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Die Wahrheit · 1923-05-15 · Heft 10 (15.5.1923) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 10 (15.5.1923)
Date
1923-05-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Die Wahrheit Nr. 10 U j Wahrheiten vom Tage. | g | Graf Reventlow. Vor dem Amtsgericht Berlin — Mitte fand der Termin in der Angelegenheit Ach ad Haam (Schriftstellername für 1L Ginzberg) gegen den Grafen Reventlow statt. Achad Haam wurde durch Rechtsanwalt Groneman vertreten. In diesem Termin wurde seitens des Angeklagten die folgende Erklärung zu Protokoll gegeben: „Graf Reventlow bedauert, daß er aus dem Artikel der „La vieille France“ die Behauptung, U. Ginzberg sei der Verfasser der „Weisen von Zion" übernommen hat, und erklärt, daß er heute diese lediglich auf die Darstellung der „La vieille France" gegründete Behauptung nicht aufrecht erhalten kann. Er übernimmt die Kosten des Rechtsstreites." Graf Reventlow hat die Verpflichtung übernommen, seine Erklärung in dem vom Deutschvölkischen Wulle herausgegebenen „Deutschen Tagblatt" zu publizieren. Durch die Rücknahme des Grafen Reventlow und seine Erklärung, daß er seinen Irrtum bedaure, ist für die deutschen Gerichte die Angelegenheit Achad Haamgegen Reventlow erledigt. Aber nicht so für die breite Öffentlichkeit; der Fall Reventlow liefert einen weiteren Beweis für die gewissenlose Leichtfertigkeit der berufsmäßigen Verleumder, die mit ihren Anwürfen gegen das Judentum flugs Bet der Hand sind, aber zur Verantwortung gezogen mutig auskneifen und die Folgen ihres schmählichen Treibens vermeiden. Ja, der Deutsche nach der Art der Reventlows fürchtet nichts als Gott und den Gerichtssaal. An Exempeln, die zu statuieren sind, ist wahrlich in der völkischen Literatur kein Mangel. Ode an die Hakenkreuzler. Die Hamburger Welttribüne bringt die folgenden Worte, die statt eines Titels das bekannte Zeichen des Hakenkreuzes aufzeigen: Sie dachten nicht an des Volkes Not; Sie hißten die Fahne schwarz-weiß-rot. Die feile Mörderfahne. Das Hakenkreuz war ihr Panier, Des blanken Dolches sünd'ge Zier — Und auch der Mörderfahne. In Preußen schlug man ins Gesicht, Wie es gescheht mit jedem Wicht, Der Horde schwarzer Taten. Wie einer Dirn' am Straßenrand Schlug man den Dolch ihr aus der Hand, Die Heim und Herd verraten. — Doch Wanderer, der du suchest Rast Hier, wende ab dich voller Hast Und danke Gott im Himmels Der dich bewahrt in Stadt und Dorf 1 Vor Wulle, Graefe, Ludendorfs Und schwarz-weiß-rotem Himmel. Die Deutschnationalen aller Schattierungen sind natürlich über diesen Sang an Wulle, Graefe, Ludendorff ganz des Teufels. Kommunistische Sederfeiern. Der antireligiöse und darum auch antijüdische Fanatismus der russischen Kommunisten hat zu Erscheinungen geführt, die man nicht anders mls eine Verhöhnung des Judentums bezeichnen kann. Die russische kommunistische Partei Hatz die jüdischen Parteigenossen aufgefordert, eine kommunistische Pessachfeier zu begehen. Diesem Befehl wurde an vielen Orten Folge geleistet, wenn sich auch nur kleine Gruppen jugendlicher jüdischer Kommunisten an den Veranstaltungen beteiligten. Außer Straßendemonstrationen und antireligiösen Propagandaversammlungen wurden sogenannte „Chomez- Seders" eingerichtet, auf denen gesäuertes Brot gegessen und an Stelle der Hagada Kommunistische Propagandaschriften verlesen wurden. Gegen jüdische Kommunisten, die sich an dem Mazzothbacken' in ihren Häusern beteiligten, wurde ein Verfahren eingeleitet. An vielen Orten wurden Pessachfeiern veranstaltet, an denen sich Juden und Nichtjuden beteiligten und auf denen antijüdische Pamphlete verlesen wurden. - Die große Masse der jüdischen Bevölkerung