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Die Wahrheit · 1923-05-30 · Heft 11 (30.5.1923) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 11 (30.5.1923)
Date
1923-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 D i e Wahrheit Nr. 11 führlich berichtet. Das Buch „Das betäubungslose Schächten f&fer Tiere" von Dr., v. Schwarz, dem literarischen Hauptgegner des Schächtens, wurde von Dr.^'H. Hildes - heimer kritisch geprüft. Sein Urteil lautet, d'aß „es schwer fallen dürfte, ein zweites Buch zu finden, däs in gleicher Weise von Unwahrheiten, Entstellungen, ja handgreiflichen Fälschungen strotzt, wie dasjenige des Dr. v. Schwach."?; * . ChrUicheFührergegendenAntisemitismus. II. Wir fahren iji der Veröffentlichung von Urteilen christlicher Theologen über den Antisemitismus fort und geben dem als Superintendenten der evangelischen Gemeinden Schlesiens (Teschen), wie als österreichischen Abordneten des Reichsrates und ausgezeichneten Redner gleich hervorragenden Dr-. Theodor Haase das Wort, das er in kleinen Studjien unter dem Titel „Antisemitismus" (Wien — Teschen, Karl Prochaska, 1887) niedergelegt hat. ...„Den Antisemitismus gewähren lassen, heißt ruhig mit Zusehen, wie auf öffentlichen Plätzen und inmitten bewohnter Stadtteile mit Dynamitpatronen Fangball gespielt wird... Ob jemand die Juden lieben oder hassen will, kann jeder Regierung vollständig gleichgültig sein, nicht aber, daß sich ein einzelner oder eine Gesellschaft darauf verlegt, Lehren, Anschauungen und Grundsätze zu verbreiten, welche in ihren Konsequenzen zur Plünderung, zum Raub, zu Mord und Todschlag führen.... „Wenn in gewissen Elementen der Appetit auf jüdisches Eigentum erweckt ist, wird es denselben auch nach dem Eigentum anderer gelüsten", sagt v. T r e s o r t (ungarischer Minister für Kultus und Unterricht)... Die Bewegung, gleichviel ob sie sich als Rassen- oder Religionshaß äußert, verunreinigt die christliche Kirche, zersetzt alle edlen Gefühle vergiftet die Herzen, zerstört den Frieden und macht die seltsam! Derselbe Schall durch die Lüfte, derselbe Klang aus den Höhen, wo doch alles so verändert, wo doch das Einst verweht und verrauscht, verdrängt und verfault ist!... Meine Werten! Ich glaube mit Recht vermuten zu dürfen, daß d'er sich bildende Verein solchen oder ähnlichen Gefühlen seine Gründung verdankt. Das sentimentale Moment hat dabei gewiß die anregende Rolle gespielt, jedoch so teuer und lieb uns auch diese Empfindungen sind, soll man sich doch gewiß nicht bloß zu oft schwermütigdüsteren, unfruchtbaren Stimmungen zusammenfinden, sondern zur heiteren Verbrüderung aller jener, die in unge? brochener Treue ihrer Heimat gedenken, damit dann aus der Liebe zur Heimat die werktätige Liebe zu allen jenen entspringenderen Wiege in derselben Stadt geschaukelt wurde und die durch die Ungunst des Schicksals und der Verhältnisse in Not und Armut gerieten. Aber nicht in der Armenpflege allein liegt das wichtigste Ziel des Vereines. Es soll vielmehr ein gemütliches, trautes Stelldichein für alle jene gegründet werden, die mit Preßburgern zufammenkommen, mit ihnen ein Stündlein verplaudern und sich die frischesten Neuigkeiten aus der Vaterstadt holen wollen. Indem ich nun mit meinen schlichten Worten zu Ende bin, überbringe ich zugleich aus dem dritten Teile der einstigen Monarchie dem heutigen Ungarn herzliche Wünsche von allen Preßburgern, die zu verdolmetschen ich mir, ohne jedes Mandat, hiermit gestatte, und wünsche auch meinerseits ersprießliche Wirksamkeit und freundschaftlichsten Zusammenhalt... Verfolger ebenso unglücklich wie die