Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 11 (30.5.1923)
- Date
- 1923-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 Die Wahrheit Seite 5 2) Da Tierquälerei im jüdischen, Religionssatz verboten ist, und ein Rippenbruch oder eine erhebliche Beschädigung das Tier zum Genüsse unbrauchbar machen würde, muß das Schächten möglichst vorsichtig und schonend geschehen. 3) Der ausübende Schächter bürgt durch die religiöse Qualifikation und seine sonstige Eignung, die ihm aus Grund gewissenhafter Prüfung zuerkannt wird, für die exakte Ausführung des Halsschnittes, der durch Ausblutung des Gehirnes das Tier sogleich der Besinnung beraubt. 4) Das vor der Schächtung betäubte Tier ist mit Kohlensäure, das geschächtete mit Sauerstoff gesättigt, da nach der Betäubung 1—2 Minuten vergehen, bis das Blut kräftig ausströmt, während es nach dem Schächtschnitt momentan geschieht. In jener Pause erfolgt eine der Gesundheit unzuträgliche Zersetzung des Blutes, die schon in seiner dunkleren Färbung zum Ausdruck kommt. 5) Hervorragende Praktiker haben sich wiederholt für größere Schmackhaftigkeit und Haltbarkeit des Fleisches geschächteter Tiere ausgesprochen. 6) Das betäubte und gestochene Tier muß nach der Schlachtung gewaschen werden. Wasser ist der Nährboden für Pilze und. beschleunigt besonders in den heißen Sommermonaten, Llas Verderben des Fleischest 7) Für das Schächten haben sich 1894 und 1905, also auch nach Einführung des Kopfschusses, einige Hunderte der bedeutendsten Physiologen, Pathologen und Tierärzte gutachtlich, ausgesprochen, so u., a. Aschoff, Dammann, v. Czerny, Dubois-Reymond, Engelmann, Gerlach, Heidenhatn, Hering, Hermann, Hertwig, Laborde, Mosso, Orth, Pettenkofer, Lister, Ruber,, Salkovsky, Verwarn, Virchow und Waldeyer. Der berühmte Physiologe Prof. Engelmann in Berlin schreibt: Es kann sich nach meiner Meinung nur um die Frage handeln, ob nicht das Schächten allgemein an die Stelle des sonst gebräuchlichen Schlachtverfahrens zu treten habe. Das Interesse der Hygiene wie des Tierschutzes scheinen mir entschieden eine Bejahung dieser Frage zu fordern. Von der Großschlächterei F. Hoffmann in Berlin, die in ihrem Betriebe bas Schächten nach jüdischer Methode ausüben ließ, bezög der dortige Magistrat das Fleisch für die städtischen Anstalten. ' Diesen Sätzen fügen wir nach mündlichen Berichten des Verfassers hinzu: Das sächsische Schächtverbok ist längst aufgehoben, das in der Schweiz verdankt sein Zustandekommen einem unglücklichen Zufall, einem 1l<ebersetzungsversehen. Seine Zurücknahme begegnet Schwierigkeiten, die in der Technik der schweizerischen Gesetzgebung begründet sind. Ein Apparat, dach'Tier ohne jede Quälerei, niederzulegen, würde auf der Dresdener Hygiene-Ausstellung auf Veranlassung des Herrn Dr. Grunwald vorgeführt, der ein Modell hievon dem Wiener jüdischen Museum überwiesen hat. «/ Agitation gegen das Schächten ist nach diesen Ausführungen weder hygienisch noch humanitär zu begründen. Sie bedeutet einen Anschlag auf die vom Staatsgrundgesetz verbürgte Freiheit der Religionsübung.. Der Aesthetiker Friedrich Bischer erhebt gegen das Christentum den Vorwurf, daß es der Tierquälerei keinen Riegel vorgeschoben hat. Berühmte Kirchenlehrer, der bekannte Philosoph Peter Malebranche, u. a. bezeichnen den Schrei des 'gequälten Tieres als nichts weiter, denn den Klang einer angeschlagenen Schelle. Bischer selbst hebt hervor, daß die Gesetzgebung Moses hierin höher stand und herrliche