Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Wachsmaske — MeßwechsM. Vom Kronprinzen Rndolf. Neueste ungarische Dorfgeschichten, nicht von Jokai oder einem anderen berühmten Schriftsteller, sondern unmittelbar der Wahrheit entnommen. Sie sind sehr interessant, diese Dorfgeschichten, denn sie werden telegraphisch erzählt^ Die Fidel greint, um mit Lenau zu reden; der Zigeuner spielt vor dem Wirtshaus' zum Tanz auf. Es ist ein sehr schöner Sonntag und die Jugend des Dorfes weiß ihn zu benützen. Jetzt wird noch getanzt, abends wird geplündert, wird alles getan, was die Gesetze sonst nicht gestatten. Die Gesetze gelten nicht mehr, die Verbrechen werden nicht mehr bestraft. Ein Herr aus dem Schlosse ist gekommen und hat's den Bauern verkündigt. Der Herr muß sehr vornehm sein, denn er hat eine wächserne Maske getragen. Der große Unbekannte ist sicher auch mit ausgedehnten Vollmachten ausgestattet. Wozu braucht man auch Gesetze? Die Herren haben die Gesetze nur gemacht, um die Bauern ausbeuten zu können. In der Horde Attilas gab es keine Gesetze. Dem Anführer muß man gehorchen, aber sonst konnte man ganz nach Lust und Leidenschaft handeln. Die glückliche Zeit muß wiederkommen. Auch der Jude hat Vorteil von den Gesetzen; er hat den Laden voll Waren und verlangt auch Geld, wenn man ihm etwas abnehmen will. Im Wirtshaus ist alles voll Lust und Fröhlichkeit, im Hause des Juden herrscht aber eine gedrückte Stimmung. Dunkle Gerüchte sind im Umlauf, die nichts Gutes ahnen lassen. Das Kind des Juden beschäftigt sich mit deutschen Sprach- und Sprechübungen. „Wachsmaske — Meßwechsel"; man kann diese Worte nicht zehnmal hintereinander aussprechen, ohne daß die Silben durcheinander rollen, wie Erbsen, wenn man sie aus dem Sack schüttet. Wie häßlich und schwer ist doch die deutsche Sprache, wie volltönend und angenehm klingt dagegen das Ungarische — wir wissen allerdings nicht, ob abends die ungarischen Ruse dem Kinde noch angenehm in die Ohren klingen werden. Dem Vater aber, der am Ladentische steht, will's nicht aus dem Gehirne: „Wachsmaske— Meßwechsel". Ein kleiner Dämon mit wächserner Maske sitzt unter dem Ladentische und schreit mit gelenkiger Zunge dem Kaufmann immer diese Worte in die Ohren. Die Worte werden zur Pein für seine Nerven; er sagt dem Kinde, daß es einmal seine Sprechübungen einstellen solle; aber ein ungarisches Kind gehorcht nicht aus das erste Wort. Der Parlamentarismus ist dem Volke angeboren, er herrscht auch in den Familien. „Wachsmaske — *) Aus dem Buche „Kronprinz Rudolf, Politische Briefe an einen Freund", R i k o l a-Ver l a g, Wien 1922. Meßwechsel", schreit der Knabe erst recht laut, um gegen den Vater zu demonstrieren und der Dämon unter dem Ladentische wiederholt: „Wachsmaske — Meßwechsel". Man hat's auch dem Juden erzählt, daß ein Mann mit der Wachsmaske gekommen, um die Bauern zur Plünderung auszuhetzen. Gleichzeitig denkt der Jude an seinen Kredit und an die Wechsel, die am nächsten Jahrmarkt fällig werden. Der Kaufmann fühlt, daß seine geschäftliche Existenz bedroht ist und das bedeutet ihm der Refrain: „W ach smaske — Meßwechs el". Die Dorfgeschichte findet abends ihre Fortsetzung. Man darf nicht an kleine deutsche Dörfer denken, sondern an ungarische Dörfer, welche jder Bevölkerung nach bedeutenden Städten gleichen. Es ist Nacht geworden und der Mann mit der Maske erscheint von neuem, um sein Versprechen einzulösen. Ein Wink und die Zigeuner stellen sich an die Spitze des Zuges, denn Musik braucht man in Ungarn auch bei der Judenhetze. Nun beginnt eine scheußliche Orgie der Anarchie, der Plünderung und des Mordes. Man wütet, wie man nur wüten kann, wenn angeborene Barbarei, angeborene Gesetzlosigkeit mit Rassenhaß in Verbindung treten. Endlich befinden sich die Bauern in Uebereinstimmung mit den Herren, endlich haben die Herren' etwas ausfindig gemacht, was den Bauern gefällt. Allerdings erscheint zuweilen Militär und dann gibt es einen blutigen Zusammenstoß, so daß Tote und Verwundete auf dem Platze bleiben, Die Welt ist eben nicht vollkommen und Mißverständnisse sind nicht immer zu vermeiden. Das hat auch der Mann mit der Maske gesagt. Es würde ein sehr breites Kapitel entstehen, wenn man alle Konsequenzen dieser Dorfgeschichte erörtern wollte. Ordnung und Sicherheit sind notwendige Bedingungen des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens, und wann auf irgendeinem Ge-, biete bedeutende und dauernde Störungen der Ordnung und der Sicherheit eintreten, so muß der ganze Organismus darunter leiden. Der Fabrikant in der Stadt ist ein vornehmer Herr und beschäftigt tausend Arbeiter. Die Arbeiter denken nur an die Vorteile, welche die Produktion gewährt, und es ist nicht ihre Aufgabe, sich um die Bedingungen des Konsums zu kümmern. Der Großhändler, der dem Fabrikanten die Ware abnimmt, ist auch ein vornehmer Herr und der Handelsjude des Dorfes erscheint ihm als ein untergeordnetes Individuum. Aber der Handelsjude ist notwendig, wenn die tausend Kanäle gang-; bar bleiben sollen, durch welche die Waren ihren Absatz finden. Sicherheit für seine Person und Eigentum, Sicherheit für seine Rechtsforderungen muß der Händler auf dem Dorfe haben, wenn ihm nicht jede Möglichkeit des Geschäftsbetriebes entzogen werden soll. Ist der Händler auf dem Dorfe vogelfrei, ist es nicht mehr möglich, die I öedenKet anlässlich) des Scbabuotfestes | | des israelitischen Taubstummeninstituts | | in.U/ien, 111. Jucbgasse 2. \ liiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiraiiiiM