Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 9 (27.4.1923)
- Date
- 1923-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 6 D/i'e Wahrheit Nr. '9 der 'Kultur nach grundverschiedene Völker, gemeinsam an der Entwicklung des Staates und der Abwehrj gegen äußere Feinde gearbeitet haben. . Die gegenwärtigen Zustände in Mitteleuropa, besonders m Deutschland erscheinen dem Verfasser nicht nur sür dieses selbst, sondern für ganz Europa als schwerste Gefahr, die nur durch das kluge und rasche Eingreifen des Völkerbundes gebannt werden könnte. In sechs Monaten wäre es zu spät, schrieb Sarölea 1921. Nun sind seitdem dreimal sechs Monate fruchtlos vertan und die Folgen dieses unglückseligen Versäumnisses zeigen sich in den schrecklichen Auswirkungen: an dem Einmarsch der Franzosen und Belgier ins Ruhrgebiet, an dem Zersetzungsprozeß in Deutschland, dem drohenden Bürgerkrieg zwischen dem Norden und Süden, an der Verelendung der und Besiegten. Vielleicht wäre es doch! noch nicht zu spät! i^/:v . . i d. Kronprinz Rudolf nnd die Judenfrage. Don einem Gegner des Monarchismus. (Schluß.) Der Herausgeber sagt mit Recht, daß diese Briefe ein historisches Dokument von höchstem Werte bilden — nur mit dem Tagebuche des Kaiser Friedrich! III. vergleichbar — und gewiß überaus interessant für die Beurteilung der Politik in den Achtzigerjahren sind. Aber es sollte auch das Bild eines Fürsten, welcher wirkliche ein „Fürst"war, dem Dunkel der Vergangenheit entrissen werden, der, frei von den Jrrtümern seiner Zeit, den größten Zielen zustrebte, seinen Beruf, zu dem ihn unleugbare geistige Bebegabung in hohem Maße befähigte, ernst auffaßte und und der, wenn er zur Herrschaft gelangt wäre, vielleicht manches Unglück verhindert hätte. Es sollte aber nicht sein. Die Tragödie des lieberalen Kronprinzen ist zur Tragödie des Liberalismus, sein Schicksal zum Brand. Europas geworden. Wer die Briefe des Frühvollendeten liest und sich so liegt die Schuld nicht an ihm, sondern an dem Schicksal der Sprache, in der er -dichtet, und die er durch sein Werk zu neuen Triumphen führt. Wer kennt diese Sprache? Wer hält es der Mühe für wert, sie verstehen zu lernen? Man kann sagen: auch die nordischen Dichter liest man ja im Urtext nicht, man greift zu Übersetzungen, wie sie von Werken Bialiks in mehreren Sprachen vorliegen. Allein die Uebersetzungen Ibsens, Björns -r n s, S t r i n b e r g s, usw. wurden erst nötig, weil Georg Brandes diesen Dichtern die Pforten geöffnet, hat. Aber nicht ein Georg Brandes, sondern in den zahlreichen Kolonien von Schweden und Norwegen in allen Hauptstädten leben tausende von Patrioten, die es als eine Ehrenpflicht ansehen, für diese lands? männischen Dichter Verständnis und Liebe zu werben, Kolonisten, die freilich vor allem selbst diese Dichter und ihre Sprache verstehen und lieben und die eigene Begeisterung anderen ^mitzuteilen imstande sind. Möchten auch wir Juden zu solchen Wortführern unserer großen Dichter, zu Verkündern ihres Wertes und zu Propheten von der unsterblichen Leuchtkraft der alten und doch ewig jungen teuren Sprache unseres Stammes werden! Diese neuaufblühende jüdische Dichtung verdient es, daß wir ihr unser Ohr, daß wiir ihr die Pforte unseres Hauses öffnen. Nur dann werden sich ihr auch die Pforten der Welt ° erschließen. - den Sinn für die Entwicklung Österreichs für die dem Umsturz vorangehenden Zeiten