Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 11 (30.5.1923)
- Date
- 1923-05-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Die Wahrheit Seite 11 der neue Handelsminister, obwohl auch er der 'großdeutschen Partei angehört, von der schweren Schädigung des Fremdenverkehres sprach. Solange diese Zustände andauern, können wir unseren Glaubensgenossen nur aus das Eindringlichste empfehlen, den Besuch von Sommerfrischen zu vermeiden, in welchen sie gewärtig sein müssen, von der Bevölkerung feindselig behandelt zu werden. Als ein Aktivum in der politischen Jahresbilanz der österreichischen Judenschaft darf gebucht werden, daß mit Rücksicht aus die sich stets beängstigender gestaltende. Lage unserer Glaubensgenossen sich vor kurzer Zeit auf Anregung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde ein ge - gemeinsamer Vollzugsausschuß gebildet hat, welchem Vertretungen der Kultusgemeinde, der „Union deutschösterreichischer Juden", der B'na: Brith-Logen, der „Israelitischen Allianz", der „Agudas Jisroel" und der zionistischen Parte: angehören und dessen Aufgabe es ist, der zunehmenden antisemitischen Agitation eine einheitliche Abwehr entgegen zu stellen. Dieser Vollzugsausschuß ist am' 14. Mürz d. I. mit einer überaus eindringlichen Kundgebung an die Oefsentlichkeit getreten, welche wir zu dauerndem Gedächtnis hier im Wortlaute wiederholen: „Die judenfeindliche Bewegung in Wien und in Oesterreich hat in der letzten Zeit derartige exzessive Formen angenommen, daß die jüdische Bürgerschaft, die sich in ihrer staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung gefährdet sieht, zu diesen Vorgängen nicht länger schweigen kann. In aufreizenden Plakaten, Druckschriften und Versammlungen wird die Ehre der jüdischen Bevölkerung herabgesetzt, zu Haß und Gewalttätigkeiten gegen jüdische Bürger aufgefordert und die Lehre ihrer Religion durchs Erdichtungen und Entstellungen schwer verunglimpft. Die Bestrebungen nach Einschränkung der Lehr- und Lernfreiheit zum Schaden der jüdischen Lehrer und Studierenden begegneten an zuständiger Stelle bisher keinem Widerstand. Als Bürger dieses Staates, welche sich treu zu unserer Republik bekennen, Leid und Freud dieser Staatsgemeinschaft teilen und ihre Pflichten gegen die Gesamtheit stets erfüllt haben, verlangen wir, daß die Regierung der zu Feindseligkeiten gegen die jüdische Bevölkerung aufreizende::, die' Staatsautorität im Innern und das Ansehen der Republik nach außen schädigenden Bewegung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegentrete. Die Judenschaft Wiens und Oesterreichs ist fest . entschlossen, jeder Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und der Schmälerung ihrer bürgerlichen und politischen Rechte entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen. I In diesem Bestreben fühlt sich die gesamte Judenschaft Wiens und Oesterreichs, ohne Unterschied ihrer Gesinnung und Parteirichtung, einig." Unser eifriges Bestreben, für die Monatsschrift, deren Erscheinen wir infolge der unerschwinglichen Herstellungskosten vor zwei Jahren Linstellen mußten, einen Ersatz zu bieten, hat endlich zu einem erfreulichen Erfolg geführt. Durch eine Vereinbarung mit der Redaktion der Halbmonatsschrift „Die W a h r h e i t", welche in jeder Nummer eine vierseitige Beilage unter dem Titel: „Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden" enthält, haben wir ein neues und wertvolles Publikationsorgan gewonnen, welches in erheblichem Maße dazu beiträgt, die Kenntnis unserer Kampf- und Schutzarbeit