Verfolgten... In einem Rechtsstaate kann es keine Judenfrage geben, am' allerwenigsten in dem Sinne, als ob das Ausmaß der bürgerlichen Rechte, welche den jüdischen Staatsbürgern zukommen erst noch festzusetzen wäre; sie haben als Staatsbürger vielmehr ein Recht zu fordern, daß Beschränkungen, z. B. rücksichtlich der Zulassung zu öffentlichen Aemtern zwar durch das Gesetz ausgeschlossen, aber durch das Vorurteil sanktioniert und tatsächlich in Uebung, fallengelassen werden... Der von der katholischen Kirche unter die Heiligen versetzte Abt von Clairvaux sprach: „Wo die Juden fehlten, würden die christlichen Wucherer viel schlimmere Juden vorstellen". ...Der Antisemitismus ist nach Trefort eine intellektuelle Infektionskrankheit, die in jedem Jahrhundert mindestens zweimal auftritt und sollte nur noch der Geschichte der Psychologie und psychiatrischen Medizin angehören... '...„Sie nennen sich Antisemiten, haben es aber nicht mit den semitischen Völkern zu tun, sondern nur mit dem semitischen Volksstämm der Juden; warum sie sich nicht lieber Anti-Juden nennen? Freilich das Fremdwort klingh nach mehr, steht gut und kostet nichts. So ungefähr dachte aber der Jude Jsak Leib 'auch! , Ms er vorzog, sich James Lyons zu nennen... „Nichts ist imehr geeignet, die Gedankenlosigkeit zu fordern, das 'Rechtsbewußtsein zu trüben und! das öffentliche Gewissen zu verwirren, als wenn in Fragen, welche das allgemeine Wohl betreffen, an die Stelle der vernünftigen Begründung ein S ch lag wort gesetzt wird. Das Motiv läßt sich beleuchten, prüfen, bekämpfen und je nachdem es die Probe besteht oder nicht, annehmen oder verwerfen. Das Schlagwort duldet keine Prüfung, keine Bemängelung, keine Einwendung. Seine Herrschaft ist die absolute Tyrannis. Wer sich seinem Terrorismus beugt, ist gut, edel, gerecht, ein Philosophein denkender Nationalökonomein großer Politiker, ein Mann der die Gegenwart versteht und dem die Zukunft 'gehört; wer sich gegen dasselbe auflehnt, ist mindestens nicht ganz zurechnungsfähig, ohne Verständnis für die Fragen des Tages, daher für das öffentliche Leben nicht brauchbar, ein kurioser Heiliger, ein Sonderling, oder, wenn man anders nicht mit ihm fertig werden kann, ein Korruptionist. Man lese nur einmal eine antisemitische Zeitschrift, man höre einen antisemitischen Redner. Ob da von Petroleum oder Getreidezöllen, von Viehseuchen oder Zuckersteuer, von Eisenbahnen oder Schulpflicht geschrieben oder gesprochen wird, jeder Gegenstand wird unter denk Gesichtswinkel des Judenhasses betrachtet, und der Zeitungsartikel oder die Rede läuft zuletzt immer nur auf eine! Philippika hinaus, bald gegen das „jüdische Kapital" und gegen die „verjudete Presse", bald gegen die „jüdischen Advokaten und Merzte", gegen die „jüdische Korruption" und gegen den „gemeinschädlichen jüdischen Stamm". Wagt es aber jemand, dem Geßlerhute der antisemitischen Presse den Respekt zu verweigern und in aller Bescheidenheit zu bemerken, daß es wie ehrliche und unehrliche Christen auch ehrliche und unehrliche Juden gibt, daß man die Fehler des einzelnen Juden nicht generalisieren dürfe, daß man auch iw Juden den Menschen achten müsse, so wird eine ganze Sintflut von Hohn und Spott, Schimpf und Schande über ihn ausgegossen. Man ist dann gleich kein echter deutscher Mann imehr, jman ist ein Verräter an seiner nationalen Pflicht und Ehre, man hat keinen Begriff von den politischen Kulturaufgaben des deutschen Volkes, man ist von den Juden gekauft, ein Judas, ein Ehrenjude oder man versteht die Judenfrage nicht."

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