Bestimmungen enthält, worin; sie Erbarmen mit dem Vieh zur Religionspflicht macht. In sämtlichen deutschen Militärkonservenfabriken wurden die Tiere geschächtet, und zwar auf sGrund eines Gutachtens der Wissenschaftlichen Deputationen für das Medizinalwesen, der die ersten Koryphäen der deutschen Gelehrtenwelt angehören. Generalmajor Bronsartv.. Schellendorf und andere militärische Fachleute erklärten in deutschen Parlamenten das Schächten ,für die vorzüglichste Methode des Schlachtens. Gegen die Schußbetäubung haben sich die Fachleute selbst ausgesprochen, worüber der „Antisemitenspiegel" ausdie stille Freude eines Spazierganges im Morgengrauen durch die schlaftrunkene Stadt. Ueberall herrschte feierliche Ruhe, und ich schleuderte wie im Traum dahin. Meine Tritte widerhallten in den schmalen Straßen und zu mir gesellten sich zwei, schattenhaft-lustige Gestalten: die stumme Einsamkeit und die slüsternd-kosende Vergangenheit. Es war, als hätten mir beide sanft unter die Arme gegriffen und mir Gasse ein, Gasse.aus ihr geisterhaftes Geleite gegeben. Mitten in der Wanderung hielt ich plötzlich einen Augenblick inne, vor mir lag im Dämmerscheine gehüllt... das einstige Elternhaus und wie sich ein vergilbtes Pergament entrollt, so breitete sich urplötzlich vor meinen Augen der ganze schmerzlich-süße Zauber der Kindheit und Jugend aus. Ich stand wie fest gebannt/ mein Blick blieb an dem Fenster der Elternstube haften und meinem beklommenen Herzen entrangen sich die tiefernsten ewig schönen Worte Goethes: Was ich besitze, sehe ich nur im Weiten Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten. Inzwischen wurde es heller uni mich her, der Tag erwachte und ich konnte mich deM Banne entwinden, in dem mich der Anblick des Elternhauses gefesselt hielt. Nun ging es wieder weiter über Stein und Stufen, doch kaum war ich ein paar Schritte gegangen, da klopfte mir die Vergangenheit auf die Schulter und raunte mir zu; „Sieh' da, kennst hu das Haus dort drüben nicht Mehr? Darin wohnte ja dein Freund, der ewig ftohe Spiel- und Schulgenosse. Sein Leben war ein allzu kurzer Lenz und ein tückisches Verhängnis hat ihn an der Schwelle eines verheißungsvollen LebenZ gefällt. Wie hast duj um ihn geweint und geklagt und nun wolltest du teilnahmslos an seinem Vaterhause vorbeieilen?" Die andere Begleiterin mit den geschlossenen Lippen war von diesem Vorwurfe nicht erbaut und zog mich wortlos vow der Stelle. Doch die holde Schwätzerin ließ mich nicht gar lange vorwärts kommen, denn bald fiel ihr wiejder ein Haus in die Augen und sie neigte sich zu meinem Ohre und flüsterte kichernd: Jetzt kenne ich dich schon! Nicht nur das Schmerzliche hast du vergessen, auch das Heitere, Frohe ist dir entfallen. Dort durch dieses Haustor gingen einst die schäckernden Mädchen ein und aus und wie oft warfst du verschämt ein sehnsüchtig Auge nach ihnen? Als 1>ann eirrmal dein Blick aufgefangen und erwidert wurde, nicht wahr, da glühten deine Wangen, da pochte dein Herz und du eiltest schnurstracks nachhause und verfaßtest ein harmlos Verslein an die holdselige Maid... In diesem Augenblicke ertönte die Turmglocke vom Domturme herab. Es waren die wohlbekannten Töne, die schon in Meinem zarten Alter viele Stunden der Pflicht, des Lernens karge Stündlein der Muße verkündeten und hinein klangen bis an meine Lagerstätte, mich am Abend einlullten und einschläferten, um mich zeitlich am anderen Morgen unerbittlich aus Schlafesarmen zu fördern. Wie