Rußlands wird durch dieses Treiben in seinen innersten Gefühlen aufs schwerste verletzt und wehrt sich gegen diese Gewalttätigkeiten der Sowjets aufs äußerste. In Moskau, wo der Sowjet die Synagogen beschlagnahmt und geschlossen hat, mieteten diä Juden eine koptische Kirche und verrichteten dort ihren Gottesdienst während der Pessachtage. Trotz dieser Verfolgungen der jüdischen Religion durch den russischen Kommunismus fahren die Nationalisten aller Herren Länder fort, die Juden für kommunistische Untaten verantwortlich zu machen. So haben die polnischen Nationalisten an die Regierung die Forderung gerichtet, sämtliche Rabbiner in Polen zu verhaften und, falls der Erzbischof Cieplak von Pen Russischen Kommunisten nicht freigelassen werde, hinzurichten. Die Antisemiten brauchen in allen Ländern Vorwände, um das Volk gegen die Juden aufzuhetzen. Darum verbreiten! sie, der Wahrheit zuwider, immer wieder die Behauptung, daß die Juden in Rußland mit dein Kommunismus verbündet seien, während die Dinge in Wirklichkeit entgegengesetzt liegen und auch das russische Judentum unter der antireligiösen Gewaltpolitik der Sowjets aufs schwerste zu leiden hat. Eine interessante Profelytengeschichte. Der Kischinewer Korrespondent des „Vorwärts" erzählt folgende verbürgte Geschichte: Kostja Kosak, früher ukrainischer Pogromheld heißt jetzt Abraham, Sohn Abrahams und lebt als frommer Jude. Die Geschichte feiner Bekehrung ist hoch interessant. Noch im Jahre 1920 gehörte er wie fein Bruder Wassil zu den ersten Anführern der Judenpogrome. Die unter ihrer Leitung stehende Bande war eine der gefürchtetsten in den ukrainischen jüdischen Städten. Eines Tages übernachtete Wassil mit seiner Wanderbande in einem Dorfe unweit des jüdischen Städtchens Wachifke. Müde von der „Arbeit", ritt er zu seiner Zerstrenung hinter das Dorf hinaus. Als er am zweiten Tage wiederkehrte, war er wie umgewandelt und erklärte seinen Genossen, daß er von heute ab nicht mehr mitmachen könne, da er schleunigst nach Beßarabien aufs Grab seines Vaters müsse. Sein Vater sei ihm im Traume erschienen und habe ihn dahin beordert. In Beßarabien machte er sich im Städtchen D—tz, wo keiner seine Vergangenheit kannte, ansässig und nahm dort seine frühere Berufstätigkeit — er war Schuster vom Fach — auf. Hier berichtete er eines Tages seinem Bruder Kostja und sagte ihm, er habe Tag und Nacht keine Ruhe, die erschlagenen Menschen schreckten ihn in den Träumen auf, und er gab seinen Beschlnß kund, zum Judentums überzutreten und dann nach der Ukraine zu gehen, in der Hoffnung, dort als Jude erschlagen zu werden. Er wollte mit dem Tode seine schwere Schuld sühnen. Die Worte machten auch auf Kostja den stärksten Eindruck, und er wollte sich seinem Bruder anschließen. ES beschlossen beide Brüder zum Judentum überzutreten, allein im Städtchen D—tz verhielt man sich diesem Versuche gegenüber mißtrauisch und abweisend. Sie aber nahmen das Judentum freiwillig auf sich, ruhten an Sabbat und Feiertagen, hielten alle Fasttage usw. Wassil wanderte bald wirklich nach der Ukraine aus und sein weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Kostja aber ruhte und rastete nicht, erlangte in Belz die Erlaubnis zum Religionswechsel und unterzog sich am 28. Dezember vorigen Jahres der Milohoperation. Als man dabei Narkose anwenden wollte, wehrte er sich dagegen mit den Worten: „Ich habe soviel jüdisches Blut vergossen und wünsche jetzt, dieses kleine Opfer bei klarem Bewußtsein zu bringen". Er lebte seitdem im Städtchen als Jude allgeachtet und ist eifrig bemüht, die Kenntnis der hebräischen Sprache und des jüdischen Gesetzes zu erlangen.

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