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Die Wahrheit · 1923-05-15 · Heft 10 (15.5.1923) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 10 (15.5.1923)
Date
1923-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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schulmäßigen Pferde mit einer silbergestickten Schabracke von herrlichen Farben, in vollster Würde, ihm zur Seite paradierten stattliche Heiduken, hinter ihm sein Unterkommandant, David Löb Kuh, ebenfalls von Heiduken begleitet. Hierauf kamen die Geschworenen, Gemeindeschreiber und Schulkörper im höchsten Staat, unter den letzteren ein hoher Greis von 88 Jahren mit einem zinnernen und ein anderer mit einem vergoldeten Schulhammer. Diesen folgten die jüdischen Gelehrten, denen Musikanten voranschritten, die auf dem Waldhorn lustige Jagdstücke bliesen; hinter ihnen zwei Kolonnen Studenten mit silberbeschlagenen Büchern, jede angeführt und geschlossen von Berittenen mit der Partisane im Bügel. Nun erschienen die Lehrer aus einzelnen jüdischen Gemeinden der Prager Umgebung mit besonderem Barette mit dem Buchstaben „P" , hinter ihnen eine lustige Rotte zu Fuß. An diese schloß sich der Judendoktor Moses Salomon Gumpert, ein Gelehrter, dem ein Läufer und zwei als langbärtige alte Türken verkleidete Männer gravitätisch voranschritten; bei ihm befand sich sein Sohn, der das 'I'eZtimonium facultatis medicinae des Vaters zur Schau trug. Neben den: Doktor ging der Apothekers-Sohn mit der Apothckerbüchse und alle National-Bader folgten. Jetzt erblickte man den Schulkautor, dem eine kleine Orgel vorangetragen wurde, worauf er an verschiedenen Orten einen Segenswunsch für das Kaiserhaus spielte. Arme Waisen aus der Anstalt des Primators Frankl stimmten den Psalm 72 an „Gott verleihe Dein' Gericht dem Könige, dem Königssohne, Dein gerechtes Urteil u. s. w." Ein achzigjähriger jüdischer Spielmanu, als alte Frau verkleidet, blies das Fagott und alle anderen jüdischen Spielleute folgten ihm mit den: Vivat aus den Hüten und der großen Zunftkanne; dann schritten die jüdischen Metzger einher, eine dritthalb Ellen hohe Schüssel wurde ihnen vorangetragen. Dann kamen zwei jüdische Gaukler, sie gingen auf den Händen statt auf den Füßen und machten die tollsten Sprünge. Ihnen angereiht waren die jüdischen Kürschner in kostbaren Pelzen,' mit zwei Schildern vom edelsten Pelzwerk, worin die Bilder von Maria Theresia mit Joseph in der Wiege und der Schild Davids zu sehen waren. Auch eine Menagerie kam mit ausgestopften wilden Bestien, dabei ein Jäger, der abwechselnd lustig dreinknallte. Die jüdischen Schneider mit klingendem Spiele; die Posamentierer; die Schuster mit einem riesenhaften zinnernen Stiefel; ein prächtiger Zug ungarischer Lanzenreiter und ein anderer glänzender Husaren. Ein Hochzeitsnarr, über und über mit hölzernen Küchengeschirr und statt eines Hutes einen hölzernen Topf auf dem Kopfe. Eine förmliche Bauernhochzeit. Am Abend war die ganze Judenstadt festlich beleuchtet und die reicheren Mitglieder bewirteten die christlichen Standespersonen auf's Feinste. Trotz all dem manifestierten Patriotismus sind die Prager Juden beim Einzug der österreichischen Truppen, am 26. November 1744, drei Jahre später von den Grenzsoldaten geplündert worden. Ende März 1745 mußten sie wegziehen und um jeden Preis das verkaufen, was sie nicht mit sich sichren konnten. Zuvor jedoch