Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die WaHrHerk Nr. 10 Ungarn wären nicht so weit gekommen, wenn , alle dazu berufenen Faktoren von jeher ihre Pflicht getan hätten. Aber man hat von einflußreicher Seite den Rassenhaß unterstützt und gefördert und hat so das. Verbrechen heraufbeschworen. Die Bewegung wird nicht bei den Juden stehen bleiben. Die Männer mit den Wachsmasken werden sich überzeugen, daß sie zum Schaden ihres Landes und zu ihrem eigenen Verderben gearbeitet haben. Sind die Juden geplündert, dann werden die Schlösser der Herren dem Bauernkriege zum Opfer fallen. Das Feuer ist tolerant; -es verzehrt die Häuser der Magnaten mit derselben Gier, wie die Häuser der Juden. Dann' wird die Wachsmaske einer Zivilisation zerfließen, welche nicht den Mut und den Willen hat, Zustände abzuwehren, wie sie jetzt in Ungarn zur Schande des Jahrhunderts möglich geworden sind. - Jüdische Freudenfeste in der Vergangenheit zu Prag. Von Albert Löw. Ebenso wie die Universität einst den Ruhm Prags erhöhte, war dieses auch durch die Prager Jeschiba, bei der vielfach geprüften Judengemeinde der Fall. Die Talmudthoraschule war mit Glanz umgeben. Die Bachurim wurde selbst bei der Belagerung Prags durch die Franzosen von den jüdischen Mitgliedern reichlich ernährt. Viele Hunderte Talmudjünger waren Tischgenossen. Durch besondere Treue und Anhänglichkeit zeichneten sich die Prager Juden in den Kämpfen und im Kriegsdienste aus. Sie kämpften auf den Stadtschanzev gegen die feindliche französische Armee im Jahre 1742. Der Oberrabbiner Rabbi Jonathan Eibeschütz erteilte sogar die Erlaubnis, am VersöhnungDtage auf den Schanzen zu arbeiten. Mit einem besonderen Vorgefühl feierte die Prager Judengemeinde die Geburt des Kaiser Joseph II. im Jahre 1741. Originell gestaltete sich das Fest, welches ein wahres Volksfest war. Durch Jovialität und Skurillität würdig in den Annalen her Zeiten, wo man dem Herrscher und Regenten Treue und Anhänglichkeit bewahrte. Nie kann man dem Judentume den Vorwurf machen, in seiner Zerstreuung, im Exile dem herrschenden Regenten und der Nation, welche es in Schutz nahm, keine Anhänglichkeit gezollt zu haben. Wir Juden beten nach dem Ausspruche des Priesterstellvertreters Rabbi Ch a n i n a für bas Wohl des Staates, der Regierung. Wir beten in unseren Gotteshäusern für die Genesung unserer Nebenmenschen, ja selbst für unsere Feinde, sowie für die Sünder und die Bußfertigen. Prag war von Feinden umringt und nach der Befreiung donnerten Freudensalven. — Die Städte wetteiferten, es im Frohlocken einander zuvorzutun. In diesem Jubel blieb die Prager Judenschaft nicht zurück. Festlich zog die Judengemeinde mit wallenden Fahnen und klingendem Spiel auf; in den Gotteshäusern ward gebetet und der Vize-Primator Simon Wolf Frankl verteilte Almosen an christliche und jüdische Arme. Die Judenstadt war festlich beleuchtet und Bier und Wein floß vor dem jüdischen Rathaus in Hülle und Fülle. Erst nach der glücklichen Entbindung der Kaiserin wurde das sollene Volksfest begangen. Am Volksfesttage war aller Handel und Wandel eingestellt, der Trödlermarkt blieb geschlossen, die Gassen der Judenstadt wurden säuberlich gereinigt und die Fenster mit Teppichen behängt. Drei Tore der Judenstadt waren zierlich austapeziert und Musikbanden harrten, um die ankommenden Fremden mit Trompeten und Pauken zu bewillkommen. Nachmittags 3 Uhr setzte sich ein Festzug in Bewegung. Voran schritt ein jüdischer Post-Briefträger, zwei Trompeter folgten ihm und hinter diesen sechs jüdische Läufer in großer Gala. Dann kamen die Anführer des Zuges, der Primator Simon Wolf Frankl, auf einem uhr an der Wand, der in das verborgene Räderwerk eingreifend es in Bewegung setzt und einen- Reigen alter Melodien an unserem Ohr vorüberrauschen' läßt. Dieser Melodienkranz hat seine besondere Färbung, sein eigenartiges Timbre bei jenen, die in der Judengasse und ihren Ausläufern zuhause waren. Man kann diese Gasse mit ihren ragenden, schmucklosen, unhöflichen Häusern (ein großer Teil von ihnen hat keinen Hof) der Unsauberkeit zeihen, aber eines muß man gestehen, daß sie malerisch wie nur wenige und eine Stätte der wärmsten Poesie sind. Als vor Jahren die Feuersbrunst in der Gasse große Verheerungen angerichtet hatte, schrieb ich in einem vielgelesenen Blatte ein paar elegische Zeilen über das Opfer des zerstörenden Elementes und es sei mir gestattet, daraus einige Sätze zu zitieren: , „Alle jene, deren Wiege in der Gasse gestanden, deren Jugend in ihren Mauern verflog und die jetzt, in aller Welt zerstreut, bebenden Herzens die Kunde vernahmen, ziehen nun heimwärts mit ihren Erinnerungen und klimmen im Geiste wieder die Gasse'hinan, wo das Elternhaus stand, wo die Mutter scheuerte und' säuberte, wo der Vater kämpfte und sorgte, wo die Freundschaft sich erschloß, wo vielleicht die erste keusche Liebe regsam wurde und wo jedes zweite Nachbarhaus eine stille ^Ändachtsstätte in seinen Mauern beherbergte. Unsere Vaterstadt war nicht Preßbürg. Das war einzig und allein bie Judengasse. Da draußen bedrohten uns stets die handfesten Liebseligkeiten gewisser Gassenjungen. Ein Spaziergang ins Gebirge, in das Blumental war ein kühnes Abenteuer und unser Steifhut, die obligate Tracht des Talmudjüngers kehrte oft als Bruchstück in die Gasse zurück. Dort oben da ging es uns gut. Unbehelligt fröhnten wir dem Spiel und wenn die Dämmerstunde herabsank, da gingen wir in das nächste Vethaus, beteten und dankten Gott für den Tag^ den er gegeben. Und kam' ein Rüsttag zu einem Feste, da beflügelte der fromme Eifer Alt und Jung. Durch die Gasse eilte hin und wieder geschäftig Arm und Reich, um für den Feiertag alles vorzubereiten. Lange vor Eintritt der Nacht schlossen sich die Geschäfte und bald darauf erschienen die Väter im Sabbathstaate, Ruhe und Frieden auf den Antlitzen. Die kleinen Feststühle glänzten in der Flut von Lichtern und alle Trübsal und alle? Sorge schwand in Hymnen Und Gebeten dahin. Kam Chanuka ins Land, schmückten kleine Flämmchen die Fenster bis-hinaus in den fünften Stock Und wenn das lustige Purimfeft anbrach, wogte abends eine tolle Menge durch die Gasse Und Scherz und Spiel, Sang und Lustbarkeit erklang draußen und daheim in den niedrigen Stuben. —Unvergeßlich sind die seligen Stunden vor Anbruch des Kolnidre, die viel Kurzweil spendende Nachtwache am holden Wochenfeste, der Einzug in die luftige, bundgeschmückte Laubhütte...."! (Fortsetzung folgt.)