bewahrt hat, sieht ganz deutlich, daß mit dem tragisch dahingeschiedenen Kronprinzen die feste. Säule, auf welcher Oesterreichs Zukunft ruhte, verschwand und daß in der Nacht des 31. Jänner 1889 zu Mayerling auch Oesterreichs Geschick entschieden wurde; wer weiß, was aus der Monarchie geworden wäre, hätte in jener Nacht die unerbittliche Parze nicht des Kronprinzen Lebensfaden vorzeitig durchschnitten und hätte sie ihm Zeit gegönnt, in seinem modernen Sinn die innere und äußere Politik zu beeinflussen. Viel Leid wäre dem alten Kaiser und seiner Gattin, viel Leid den Völkern der Monarchie erspart geblieben, denn in Rudolf starb nicht bloß der Thronerbe, sondern der einzige Führer eines schönen Oesterreichs. Und daß er dies geworden wäre, beweisen die nachfolgenden, überaus bezeichnenden Stellen aus dem Briefwechsel, die mit Hinsicht auf die uns Juden besonders interessierenden Fragen exzerpiert worden sind. Zunächst ein Abschnitt aus seinem Brief vom 26. Juli 1882: „Sehr lehrreich ist das Beispiel, wie sehr bei wirklich hoch entwickelten Völkern das Nationalitätenprinzip, die Zusammengehörigkeit der Stämme einer Rasse vor großen politischen Machtfragen in den Hintergrund treten. Das Nationalitäten Prinzip ist auf den gewöhnlichsten tierischen Grundsätzen basiert, es ist eigentlich der Sieg der fleischlichen Sympathien und Instinkte über die geistigen und kulturellen Vorteile, welche die Ideen der Gleichheit aller Nationen, des Kosmopolitismus für die Menschheit bringen. Ich halte die Nationalitäten- und Rassenfeindschaften für einengroßen Rückschritt und bezeichnend genug ist es, daß eben alle fortschrittsfeindlichen Elemente Europas am meisten diesen Prinzipien huldigen und dieselben ausbeuten. Wie die Wissenschaft eine kosmopolitische ist, so werden es auch alle Teile, der menschlichen Gesellschaft in allen ihren Beziehungen zueinander mit der Zeit sein müssen." Nach dieser Bekanntgabe der allgemeinen Ansicht des Kronprinzen über den Rassenhaß veröffentlichen wir nun seinen Brief vom 16. März 1883 aus Prag, der sich mit dem Judenhaß spiziell befaßt. „In aller Eile einige Zeilen, um Ihnen eine Geschichte mitzuteilen, die man meiner Ansicht nach der Öffentlichkeit übergeben sollte. Vor einigen Tagen, abends, schlugen mehrere junge Herren der hiesigen blaub tätigsten sogenannten ersten, aber weiß Gott, nicht besten Gesellschaft einige Fenster in der Judenstadt ein, um ihre politische Gesinnung auf eine aristokratische Weise zu dokumentieren. An der Spitze dieser Bande stand der Sohn des so heiligen Grafen Richard, Erbe des kinderlosen Grafen Heinrich Nur einem Jüngling, einem Grafen S., gelang es, im richtigen Momente zu entweichen,, altt anderen wurden Rest der Nacht durchsitzen; des Morgens ließ sie unser durch Sicherheitswachmänner gefangen und mußten den Freund Sejskal zu sich rufen und hielt ihnen eine lange Büßpredigt. Wenn ein armer Hackerbub bei einem Juden ein Fenster einschlägt, wird gleich eine große Geschichte daraus und diese feudalen .... sollten ganz ungeniert und unbemerkt ihre Streiche ausführen." Rudolf, der nach den Proben, die im Anhang zum Briefwechsel veröffentlicht sind, auch ein ausgezeichneter Journalist gewesen ist, hat sich selbst der Aufgabe unterzogen, diese denkwürdige Geschichte „der Öffentlichkeit zu übergeben", und schrieb am 18. März, natürlich anonym, folgenden Artikel im „Neuen Wiener Tagblatt":