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Die Wahrheit · 1923-05-15 · Heft 10 (15.5.1923) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 10 (15.5.1923)
Date
1923-05-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 10 Die Wahrheit Seite 15 Der Kampf um den Numerus elausus. In Kreisen, der deutsch-antisemitischen Studentenschaft an der Wiener Universität herrscht tiefe Verstimmung und Unzufriedenheit über den Beschluß des akademischen Senates, der die Zulassung der jüdischen .Hörer nicht a limine ablehnt, sondern von einem gewissen Vorbildungsgrade abhängig macht, und davon, daß sie nicht aus östlichen Staaten kommen. Der akademische Senat hätte wohl gerne den weitestgehenden Forderungen der hakenkreuzlerisch gerichteten Studenten entsprochen, aber er folgte einem deutlichen Wink und empfindlichen Druck von höherer Seite, der wieder auf maßgebende auswärtige Faktoren zurückzuführen ist. Wie unter den Blinden der Einäugige König, so erscheint der Senat der Universität tolerant gegenüber dem nackten Antisemitismus der Wiener technischen Hochschule.. Daß man sich aus die Notwendigkeit des reibungslosen Studienbetriebes an den Wiener .Hochschulen spät, aber doch besonnen hat, dafür spricht auch der Umstand des tumultlosen kritischen Montags, an dem die Jnskribierungen an der Wiener Universität begonnen haben. Wohl war der jugendliche Troß der Deutschnationalen in Bereitschaft vor dem Universitätsgelände aufmarschiert, aber es wurde ihm das erwartete Kampfsignal nicht gegeben und so hatte die Polizeimannschaft einen ruhigen Tag. Die Völkischen lassen jedoch durchblicken, daß aufgeschoben nicht aufgehoben ist und daß sie für alle Fälle ihr Pulver trocken halten. Armer Dr. Reich! In einer der letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages wurde dem großdeutschen Abgeordneten Dr. Reich von gegnerischer Seite zugerufen, daß er ein „Judenstämmling" sei. Dr. Reich schien ob dieser Zumutung sehr gekränkt, und man konnte beobachten, wie er in einer Gruppe von Sozialdemokraten und Christlichsozialen eifrig bestrebt war, sich von dieser „Beschuldigung" reinzuwaschen. Denn, wie die Erfahrung lehrt, auch Deutschnationale machen wohl mit Juden gern Geschäfte, aber sie wollen sich nicht zu erkennen geben. Ob Dr. Reich zu dieser Klasse gehört, soll nicht behauptet werden, aber er wehrt sich dagegen, daß man ihm jüdisches Blut andichtet. Deshalb hat er in seinem: Stammbaum nachgeforscht und das Resultat hat er in der Sitzung des niederösterreichischen Landtages, am 26. v. M., vor Eingang in die Tagesordnung dem Präsidenten Juckel mitgeteilt. Er hat die Taufscheine väterlicher- und mütterlicherseits sowohl als auch die bezüglichen Dokumente auf 200^ Jahre zurück vorgewiesen, aus denen sich ergeben soll, daß er „arischer" Abstammung sei. Zugleich erklärte er sich bereit, allen, die sich für die Sacheinteressieren, Einsicht in die Dokumente zu gewähren. Die Beweiskraft von zweihundert Jahren scheint für die Zweifler seiner „reinen" Abstammung nicht besonders groß zu sein. Denn zweihundert Jahre können doch unmöglich diesen ungeheuren Makel verwischen. Eine Ahnenprobe, die nur auf zweihundert Jahre zurückreicht, verleiht noch nicht die „Ebenbürtigkeit". Armer Dr. Reich! War der Urahne vor zweihundert Jahren vielleicht doch ein — nein, wir wollen es nicht ausmalen. Seit zweihundert Jahren ist Dr. Reich arischer Abstammung, die Dokumente vor dieser