Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 Die Wahrheit Nr. 10 zeihen" kann wohl nur der Furcht vor einer kommenden Abrechnung entspringen. Die Russen aber und wir Deutschen sollen: alles verstehen, aber nichts verzeihen! Halten wir uns vor Augen, daß jetzt auch in deutschen Landen, vorab in Thüringen und Sachsen, eine „Nemesis der Geschichte" planmäßig verbreitet wird. Je früher und je mehr der Deutsche verstehen lernt, umso weniger wird er dann — seiner eigenen Dummheit — zu verzeihen haben. Deutsche Worte. Der „Reichswart" betitelt und schließt einen langen Aufsatz seiner Nummer 17 mit dem Kraft- und Schlagwort: „Hier ruht das größte Rindvieh der Welt". Gememt ist darunter der Deutsche, über den das Rad der Weltgeschichte hinweggehen wird und der jenes bezeichnende Epitaph auf den Stein bekommt, weil er nicht daran glauben wollte, daß des Reiches Unglück, Leid und Niedergang von den jüdischen Verführern ausging. Der „Reichswart" glaubt damit den völkischen Geschichtsforschern künftiger Zeiten eine Quelle der Wahrheit erschlossen zu haben. ' Dte Krakauer philosophische Fakultät über den Nnmerus ßlansüs. Das Memorandum der Krakauer philosophischen Fakulität in Angelegenheit des jramerns claasus verdient besondere Beachtung, denn es hat sich in schärfster Weise gegen die Einführung des numenus clausus ausgesprochen. In dem Memorandum führt die Fakultät aus, daß die Ueberfüllung der Fakultät mit nichtpolnischen Elementen keinesfalls Anlaß zur Besorgnis geben darf, daß dies für die nationalen Interessen von Nachteil werden könnte. Die Fakultät glaube an die Lebenskräfte des polnischen Volkes, welches stets auch bei der größten Unterdrückung die Fähigkeit bewiesen habe, seine eigene Kultur zu schützen. „Angesichts der Wiedererlangung des eigenen Staatslebens wollen wir um so mehr jene Mittel meiden, die wir in den Zeiten unserer Knechtschaft als entwürdigend angesehen haben." Die Fakultät warnt vor der Einführung des numerus clausus weil dadurch nur die Reibungsflächen zwischen den verschiedenen Nationalitäten verschärft werden könnten. Die Einführung des numerus clausus würde außerdem die Autorität Lehrer und Universität schmälern. Diese Abstoßungstaktik könnte nur von Nachteil für den Staat und die Gesellschaft sein, und würde die so Behandelten einer fremden, dem Polentum geradezu feindlichen Kultur in die Arme werfen. Ritualmord-Beschuldigung. Die Kownoer „Jüdische Stimme" weiß von einem Fall zu erzählen, der sich leicht zu einer großen Tragödie hätte auswachsen können. Am 30. März, zwei Tage vor Pessach, sah man eine polnische Frau ganz aufgelöst durch die Straßen Kownos laufen, unter Wehklagen, daß ihr ihr sechsjähriges Kind abhanden gekommen sei. Sie drang dann in das Haus eines Thoraschreibers ein, vor dem sie durch ihren wüsten Auftritt einen großen Menschenauflaus verursachte und t,verlangte, daß man die Kellerräume nach ihrem Kinde absuche. Es trat eine Panik unter den Juden ein und die Lage schien bei der wachsenden Erregung der Menge wirklich bedrohlich. Bald aber erschien die Miliz auf deM Platze und jagte die Leute auseinander. Man hat seitdem von der polnischen Frau nichts mehr gesehen und gehört, und man nimmt an, daß sie entweder das Kind gleich wieder gefunden hat. oder daß das Ganze nur eine von langer Hand inszenierte Hetze war. / Theater, Kunst u. Literatur. Josef