Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 10 Der „Numerus clausus“ einst und jetzt. Bo« Josef Lazarus. Dem Andenken meines Bruders Dr. Hugo Leon Lazarus gewidmet. Geboren in Lemberg am £5. November 1875 — gestorben am 6. September (27. Elul) 1915 als Epidemie-Arzt in Krakowiec in Ausübung seiner ärztlichen Pflicht. Er hat die Epidemie zum Erlöschen gebracht — und ward ihr letztes Opfer. Widmung. Diffamation jüdischer Mitbürger wie im Mittelalter spricht von Maueranschlägen herab zu verfinsterten Völkern; Beschämung gellt jüdischen Studenten in den Wandelgängen der Hochschulen seitens politisch verhetzter Kollegen entgegen. Kein Menschenfreund widmet der aufstrebenden Jugend Worte des Trostes. Dies ist das Kulturbild des Tages in und um' deutsche Hochschulen herum. Dem Andenken meines Bruders seien diese Zeilen gewidmet, der gleich Hunderttausenden jüdischer Männer und Jünglinge sein Leben in diesem Kriege geopfert. Der beste Trost in Tagen solcher Erniedrigung ist die historische Orientierung. Nicht zum ersten Mal wird von kurzsichtigen Tagespolitikern die antisemitische Volkswelle gegen uns gewälzt. Begraben hat sie Alle, die sie gegen üns aufgepeitscht haben'. Zerbröckelt alle Völker, die sich in Religions- und Rassen- Elemente auflösen ließen. Verschwunden die Weltreiche der Aegypter, Assyrer, Meder, Perser, Hellenen, Römer, Goten und Spanier, von denen es hieß, daß „die Sonne in ihrem Reiche nie untergehe". Historische Orientierung in dieser Wirrnis zu finden, ist Pflicht 'des Augenblicks. Wo sind wir? Wer waren unsere Väter? Was waren ihre Leistungen? Wo lag die Quelle ihrer geistigen Kraft? AM Geländer dieser Fragen gelangen wir zur Quelle der geistigen Kraft unserer Väter, welchen antisemitische Anfeindung^- bloß Veranlassung war, ihre Kulturschätze zu bergen in Ländern der Freiheit und sie dort zu noch höherer Blüte zu entfalten. Der Gründer der „Kadimah", mein verstorbener Freund Dr. Theodor H e r z l, hat das „geographische" Judentum wieder entdeckt. Jetzt wäre es an der Zeit, das „ethische" neu zu beleben, welches über alle geographischen Grenzen, von unseren Vätern hinausgetragen wurde, zum Segen der Völker, zu allen Zeiten der Weltgeschichte, als Kleinod der Kultur: die Ethik des Judentums. ' Wer sie im Busen trägt. Gelehrter oder Bauer, vor dem beugt sich der Antisemit. Im Hause des Midrasch wurde sie gelehrt,... zurück zur Quelle!; Die Leidensgeschichte unseres gequälten Volles verläuft in einer Wellenlinie 3 Jahrtausende zurück, bis tief ins prähistorische Dunkel. In regelmäßig wiederkehrenden Zeitabschnitten zieht sie über sonnige Berge des völkischen Glücks, in finstere Täler des tiefften Unglücks, nach! klar erforschten Gesetzen. Abraham, unser Erzvater, hat die Formel empfangen, nach welcher die Schicksalskurve unseres bald unglücklichen, bald auserlesenen Volkes mit mathematischer Präzision verläuft. Sie lautet: „Die Völker sollen sich mit Dir segnen." Zwei Grundsätze ringen miteinander in der Welt: Das rohe Faustrecht und der .Geistesadel des Bethamidrasch — „Beth-Midrasch", wörtlich übersetzt: „das Haus der Forschung", werden die Akademien genannt, welche unsere Väter überall gegründet haben, um den Seelenadel zu pflegen. Ohne Seelenadel kann kein Menschliches Wissen zum Wohle der Welt gereichen. i Jedesmal, wenn unsere Väter im Sinne des Bethamidrasch