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Die Wahrheit · 1923-05-30 · Heft 11 (30.5.1923) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 11 (30.5.1923)
Date
1923-05-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Wie Wahrheit Nr. 11 Milieu heranwachsen und für Bibel und Bibvlschüulest nichts anders übrig haben. Wenn man heute mit Glaubensgenossen aus dem Reiche oder aus der Provinz zusammentrifft, kann man sehr' berechtigte Klagen über das „trefene" Wien vernehmen. In der Tat, was man derzeit in der Oeffentlichkeit beobachtet, stellt alle früheren Erscheinungen in den Schatten. Die Kaffeehäuser in vorwiegend jüdischen Bezirken haben sich die Einrichtung des Schel Pessach abgewöhnt, weil sie nichts auf die Kosten des bestellten Meschpach kommen. Am vorigen Jomkipur konnte man unsere jüdischen jungen Leute sehen, nicht nur wie an sonstigen Tagen frühstücken, sondern auch ihr Spielchen um hohes Geld machen. Früher hatten sie doch einigermaßen Scheu vor dem öffentlichen Chillul Haschern. Diese Scheu ist aber überwunden, zu Gunsten des „Fortschritts", der von der Assimilation zur Negation hinleitet. Aus dem Obgesagten glaube ich die Aussichtslosigkeit des Planes einer Vermehrung der Wiener Bibelschulen erläutert zu haben. Beim schlechten Juden nützt kein Brief, der gute Jude aber braucht leinen Brief. Sorgen wir, daß die Gemeinde der schlechten Juden abgebaut, das Uebel an der Wurzel gefaßt werde. Der „Numerus clausus“ einst und jetzt. Bo» Josef Lazarns. (1. Fortsetzung.) Den Unterschied zwischen der Kultur des Bethamidrasch und europäischer Universitätsbildung ist am besten durch Graf Hermann Kahserlings Worte gekennzeichnet: „Der westliche Geist klebt am Buchstaben; dem morgenländischen aber offenbart sich das' Leben täglich und stündlich jenseits aller Buchstaben" J4). So z. B. wird zwar im Bethamidrasch die Bibel als Textbuch für Weltweisheit benützt, doch täuscht sich jeder, der da glaubt, mit dem Ankäufe einer Bibel sich Welterfahrung erworben zu haben. Diese — liegt „jenseits der Buchstaben". Die Bibel ist bloß wie die Canevas eines Teppichs, dessen Seele in der Stickerei liegt. Die Weltweisheit liegt in den Gedanken, welche die Bethamidrasch- Lehrer um jedes Bibelwort wickeln. -Im XI. Jahrhundert hat der jüdische Grammatiker Jona ibn D sch an ah die „vergleichende Grammatik" erfunden. Das Bethamidrasch lehrt „vergleichende Welterfahrung". Die Geschehnisse des Tages werden an Hand der Bibel mit ähnlichen verflossener Jahrhunderte und Jahrtausende verglichen. Durch solche Vergleichstätigkeit wird der ruhende Pol gesucht, uM den' die Ereignisse kreisen. Der Schicksalsverlauf der Völker gewinnt hierdurch logische Folge — und „nichts neues gibt es unter der Sonne". Geschichtsschreiber und Politiker solcher Schule schlußfolgern logisch. Ihr politisches Blick ist weiter gerichtet als bis zu den „nächsten Wühlen". Ihre weit gesteckten Ziele bauen dauernde Staaten auf. Sie werden gesucht. Azaria de Rossr (1514 —1578) trägt „Kritische Geschichtslehre" auf der Universität zu Mantua vor. Karl d. Große entsandte den Juden Isaak als als Botschafter zum Kalifen Harun-al-Raschid. Im Spanisch-Maurischen Krieg wirkten' jüdische Diplomaten auf beiden Seiten. Ihre Glaubenstreue rang ihnen die Wertschätzung ihrer Herrscher .ab, so daß der König von Castilien (i. I. 1086) wor der Schlacht von Zalaca mit dem maurischen Gegner übereinkam, die Entscheidung wegen des Sabbaths zu verschieben, um dem Gutachten i*) Graf Hermann Layserling. Vortrag über Ost- und