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Die Wahrheit · 1923-04-27 · Heft 9 (27.4.1923) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 9 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Veröffentlichungen der Union deutsebösterreiebisebet Juden“ Wien, IX. Bstggasse 4. Postsparkassen-Konto Nr. 9464. TelepJbon Nr. 19-2-77. ChristlicheFührer gegen denAnttsemitisMs Es ist leider wieder höchst zeitgemäß, auf jene Abfuhr zurückzukommen, welche die Wortführer des Antisemitismus seitens hervorragender christlicher Theologen erfahren haben. Wir wollen trotz des Einwandes, daß er ja ein Judenstämmling war, mit dem Prediger an der Christuskirche in Berlin, Dr. theol. Prof. Paulus Cassel beginnen; der Einwand wird mit dem Hinweis auf die Abstammung des Stifters allein erledigt. In der siebenten Auflage der Broschüre „Wider Heinrich von Treitschke — für die Juden" (Berlin SW .Verlag von Friedrich Stahn, 1880) zitiert er zunächst zwei Stellen aus Augustinus; zur Anslegung des 96. Psalmes: „Die Juden sind nicht getötet worden, darum weil sie notwendig waren für den Glauben deZ'Volkes. Weshalb dies? Daß Gott an ihnen, seinen Gegnern, eine Gnade offenbare". In seiner 374. Rede spricht er: „Die Juden find geblieben, weil sie das Evangelium bewiesen haben. O großes Geheimnis! Heute überzeugen wir durch der Juden Bücher. Die Heiden werden gläubig durch ihre Schriften." Sodann sagt Kassel: Es war mir auch gegeben, zu den Füßen Leopold Rankes zu sitzen... ich habe daraus gelernt, daß „das Heil von den Juden kommt", wie Jesus sagt, nicht, daß „die Juden unser Unglück sind", wie Treitschke sagt... Ein moderner Historiker sollte einsehen, daß der Ueberschwang nationaler Reizung über den echten Kosmopolitismus des Evangeliums der Grund des Nebels ist. Wir haben seit der großartigen Politik Karls des Großen Rückschritte mit Siebenmeilenstiefeln gemacht; was nützen uns (historische) Forschungen, wenn wir in die nationalen Trennungen zurückfallen, welche mühsam von der Karolingerzeit überwunden sind. Je mehr die Rasse sich geltend macht, destomehr tritt das Heidentum vor. Die Heiden waren nach biblischem Sprachgebrauch, „Völker" Ethne die Christen ein Volk das in verschiedenen -Zungen den Einen pries. Und diese moderne Rassenweisheit ohne Evangelium ist das Unglück der Zeit geworden Man hat den Kosmopolitismus des Christentums zurückgedrängt, so ist daraus der Weltbund des Antichrists geworden... Man hatte mit der Emanzipation zwar den Juden die Freiheit gegeben, aber man war selber nicht! . frei... Man vergaß, daß man die Juden zu Bürgern gemacht hatte, und daß es dem Staat gegenüber keine Juden mehr gab... Der tiefere Grund für die? jetztige antisemitische Bewegung ist der Pharisäismus des modernen Bewußtseins, wie ihn H. v. Tr. vertritt, der, nachdem seine «eigene Weisheit an den Stürmen der sozialen Fragen scheitert, einen Sündenbock sucht, auf den er seine eigene Schuld ablagert... Alle polnischen Juden sind Flüchtlinge aus den grausamen Verfolgungen der Kreuzzüge. In Ungarn und den Slavenländern fanden sie Sicherheit. Noch bis auf diesen Tag herrscht daher das deutsche Jdom unter ihnen weiter, ja die unterdrückten und verfolgten Juden haben ihre deutsche Heimatssprache besser bewahrt, als viele Deutsche, die heute in Amerika Bürger geworden sind. Es ist gewissermaßen ei» Rückströmen nach dem Westen, das jetzt von dort wieder anhebt. Die Zustände haben -haben sich eben geändert... Wenn H. v. Tr. von Hosenverkaufenden Jünglingen spricht — „deren Kinder und Kindeskinder einst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen", zeigt sich hierin nicht blos ein, Mangel an wirklicher Kenntnis, sondern auch wirklicher evangelischer Humanität. Statt so zu spotten,. sollte er helfen, sie zu nützlichen Menschen heranzubilden — woran er und viele andere, die ähnlich urteilen, niemals gedacht haben. Die Juden haben sich bei der Emanzipation 1848 selbst täuschen lassen. Als die Schranken fielen, glaubten sie, sei auch, das Vorurteil gefallen,.. Wie ein Historiker vom Semitentum im Gegensatz zu den Germanen reden kann — das ist mir unerfindlich. Erstens ist Semitentum und Judentum nicht identisch. Alle Nachkommen Sems find keine Nachkommen Abrahams, was aus der Bibel leicht zu entnehmen, ist!... Es würde Herrn v. Tr. sehr schwer zu entwickeln sein, was „semitischer Geist" in Deutschland bedeute, wenn er nicht' den christluhen Geist darunter versteht... Das große Evangelium von der Liebe, aus, dem alle moderne Dichtung fließt, ist in der Bibel, einem semitischen Buche zu finden!... Die Propheten, größere Politiker, wie alle modernen Reichstagsabgeordneten, waren Semiten. Daß wir unserem Volke den biblischen Geist nicht rauben, darum dreht sich der moderne Kampf. Die Juden sind allerdings Semiten ohne das Evangelium — aber doch mit dem alten Testament... Man sagt aber: sie sind heute nur Materialisten, weder Juden noch Christen. Wohlgeredet ihr Freunde! Aber wo. haben denn sie jenen Materialismus gelernt?... Sie haben ihren gläubigen semitischen Geist unter dem germanischen Heidentum verloren. Der Semitismus —, auch vieler christlicher Leute, ist durch das europäische Heidentum verdorben worden, mit Bild und Aberglauben bis in die Kirche hinein... Der zurückgedrängte Jude hatte selbst ohne Evangelium an seinem SabbaH mehr Genuß und Befriedigung, wie jetzt an seinem Parlamentssitz... H. v. Tr. verwahrt sich unter anderen dagegen, daß doch die harten deutschen Köpfe nicht jüdisch werden könnten... Sie sind gar nicht so hart. Sie haben französische Frivolität in weiten Kreisen zu sehr angenommen — dann hat es sich seit der Emanzipation einzig darum gchandelt, die jüdischen Köpfe deutsch, d. h. heidnisch zu machen. Es ist ein echt jüdisches Wort, das ein Alter sprach: „Wahrlich seit mein Junge Doktor geworden, ist er ein Chammer (Esel, harter Kopf).. Es fragt sich, ob Leichtfertigkeit erlaubt ist, wo jedes Wort eine ganze Vollsklasfe kränkt und beleidigt. „Eine Kluft", sagt Tr., „hat vor Jahren zwischen abendländischem und semitischem Wesen bestanden, seit Tacitus einst Mer das odium generis huraani klagte". Wie gelehrt klingt das! Jedermann glaubt wahrscheinlich, daß Taeitus von den Juden redet, indem er vom Minis* geaeris driwWi dem Haß des menschlichen Geschlechts spricht — aber gemeint (Annal 15.44). Es ist vom Brande Roms die Rede).- Damit Nero von sich den Verdacht der Brandstiftung ablenke, beschuldigte er — nicht die Juden — sondern die. Christen. Von diesen sagt der „gute" Tacitusdaß sie

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