Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 10 (15.5.1923)
- Date
- 1923-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Redaktion u. Administration r Wien» II. Heinefiratze 13. — Fernruf 42.216. Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union dentschösterreichischer Juden" XXLIX. Jahrgang Wie«, 15. Mai 1923. Nummer 19 D Zum Schabuotfeste. as Fest der Offenbarung auf Sinai ist zugleich der Gedenktag für den Eintritt des Judentums in die Weltgeschichte. Es ist dies der Moment, in welchem sich die Menschheit zur höheren Stufe des Gottesbewußtseins erhoben, deren Erkenntnis in der Seele ihres größten Propheten aufgegangen war. Heute wie vor Jahrtausenden gelten als unumstößlich die folgenden drei Sätze: Bevor die Offenbarung an Israel geschah, waren alle Völker dem Heidentum und Götzendienst verfallen. Alle Völker, zu denen die Offenbarung an Israel nicht gelangte, waren, und zu denen sie bis heute noch nicht gelangt ist, sind auch heute noch dem Götzendienst una dem Heidentum verfallen. Alle Völker, welche einen reinen Begriff von Gott haben, sind solche, zu denen die Offenbarung an Israel gelangt ist, und die diese als Grundlage ihrer religiösen, sittlichen und sozialen Existenz anerkannt haben. Diese drei Tatsachen sind bisher nicht umgestoßen worden und werden auch wohl nicht umgestoßen werden können. Als dem Mose auf den Höhen des Horeb zum ersten Male die Erkenntnis von dem Wesen Gottes wurde, als mit dieser Erkenntnis sein Geist zu der Entschließung gelangte, Israel zum Träger dieser Gotteserkenntnis zu machen, in jenem großen Moment, der zum bedeutendsten Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit wurde, suchte der begeisterte Prophet nach einem Namen, mit dem er das göttliche Wesen seiner Erkenntnis dem Volke zu verkünden habe und da rief ihm die Stimme der Offenbarung aus den innersten Tiefen seiner Seele zu: „Eh’jeh ascher ehljeh!“ Jenes unsterbliche Wort, das wir nur schwach in unsere Sprache übertragen: „Ich bin, der ich bin, ich werde sein; der ich sein werde!“ Eine tiefere und größere Anschauung, einen erhabeneren und bezeichnenderen Ausdruck für die Unendlichkeit des göttlichen Wesens weist uns keine Sprache nach, und nur ein schwächlicher Widerhall sind die Worte unseres Morgengebetes: „Er war, er ist und wird sein!“ Denn sie sprechen ja nur die Unendlichkeit Gottes im Verlauf der Zeiten aus, während uns hier die Ahnung von der inneren Unendlichkeit des göttlichen Wesens ergreift, die über der Zeit, steht und in jedem Augenblick eine vollkommene und vollendete ist. In diesem Gedanken ist der Kern und der Mittelpunkt der jüdifchen Rdligion gegeben j denn die Worte, in welchen die Einheit des göttlichen Wesens dem lautlos aufhorchenden Volke verkündet wurde, jenes „Schma Jisroel adonaj elohenu adonaj echad“, „Vernimm es, Israel, Gott, unser Gott ist ein einziger Gott!“ sie sind zum Palladium geworden, durch welches das Judentum die Einheit seiner über den ganzen Erdball zerstreuten Bekenner seit Jahrtausenden aufrecht erhält. Diese Erkenntnis von der Einheit Gottes hat das Judentum erhalten im Kampfe gegen die Uebermacht der anderen Religionen, sie ist zu einem heiligen Besitztum geworden, um dessen Erhaltung der Bekenner der jüdischen Religion auch heute noch so manchem irdischen Besitz, so manchem menschlichen Rechte entsagt, das im Gewalt und Gesetz im Laufe der Jahrhunderte entzogen haben. Die Gotteserkenntnis Israels wurde der Quell seines sittlichen Bewußtseins und das Ziel seines sittlichen Strebens. Die Tafeln des ewigen Bundes sind die Grund« lehren dieser Ethik. Sie lehren uns den Glauben an ein einiges, einziges, ewiges Wesen, den Herrscher aller Welten, den Lenker aller menschlichen Geschicke, sie zeigen uns, daß außer ihm keiner, den wir verehren oder anbeten. sollen, sie verkünden uns, wie wir seinen Namen, an den dazu bestimmten geheiligten Tagen feiern, und wie wir die Eltern, die sichtbaren Stellvertreter Gottes auf Erden, ehren sollen. Sie mahnen uns, den Nebenmenschen zu lieben, indem sie uns die Heiligkeit und Unverletzlichkeit jedes Lebens, jeder Ehe, jedes Eigentums und jeglicher Gesinnung zur strengsten Pflicht machen. Ohne Unterschied des Volkes und des Stammes. „Einerlei Gesetz, einerlei Recht und einerlei Lehre für den Fremden wie für den Einwohner des Landes!” Darum ist das Fest der Gesetzgebung auch ein Verklärungsfest für die Menschheit. Dr. B.