in die jErscheinung traten, „segneten sichinit ihnen die Völker", hob sie die Schicksalswelle hoch hinauf, auf lichtschimMerde Höhen unseres historischen Daseins. So sei erinnert an Joseph, den Vizekönig von Ägypten, der zum Segen wurde für die Aegypter, da er sie vor dem Hungertode rettete; sei erinnert an die klassische Römerzeit der Juden, allwo dass gebildete; Rom sich mit dev jüdischen Weltauffassung segnete*), welche lehrte, daß des Menschen Schicksal nicht bei Jupiter tonans, nicht bei Neptun und Pluto, sondern in jederrmanns eigener Hand ruht, bestimmbar nach seinen guten und bösen Taten. Die Römer, der leeren Mythologie entwachsen, bewunderten die Tiefe der mosaischen Sittenlehre. Israels seelische Kultur ergäntzte Roms technische. Es wurde „vornehm" in Rom, „nach jüdischer Art" zu leben, Synagogen zu besuchen, Speisegesetze zu befolgen, Sabbatlichter zu zünden. Akylas aus Sinope übersetzte die Heilige Schrift"). Dem Erzvater Abraham wurden Statuen errichtet. Die für jüdische Kultur schwärmende Jugend Roms ließ sich sogar beschneiden, wie Juvenal berichtet. Vier Jahrhunderte vergehen. — Römische Statthalter begehen Ungeschicklichkeiten, stellen Götzenbilder im Allerheiligsten zu Jerusalem auf. Selbstaufopsernd stürzt sich das jüdische Voll den bewaffneten Römern entgegen. Diese — anstatt sich derartige Glaubenshelden zu Verbündeten zu machen (wie es später die Babylonier und Perser getan) — töten jeden jüdischen Gelehrten, den sie beim Lernen antrafen, da sie erkannten, daß aus dem Bethamidrasch die Widerstandskraft des Volles stamwt. So wurde Rabbi ChananjaBenTeradion verbrannt, in seine Thorarolle gewickelt. Die Römer vermeinten, durch Schließung der jüdischen Akademien 'dem Volle Israel das Licht der Wissenschaft abzudrehen. In dem Maße jedoch, in welchem die Römer das Licht in Palästina abdrehten, drehten sich unsere Väter das Licht in Babylon wieder auf. Sie gründeten Akademien (Bethamidraschim) in Sura, in Pumbedita, in Nardea * 2 3 4). Der römische „Numerus clausus" hatte die entgegengesetzte Wirkung. Glänzender denn je ging der Stern jüdischer Wissenschaft in Babylonien, später auch in Alexandrien.auf. lieber die Römer aber und über alle ihrre Successionsstaaten (Germanien, Gallien und Jberien) brach die Nacht des Mittelalters herein. Dies war die Rückwirkung ldes „Numerus clausus" auf die Römer selbst. Die Juden hingegen wurden zum einzigen Volle Europas^), welches die Nacht des Mittelalters nicht kannte. Sie wurden zu Lichtträgern der Welt. Aus ihren morgenländischen Bethamidraschim brachten sie Licht nach dem verfinsterten Europa, wo die Werke griechischer Weiser und Klassiker bereits verschollen, ihre Sprache *) i. I. 31 nach der Schlacht bei Actium kam Aegypten unter römische Herrschaft. Gelehrte Juden wanderten nach Rom, boben das Ansehen der dortige« jüdischen Gemeinde. Römer nehmen Teil am jüdischen Glauben. Kaiser Augustus laßt die Volksverteilung von Geldern von Samstag auf einen Wochentag verschieben, ebenso TiberiuS. 2) Reinach, Histoire des Israelites. 3) Auch die Stadt Mahuza am Tigris wollte ihre Gelehrtenschule haben. Wegen des Luxus der überreichen Stadt aber, bot sie zu viel Zerstreuung und brachte keine berühmten Schüler hervor Reinach, Histoire des Israelites). 4) Frankl, Literaturgeschichte der nachtalmudischen Respvnsien 1865. Seite 3—5.