Westkulturen, Wien, am 14. März 1923. ihrer jüdischen Ratgeber nicht entsagen zu müssen. Solche Achtung vor dem' Glaub ens haben sich (unsere Väter bei ihren Herrschern errungen. f König Alfons VI. von Castilien erkennt die Bedeutung der Juden im Staatswesen infolge ihrer Beziehungen zu Glaubensgenossen anderer Länder. Er weiß, daß er in ihnen' den Kitt unter den Nationen besitzt. Gegen den Willen des Papstes Gregor VII. erklärt er (1091) seine jüdischen Untertanen als gleichberechtigte Bürger, besetzt Ratstellen und Botschafterposten mit ihnen. Ebenso auf maurischer Seite, wo .unter der Herrschaft der Almoraviden Juden zu Wesiren, Hofärzten, Hofastronomen ernannt wurden. Die Mauren .verleihen ihren jüdischen Ratgebern den Nagid- (Fürsten-)Titel. Der Geist des Bethamidrasch hat sie geadelt. —. Sultan Selim ernennt den Juden Joseph Na ei (1566) zum Herzog von Naxos und der 12 Cyclonen. — Salomon Askenasi, Hofarzt des Königs Sigismund von Polen, wird zum Wesir Mahomed Sakollr nach Konstantinopel berufen, überrascht diesen durch seine Weltansichten, wird 1570 nach dem Venezianisch-Türkischen Krieg vom Sultan nach Venedig entsendet, den Frieden wegen.Cypern zu verhandeln. Ein zweitesm'al lehnt sich der Sultan an die Welterfahrung dieses jüdischen Diplomaten an, indem er ihn zur Königswahl nach Polen schickt, die Wahl Heinrichs von Anjou zuM Könige von Polen durchzusetzen. Dieser blieb mit dem jüdischen Diplomaten in Korrespondenz, auch als er später, als Heinrich III. zum König von Frankreich gekrönt wurde. Worin bestand die Ueberlegenheit unserer Väter? Sie bestand in ihrer eigenartigen Doppel-Bildung: sie hatten das technische Wissen der Universität, veredelt mit dem Geiste des Bethamidrasch. Disraeli, der große Staatsmann Englands, G a m b e t t a, der große Politiker Frankreichs, M a n i n, der Doge Venedigs 15), sie alle verdanken ihre Welterfahrung dem durchs ihre jüdischen Vorfahren vererbten Bethamidrasch-Geist. Er gab ihnen Orientierung in allen politischen Lagen. Für diese Geister gab es nichts Neues auf der Welt. Wer nach der Kraftquelle jüdischen Geistes sucht — findet immer das „Haus der Forschung", das Bethamidrasch. Blostin dieser Doppelbildung liegt das Rätsel der Nützlichkeit der Juden bei ihren Wirtsvölkern. Arme jüdische Burschen wandern aus dem galizischen Bethamidrasch nach Paris und London. Dort doppeln sie ihre Bethamidrasch - K u l t u r mit westlicher Bildung und schon in derselben Generation finden wir sie an der Spitze der gesellschaftlichen Stufenleiter. Diese Doppelkultur sich zunutze machend, wählte Peter der Grausame, König von Castilien (1350 — 1369) zu seinem Finanzminister den Samuel Levi Abulafia. Auch noch 100 Jahre später wählte Ferdinand von Aragonien zum Minister den Isaak Abravanel (1437—1518) aus Toledo. Daß dieser Geist sich nicht im Amte erschöpfte und sein biblisches Eigenleben lebte, beweist sein berühmter Bibel-Kommentar, den er der Welt hinterließ. Diesem Werke sollte er zurückgezzogen in Portugal leben, als die Inquisition in Spanien ausbrach. Aber auch in Portugal ernannte ihn Alfons V. zum' Minister. Als später auch Portugal im Scheine der Scheiterhaufen entflammte, wunderte unser Bibelforscher nach Neapel. Auch dort zieht ihn der König vom Bibelfolianten weg, um seine Erfahrung auszunützen. Als die Franzosen in Neapel eindrangen, übersiedelte Abravanel nach dem Osmanischen Reiche, wo er sein berühmtes Werk vollendend i. I. 1518 starb. i®) Leroy-Beaulien, Israel parnli les nations.

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