewendet werden könne. Unseren Feinden stehen ungeheure Mittel zur Verfügung. Sorgen wir dafür, daß sie auch uns im reicherem Maße fließen als dies bisher der Fall gewesen ist. Die Opfer die Sie .hrefür bringen, bringen Sie der Zukunft Ihrer Kinder. Wir richten an alle Juden Oesterreichs die eindringliche Bitte, daß jeder einzelne nach Maßgabe seiner Vermögensverhältnisse durch freiwillige Spenden unseren Aktionsfond st ärke und durch Werbung neuer Mitglieder unsere Reihen erweitere. Wir werden auch weiterhin unsere Pflicht tun, tun Sie die Ihre! | Der Judenhass wächst! | § Nur fester Zusammenschluss und § Opferwilligkeit zu gemeinsamer Abwehr £ können dagegen helfen! H § Tretet der „Union deutsch-öster- § reichischer Juden“, Eurer bewährten H Schutzorganisation bei! Stärket unseren Pressfond! Abonniert unser Organ „Die Wahr heit!" Tue Jeder seine Pflicht! L Die Fremdenvertreiber an der Arbeit. Unter diesem Titel erhebt die „Oesterr. Hotel-Industrie", das Organ der Hoteliers und Fremdenherberger ln Oesterreich Klage darüber, daß immer, wenn die Reisesaison anhebt, in ausländischen Blättern aus lvohlberechneten Konkurrenzrücksichten, in inländischen aus Gedankenlosigkeit abfällige Berichte über unsere Zustände verbreitet werden, die auf eine fremdfeindliche Haltung der Bevölkerung Schlüsse zulassen; kleine lokale Ereignisse werden tendenziös aufgebauscht, die Fremden verschüchtert und vom Besuch unseres an Naturschönheiten so reichen Landesabgehalten, was einem Milliardenschaden gleichkommt und Zehntausende in der Fremdenindustrie Beschäftigte brotlos macht. Damit mag es ja seine Richtigkeit haben. Die „Oesterr. Hotel- Industrie" sollte sich jedoch .mit ihrer Jeremiade an die wenden, die als eigentliche Fremdenvertreiber anzusprechen sind und die häßlichen Exzesse der Hakenkreuzler, wobei es manchmal Tote und Verwundete^ gibt, nur als „kleine lokale Ereignisse" hinstellen. Es ist nicht jedermanns Sache bei einem Spaziergang in der Umgebung Wiens vielleicht in eine Schießerei zwischen Nationalsozialisten, und Sozialdemokraten zu geraten; nicht jedermanns Sache, während eines Straßentumultes aus einem Straßenbahnwagen herausgeholt und wegen Judenverdachtes blau und braun geschlagen zu werden. Man will schließlich als Fremder — ob Jude oder judenähnlich — für sein gutes Geld seine Ruhe haben. Wer diese Wahrheiten anerkannt, wird auch die Fremdenvertreiber an der rechten Stelle zu finden wissen. Die edlen Polen in der Polakei. Für jeden Kenner der Verhältnisse stand es außer Zweifel, daß mit der Aufrichtung des großpolnischen Reiches nach dem Weltkriege für die Juden in diesem Lande trotz Versailles, trotz Minoritätenschutz ein Martyrium anheben werde, an die dunkelsten Tage des Mittelalters gemahnend. Je tiefer ein Volk in Unwissenheit belassen wird, desto leichter ist es dem Rassenhaß zugänglich. In dieser Beziehung gibt es nahe moralische Verwandtschaft zwischen Rußland und Polen. Die Pogrome dort waren hier ein Gegenstand heißen Sehnens, das mit dem Vollzug der Staatshoheit an der Weichsel Erfüllung brutalster Wünsche finden sollte. Die neueste Geschichte Polens ist mit dem Blute seiner jüdischen Staatsangehörigen geschrieben. Wir erinnern nur an die jüngsten Massakers, die an Juden Polens dafür, verübt wurden, daß dre russischen Sowjets einige katholische Priester hinrichten, das heißt morden ließen. Ein Protest jüdischer Abgeordneter im Sejm wäre für diese bald verhängnisvoll geworden. Aehnlich erging es ihnen vor und nach der Ermordung des Iudenministers Narutow i c z. Dabei versteht es die Regierung mit echt sarmatischer Schlauheit im Verwaltungswege sich liberal zu schmücken. Sie kann es getrost tun und dennoch ihres Herzens geheime Wünsche' und Absichten geltend machen. Wozu gibt es denn in der Nationalversammlung eine Regierungspartei, die jedes beliebige Judengesetz apportiert und durchdrückt. Eben soll dort ein Gesetz geschaffen werden, laut welchem die Juden sich vom Militärdienst loskaufen können. Sie sollen damit das Stigma!'der-Vaterlandslosigkeit, dev Feigheit, der Marke von Bürgern zweiter Klasse erhalten, unbeschadet der historischen Tatsachen, daß Polen im Befreiungskämpfe gegen das Rußland des letzten Zaren un-

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