Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Seite 5 . Die WäHrHeir Schuldforderungen einzutreiben, dann werden die Kanäle des Konsums und des Absatzes verstopft, dann klagt auch der Großhändler über eine Reduktion in seinem! Geschäftsgänge und dann muß auch der Fabrikant sich mit der Tatsache abfinden, daß bei ihm keine Bestellungen gemacht werden. Zuletzt kommen auch die Arbeiter zu Schaden, die nicht!nur als Faktoren der Produktion, sondern auch als Faktoren des Konsums einen bedeutenden Platz ausfüllen. So pflanzen sich die Wirkungen fort und so werden immer weitere Kreise von denselben getroffen. Die blutigen Orgien des Dorfes sind Ursache, wenn die Not in den Städten wächst, die Not in den Städten ist aber eine neue Gefahr, wenn auch die draußen stehende Bewegung nicht gerade einen antisemitischen Charakter haben muß. Damit ist nur ganz oberflächlich, ßn linearer Zeichnung ein Beispiel für die ökonomischen Wirkungen gegeben, welche mit der ungarischen Judenverfolgung verknüpft sind. Durch bas hier durchgeführte Beispiel ist die ökonomische Bedeutung dieser Exzesse aber keineswegs erschöpft. Produktion und Handel kennen keinen Dualismus; wir sind mit unserem Absätze auf das ungarische Gebiet angewiesen und die Störungen in Ungarn müssen auch unsere ökonomischen Zustände in nachteiligster Weise beeinflussen. Durch Vorgänge, wie sie jetzt Ungarn zum Schauplatz haben, wird der Verkehr unterbunden, wird dem Handel Mut und Selbstvertrauen genommen, wird die ganze Gesundheit des ökonomischen Lebens untergraben, wird der Kredit vernichtet. So gehen aus den gegenwärtigen Störungen neue Störungen hervor, so bildet sich eine endlose Kette von Gefahren, und so wirken ökonomische und politische Störungen zusammen, um ein vollständiges Chaos zu schaffen. In Ungarn droht sich ein Abgrund zu bilden, und in diesen Abgrund kann vieles stürzen, was Man jetzt noch für lebensfähig hält. Sollen wir gegen Ungarn eine besondere Anklage erheben, heuchlerisch die Achseln zucken über die verderblichen ungarischen Zustände? Die Ungarn vollstrecken nur, was ihnen anderswo gepredigt wurde. Wir lassen hier die Frage von persönlichen Sympathien und Antipathien ganz aus dem Spiele, biden uns auch nicht ein, die herrschenden Anschauungen beeinflussen zu können; aber wenn man sieht, wie selbst Juden, welche unbedingt nützliche Faktoren des geschäftlichen Lebens sind, welche zur Hebung der gesellschaftlichen Wohlfahrt redlich das Ihrige beigetragen, unter dem Religions- und Rassenhaß, unter unausrottbaren Vorurteilen leiden müssen; wenn man wahrnimmt, wie es den guten Ton und Anstand nicht verletzt, unaufhörlich in der Judenfrage herumzuwühlen, dann muß man sagen, daß Ungarn seine Verantwortlichkeit nicht allein trägt, daß viele Faktoren außerhalb Ungarns diese Verantwortlichkeit mit ihm teilen. Dem Juden-, haß steht der Markt offen, die Juden sind schutzlos allen Angriffen preisgegeben, selbst in Staaten, wo man sonst: die öffentliche Meinung streng bevormundet. Unaarn allerdings ist jetzt in einer wirklich unglücklichen Lage. Ein Teil der ungarischen Bevölkerung ist wie vom Rausche erfaßt; eine Art von Geistesepidemie hat das Volk ergriffen, und es ist sehr traurig, wenn man zu Bajonetten und Flintenschüssen seine Zuflucht nehmen muß, um eine solche Epidemie zu beseitigen. Die Bewegung in Ungarn hat bereits großartige Dimensionen angenommen und das will nichts anderes sagen, als daß ein Teil Ungarns sich in Aufruhr, sich in gänzlicher Auflehnung gegen die gesetzliche Ordnung befindet. Dahin hat man es gebracht, daß der Mann mit der Wachsmaske auf offener Straße Raub und Mord Predigen darf und daß has Herannahen einer ökonomischen Katastrophe befürchtet werden muß. Wir werden nicht an die Gefühle der Humanität appellieren; aber schließlich wird man doch einsehen, daß es eine harte Sache ist, wenn Familienväter mit ihren Frauen und Kindern nachts aus ihrer Wohnung flüchten müssen, um nicht einer bestialischen Wut zum Opfer zu fallen, und wenn sie es nicht wagen dürfen, ihre zerstörten und geplünderten Wohnungen aufzusuchen. Das wird doch jeder wissen, daß ies in ider Pflicht eines geordneten Staates liegt, Leben und Eigentum zu schützest. Die Dinge in Feuilleton Gruß an die Preßburg. Worte, gesprochen im Vereine der Pretzburger in Wien. Von Prof. Philip Nasch, Oedenburg. Meine lieben Landsleute! IM alten Griechenlande ereignete es sich oft, daß die übermäßig zugenommene Bevölkerung einer Stadt ihren Lebensunterhalt daheiM nicht mehr finden konnte. Da beschlossen die Aeltesten im Rat, auf fernen Gestaden eine Tochterstadt, eine Kolonie zu gründen und dorthin den Ueberschuß der Bewohnerschaft, ganz besonders die Jugend zu verpflanzen. Die Unternehmungslustigen schifften sich am festgesetzten Tage unter heißen Tränen und Glückswünschen ein und nahmen — so heischte es die herkömmliche Sitte — von dem heiligen Feuer der sogenannten Mutterstadt auf ihr Fahrzeug nsit, uM es in die neue Heimat zu bringen und dort in frommem Wetteifer zu nähren, zu hegen, anzusachen und sorgfältig zu behüten. Meine Werten! Wir alle, leibliche und' geistige Kinder der Stadt Preßburg, tragen in unserem Herzen die milde Flamme der Erinnerung an unsere Geburtsstadt, den Tummelplatz unserer fröhlichen, längst entschwundenen Jugend. Wir haben sie — die traute, hehre Flamme ~ einst in kühnen Stunden auf das Schifflein unserer Zukunft gebracht und Mitten in den Stürmen und Brandungen unserer Lebensreise blieb sie unverloschen und ununverdunkelt und streute ihren wegweisenden Schein auf gefahrvolle Klippen und Felsen vor uns her. Und je entrückter wir der Heimat in Raum und Zeit sind, je voller der Kreis der Jahre, der um unser Haupt den weißen, winterlichen Kranz der Vergänglichkeit flicht, umso frischer, umso inniger und umso gegenwärtiger blüht in uns die Erinnerung an die Heimat, die uns ferne ist, an die Wiegenlieder, die lange schon verstummt, an die Jugend, die wir flotten Schrittes längst durchquert, an die Eltern, die in heimatlichen Schollen ruhen, an die Freunde, die in der Welt zerstreut, an die Donau, die einst unsere nackten Füßlein benetzt, an die schwülen Sommernächte der Jünglingszeit, an die geselligen Stunden der langen Winterabende, an die unholden Gassenjungen, die uns prügelten, und an jeden Stein, dev im Stadtgemäuer graut und uns uralte Geschichten erzählte. So ruft der Begriff — Heimat einen Schwarm schlummernder Gefühle in uns wach. Er gleicht dem Stab des Wanderers, der durch die Hecke am Rande der Landstraße führt und das beschwingte Volk aus seiner grünen Raststätte scheucht. Er gleicht dem goldenem Schlüssel der Spiel-