Zeit fehlen, wir hoffen und wünschen, daß sie nicht auf eine jüdische Abstammung Hinweisen. Das Hakenkreuzabzeichen, mit dem Dr. Reich so 'gern in den Sitzungen paradiert und welches nach der neuesten Forschung sogar ein jüdisches Symbol sein soll, bietet leider keine Gewähr für seine arische Abstammung und sein nur zweihundertjähriger Taufschein erst recht nicht. Armer Dr. Reich! Beschmutzer des eigenen Nestes. In den Berichten über die Münchener Hochverratssache Fuchs — Machhaus spielte auch die Persönlichkeit eines gewissen Kohlenhändlers Munk eine bedeutende Rolle. Er soll der Mann gewesen sein, der das ganze Unternehmen finanzierte. Nach einer Meldung des Prager „Sozialdemokrat" hieß Herr Munk früher Jakob Mund und ist in Brünn als Jude geboren. Als Vertreter einer Wiener Firma verschwand er nach Aufdeckung eines Fehlbetrages von 60.000 Friedenskronen nach Amerika und kam erst bei Ausbruch des Krieges wieder nach Europa zurück. Er trat aus dem Judentum auK und änderte seinen Vornamen auf Johannes um. In München etablierte er sich als Kohlenhändler und fand Anschluß an die Hitler-Leute. Der Jude — Fritjof Nansen. Im Deutschen Volksboten lesen wir die folgende ergötzlich-dumme Notiz: Fritjof N a n s e n, der Führer der Hilfsexpedition für das hungernde Rußland, bringt in der „Vossischen Zeitung" vom 30. Lenzing einen, Aufsatz über die russischen Zustände, worin dieser Kenner Rußlands die Ursache des russischen Elends mit dankenswerter Offenheit enthüllt. Es heißt da unter anderem: „Während die früher herrschenden Klassen für nichts zu rächen hatten — denn sie hatten immer die Oberhand gehabt — hat die jetzt herrschende Klasse vieles zu rächen, was sie durch Unterdrückung und teilweise auch durch Erpressung während einer langen Zeitspanne erlitten hatte. Zu dieser früher unterdrückten Klassen müssen die Juden zählen, die immer in Rußland gehaßt, verfolgt und unmenschlich behandelt worden sind. Man braucht nur an das Gesetz zu denken,' das denlJuden verbot, in der Hauptstadt des Reiches zu leben, ganz zu schweigen von den Judenverfolgungen. Ist es merkwürdig, daß alles diesen Haß erregt hat und daß die verfolgte Rasse (?) sich an der Revolution beteiligte, als die günstige Gelegenheit (!) kam? Wir wissen, daß es — wenigstens manchmal — eine Nemesis in der Geschichte gibt und daß die Gegenwart oft für die Sünden der Vergangenheit büßen muß. Ich denke, man sollte sich an alles dieses erinnern, bevor man ein Urteil über die jetzigen Vorgänge in Rußland fallt. Wenn jemals, so erfüllt sich hier der alte Satz: „Tout comprendre, c'est tmt pardonner“, (Alles verstehen, heißt alles verzeihen.)" Es ist gut, von einem der besten Kenner der jetzigen russischen Verhältnisse die Triebkräfte der russischen „Kulturentwicklung" seit 1917 so klar herausgestellt zu sehen. Nansen verschweigt nur die Gründe, warum es den Juden unter der früher herrschenden „Klasse" manchmal nicht zum besten erging! Dieses Verschweigen und die übertriebene Hervorhebung der „Unterdrückung" andererseits erklären sich zur Genüge aus dem Umstande, daß Nansens Großeltern russische Juden gewesen sind (Familie Nathanson; vergleiche Fritz Kahn, „Die Juden als Rasse und Kulturvolk"). Die Berufung auf das „Verstehen und Ver- JAG MAYER, Kleidet«, Pelze« u. Zentrale: Wien, II., Glockengasse. Gummimäntelfabrik Detailverkauf: Wien, II., Tabor Straße 44.

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