mußtem sie die dem Staate schuldenden 160.000 Gulden und anderes bezahlen. In Scheuern und Ställen lebten sie, ohne Verdienst. Groß sind die Leiden, welche die Juden in Böhmen, Mähren und anderen Ländern des Reiches erdulden mußten — von welchen die ersten Jahrtausende, als sie von ihrem Vaterlande vertrieben wurden, die geringeren waren. Die jiddische Bühne. Ein Nekrolog. Während Mali Picon an einer anderen Stätte sich darbietet, entschlief in der Taborstraße die Jüdische Bühne, an. der vor wenigen, aber begeisterten Anhängern ein. Isaak Deutsch, eine Weintraub-Gras,ein Zucker und ein Podzamcze edelste Kunst geschaffen hatten. Diese „Jüdische Bühne", die an der Indolenz der reichen Landsleute zu Grunde ging, war die Wiege jener, die heutewo es ihre Pflicht gewesen wäre zu helfen, darauf vergessen haben. Ben-Zwi schafft sich in Rumänien ein Vermögen — und.in Wien verendete die „Jüdische Bühne"! Zehn Minuten von der Taborstraße weg entferntt, ernten allabendlich Jakob Kalich und Mali Picon verdienten Beifall und reiche Gage und sie. haben nicht daran gedacht, durch ein Gastspiel jener Kunststätte zst "helfen, die damals, als beide noch unbekannt waren, das Risiko ihrer Engagements ohne Bedenken auf sich nahm. ' Im Filmatelier in der Gumpetidorferstraße arbeiten Frau G l ü ck s m a n n, Frau Dreiblatt und Herr Bell. Und scheinen nicht zu wissen, dast sie mit einem einmaligen. Auftreten in der jiddischen Bühne mehr für die jüdische Kunst getan hätten (allerdings weniger vielleicht für die Gage!) als durch das wochenlange Filmen. So muß denn diese alte Stätte jiddischer Kunst verdorrren. Wenn alle, die von ihr aus „gemacht" wurden, sie verließen, — darf man sich nicht wundern, wenn auch das Publikum ausblieb. Und wenn das Verdienst Isaak Deutsch's auch unschätzbar groß ist, — er allein — noch dazu auf unrichtigem Platz gestellt — konnte dieses Institut nicht retten. Deutsch, der - b e st e L i e d e r s ü n g e r, als „Berschtik" war doch nur eine ebenso unglückliche Idee, als wenn man Schildkraut hätte eine Oper singen lassen. Der letzte Direktor, Herr S. Eh l amtatsch, der sich opferwillig in den Dienst der guten Sache stellte, schloß am 30. April die Jiddische Bühne. Wien, die Stadt mit 300M0 Juden ist ohne ein spezifisch jüdisches Theater. Es ist die Indolenz der reichen Landsleute daran schuld, gewiß, — aber sicher tragen auch jene Künstler ihren Teil an dem Untergang der „Jiddischen Bühne",die sie gerne seinerzeit genützten, <um groß werden, die aber nun nicht daran dachten, ihre moralische Schuld zu begleichen. * * * Mali Picon, die große, nein die größte jiddische Künstlerin, gastiert im „Max und Moritz". Allabendlich rührt sie dort zu Tränen, allab endlich greift ihre Gestaltungsgabe ans Herz. Herr Kalüch, der soignierteste Schauspieler, der formgewandte Mensch, der über ein mimosenhaft empsindsames Spiel verfügt, gibt allabendlich, seine große Kunst zum Bestens Und daß'Wien ein jüdisches Theater erhalten könnte, zeigt die Nachmittagsvorstellung am 29. April im „Carl-Theater", die bis auf das letzte Plätzchen ausverkauft war und ein Publikum aufwies, welches nicht nur leeren Beifall, — sondern auch volles Verstehen für die große Kunst des einzigartigen, leider nur noch kurze Zeit hier weilenden Künstlerpaares Picon — Kalich zeigte. ' > Aride» Abonnenten für „Die Ofabrbeit“»

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