in immer weiteren Kreisen zu verbreiten und unserer Organisation neue Anhänger zu gewinnen. Es ist selbstverständlich nicht möglich, wie dies früher mit unserer Monatsschrift der Fall war, die „Wahrheit" unseren Mitgliedern unentgeltlich zu überlassen, wir müssen vielmehr an unsere Freunde die dringende Bitte richten, dasselbe durch Zuführung zahlreicher Abonnements zu stärken und zu kräftigen. Wie Zahl unserer Ortsgruppen ist im abgelaufenen Jahre durch die Gründung der Mitgliedschaft Baden und der Mitgliedschaft Wiener-Neustadt vermehrt worden, während die Errichtung einer Mitgliedschaft in Mödling im Zuge ist. Unsere Mitgliederzahl hat sich im abgelaufenen Jahre um 390 neue Mitglieder vermehrt, so daß die Gesamtzahl unserer Mitglieder sich gegenwärtig auf 5500 beläuft. Wir werden die Werbung neuer Mitglieder und die Organisierung neuer Ortsgruppen in der eifrigsten Weise weiter betreiben, in der Erkenntnis, daß eine erfolgreiche Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Stellung und die Zurückweisung der gewaltig anwachsenden Angriffe aller Feinde des Judentums die Anspannung .aller Kräfte unserer Glaubensgemeinschaft erfordert. Die „Union deutschösterreichischer Juden" muß die Bereinigung sämtlicher Glaubensgenossen sein, welche mit uns durch gleiche Gesinnung und gleiche Liebe zum Judentum und zur österreichischen Heimat verbunden sind. Im Berichtsjahre ist mit unserer Beihilfe und werktätigen Förderung ein „Bund jüdischer Frauen Deutschösterreichs" gegründet worden, welcher, zwar rein charitative Zwecke verfolgt, statutengemäß jedoch jede Sonderstellung der Juden ausschließt und durch die Pflege des jüdischen Familienlebens mit beitragen will, die Widerstandskraft des Judentums gegen seine Feinde zu stärken. Wir hoffen weiters, daß die von uns unternommenen Schritte zur Schaffung einer jüdischen Jugendorganisation auf nichtnationaler Basis zu baldigem Erfolge führen werden. Unsere Ortsgruppen haben im abgelaufenen Jahre eine Reihe von Versammlungen abgehalten, von welchen wir insbesondere jene im IX. und II. Bezirke, in St. Pölten, Salzburg und Innsbruck hervorheben. Im IX. Bezirk sprach Herr Gemeinderat Dr. Sch warz- H: l l e r über „Palästinafrage und Weltkongreß", im II. Bezirke Herr Rechtsanwalt Dr. .Heinrich Herb ätsch ek über das Thema: „Unser Abwehrkampf"; in Salzburg und Innsbruck hielt der Syndik:^ des „Centralveremes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in Berlin, Herr Dr. Ludwig Holländer den wir auch in Wien zu begrüßen die Freude hatten, glänzende Referate über die Kampfmethoden des Centralvereines und bot damit wertvolle Anregungen, welche auf fruchtbaren Boden fielen. An diesen Versammlungen nahm auch unser Sekretär teil. In der Versammlung zu St. Pölten sprach Sekretär Fleischer über die Notwendigkeit einer jüdischen Einheitsfront gegenüber dem Zusammenschluß aller antisemitischen Parteien. Auch im letzten Jahre hat der Tod zahlreiche und schmerzliche Lücken in die Reihen unserer Mitglieder gerissen. Wir beklagen insbesondere das Ableben unseres Vorstandsmitgliedes Herrn Generalstabsarztes Dr. Adolf D r a ch, der sich nrit Liebe und Eifer in der Führung der Geschäfte des Zentralvorftandes betätigte, des Herrn Bernhard Trnka, der als Obmann der Ortsgruppe Ottakring- Hernals ein leuchtendes Vorbild von Pflichttreue bot, des Herrn Sigmund Schickt er, der als Schriftführer derselben Ortsgruppe nur schwer zu ersetzen sein wird, und des Herrn Dr. Max Weißen st ein, der als unser Vertrauensmann im XX. Bezirk überaus verdienstlich ge-