Heller, der vielen unserer Leser von seiner Tätigkeit als Tondichter bekannt sein dürfte/ — seine Oper „Frauenlist" wurde seinerzeit an der „Volksoper" mit überaus großem Erfolge aufgeführt — hat, wie wir erfahren, vor kurzem ein dreiaktiges Drame fertig gestellt, dessen Uraufführung in allernächster Zeit am „W i e n e r Komö dienh aus" stattfinden wird. Das Drama führt den Titel „Der Prozeß — gegen Gott" und spielt in Prag zur Zeit des hohen Rabbi Löw. R. O. Frankfurter, David schlägt die Harfe. Roman. Verlag Grethlein & Co. Leipzig — Zürich. Wenn der freundliche, aber laienhafte Leser, wie er in der Vorrede angesprochen wird, diese gelesen hat, ist er dem Buche. voM Anfang bis zum Ende unweigerlich verfallen, im Banne einer Sprache, deren eigenartiger Macht man sich gerne unterwirft. David schlägt die Harfe und Frankfurter ist Meister auf dem Instrument des Wortes, wie kaum einer der modernen Sänger und Säger. Und verspricht vielen viel zu bringen. Auch -der Freund des exotisch Erotischen kommt auf seine Rechnung. Da weiß doch jeder, was er vom Dichter zu erwarten hat. Der macht kein Hehl daraus, daß er den König David stets gehaßt hat und dessen unverdienten Lorbeer, Blatt um Blatt zerpflückt, in den Kot treten wird. Und dieses Versprechen wird mehr als notwendig erfüllt. David, der gottbegnadete Psalmist, dessen Name den gläubigen Juden Inbegriff aller königlichen und menschlichen Tugenden ist, erscheint im Lichte Frankfurters als Ausbund der Schlechtigkeit und Niedertracht. Sein Kampf mit Goliath ist eine feige Tücke, seine Harfnerei ein Mittel zum Zwecke, sich in die Gunst des Königs hinein und als solcher hinaufzuspielen. Boshaft und rachsüchtig, den eigenen Vorteil kalt berechnend, so werden alle Handlungen und Gesinnungen Davids dargestellt. Selbst sein Künstlerruhm hält vor der Kritik des Autors nicht stand. Mit womöglich noch heißerem Ingrimm geht er dem Thronfolger Salomo dem Weisen zu Leibe. Ihm ist er kein Weiser und kein Dichter. Als Prinz wurde er vom Propheten Nathan erzogen, dessen kluge Sprüche er angeblich später als geistigen Eigenbau verzapfte. Und damit man ja nicht glaube, der entartete Davidssohn sei der Verfasser des herrlichen Hohen Liedes, läßt er solches schon in Salomons Kindheitstagen als Volksgesang palästinensischer Burschen und Mädchen erklingen. Kurzum der königliche Harfenschläger und sein Thronfolger sind bei Frankfurter die Scheußlichkeit selbst. Es wäre irrig zu glauben, daß antimonarchistische oder antimilitaristische Gesinnung diese Dichtung geboren habe, denn so wie sich Frankfurter in Haß und Verachtung gegenüber jenen beiden großen jüdischen Könige nicht genug tun kann, überfließt er vor Verehrung für S. M. Saul, obgleich dieser Herrscher an den Wüterich in des „Sängers Fluch" erinnert, denn auch bei ihm war Schrecken, was er sann, und Wut, was er tat. Auch Sauls Generalfeldmarschall! Joab schneidet bei Frankfurter recht gut ab,' trotzdem dieser wackere Held die Gepflogenheit hatte, seine Gegner in der Weise zu erledigen, daß er ihnen während eines Judaskusses das Schwert in die Eingeweide stieß. Über Geschmacksachen nst auch mit dem Dichter nicht zu streiten. Er mag also an David und Salomo kein gutes Haar lassen, aber sollte doch in seinem leidenschaftlichen Ungestüm nicht über die Stränge schlagen, nicht das religiöse Empfinden man-