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Die Wahrheit · 1923-04-27 · Heft 9 (27.4.1923) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 9 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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i DieWaHrheil Seite 5 Nr. g schulen war auf die unzulängliche Besoldung der Religionslehre» zurückzuführen. Man hat von dem Lehrer nur Idealismus verlangt. Bei den heutigen schwierigen Lebensverhältnissen kann ein Lehrer von Idealismus allein nicht leben. Ausgabe der Gemeinde wäre es, die an Bibelschulen erteilten Stunden so zu bemessen, daß der Lehrer deri drückendsten Tagessorgen entrückt, mit Lust und Liebe seinem hohen Berufe nachgche. Allen, die berufen find, das Wohl der jüdischen Kinder zu fördern, gilt meine Bitte. — Schaffet Bibelschulen! Versailles und der Völkerbund. Betrachtungen und Ausblicke von Charles Sarolea. Ern JcHr vor dem Erscheinen Carlo N.r t»4 „Das friedlose Europa", das schon durch den packenden Titel die Welt alarmierte und zur Aufmerksamkeit zwang, ließ der Profesior an der Universität Edinburgh Charles Saralea seine oben genannte tiefgründige Schrift erscheinen, öit \n emcr trefflichen Ueberrfetzung durch Ludwrg Rohrs ch e i d s Verlag, Bonn, verbreitet wurde. An Rittis Buch gehalten, ist fcu- Schrift Saroleas die bessere, weH unbefangen sachlichere. Wiederholt empfängt man den Eindruck, daß der ehemalige italienische Minister bei dem englischen Autor Manchen Gedanken sich zu eigen gemacht, so unter anderen die Vauschalablehnung des Versailler Gewaltsnedens, dessen Bedingungen nicht emgehalten werden können und zu einer durchgreifenden Revision oder neuen, noch graikenhafteren Kriegen führen müßten. So auch die Benierkung, daß der Besiegte von gestern zum Sieger vou nrorgen werden könne, weil Bündnisse der Mächte keine EwigMtsdaner verbürgen. Eimg smd beide Autoren des weitern m dem Urteil, daß der Pufferstaat Polen, das unglücklichste staatliche Gebilde der Entente »st. Nur betreffs Deutschland gehen die Ansichten der beiden grundsatzli , auseinander. Dem schwärmerischen Feuer der Bewunderung des Südländers für Deutschland steht die Aneignung des englischen Gelehrten gegen die Hcmptschuldiaen des Weltkrieges schroff gegenüber, Bei Nitti spricht Tempi ramenr und Sympathie, bei Sarolea Vernunft und Erfahrung. Legitimiert sind die Verfasser hinlänglich, der eine als „vom Bau", der am sausenden Webstuhl der bewegten Zeit gestanden und mitgewickt, der andere auf „fünfundzwanzig Jahre systematischen Studiums der Völker des Festlandes und der internationalen Beziehungen" verweisend, „du das Recht geben, sich eine Meinung über außenpolitische Dinge zu bilden." Diese unmittelbaren Beziehungen, Reisen und persönliche Fühlungnahme des Verfassers zu maßgebenden deutschen Männern geben seiner Arbeit die Marke des Geschauten, Erlebten, hüten ihn vor einer professoralen Jdeowgie und seine Schrift vor dem Lampengeruch. In Fragen des Deutschtums ist Sarolea oftmals Ankläger, Richter und Verteidiger zugleich, msi geradezu veretzrungswürdiger Unbefangenheit. So nimmt er stets Deutschland gegen Preußen in Schutz, welch letzteres er als Dämon und Verhängnis des Siebzig-MiUionen- Volkes bezeichnet, für das er kein anderes Heil erblickt als die AusemanVerlegung des durch Blut und Eisen geeinigten Reiches in die früheren Teile. Kein Bundesstaat, sondern ein Staarenbund nach dem Beispiel der nordamerikamschen Union, die vom Autor als muster- und beispielgebend hingestellt wird, wie denn auch Amerika den Ariadnefaden ziehen müßte, um aus dem furchtbaren Labyrinth der nationalen Zerwürfnisse und Gehässigkeiten-ins Freie zu führen, als erster und gleicher die Mission des Völkerbundes zu leiten, einen Frieden m i t statt gegen Deutschland fertig zu dringen. t Glänzend ist Prof. Saroleas Beweisführung, daß neben den großen Nationalstaaten die kleineren Nationalitätenstaaten Lebensfähigkeit und Daseinsrecht haben. Diese These wird durch die breit ausgeführte Geschichte Belgiens glarckhaft gemacht, wo trotz der ursprünglichen Reibungen Flamen und Wallonen, beide dem Blute und Volkes. Ein neues Leben zieht ein in die russische Judenheit. Die Jeschiwa wird zur politischen Redestätte, das Beth-Hamidrafch zum Wahllokal. Die Juden gehen Schulter an Schulter mit den Freiheitskämpfern. Wie so oft die Opfer der Inquisition zu Tausenden mit dem Schema Jisroel auf> den Lippen den Tod des Blutzeugen gestorben sind, so haben diese russischen Juden, die angesichts des drohenden Todes, ja der grausigsten Todesmartern doch es verabscheut, in ihre Fenster rmd Torwege Kruzifixe und Heiligenbilder zu stellen,durch die sie vor den Mordbuben ihr Leben hätten retten können. Aber die Begleiterscheinungen dieser neuen Bewegung erfüllen des Dichters Herz mit ernster Besorgnis. Das spezifisch jüdische Element wird von der Sturmflut des politischen Lebens hinweggeschwemmt, das Hebräische, die Seele des Judentums, schwindet, jüdischem Leben und jüdischer Literatur wird die Jugend entfremdet. Bialik ist kein fanatischer Nationalist, er stellt keine'übertriebenen # »Forderungen. Er will nur das .eine Zugeständnis an die jüdische Art, daß man sie ruhig und ungestört sich aus^ leben lasse. Aber dazu müssen die Juden selbst sich bestreben, ihre geistige Eigenart zu wahren. „Das ist Gottes Heimsuchung", klagt Bialik, „'daß ihr, während der Rabe an eurem Fleische frißt, auch eure Seele ihm als Zehrung darbietet. Eure Väter haben dem Pharao in Aegypten aus Ziegeln Pithom und Ramses gebaut, ihr bauet den heutigen Pharaonen Z wingburgen aus lebenden Ziegeln, euren Kindern und Kindeskindern. Trostloses Elend wird in deinem Hause wohnen, Gottes Segen nie über deine Schwelle treten, zum Gebet wird dir das Wort, zum Weinen die Träne fehlen." Ähnliche Töne (die cm Jeremia erinnern) schlägt Bialik in seiner „Megttatll ha-BSCh“ an. Man wird nun auf den ersten Blick staunen, wenn Bialik auch als Sänger der Liebe uns entgegentritt. Auf diesem- Gebiete haben sie alle sich versucht, diese junghebräischen Dichter,wie Bialik, auch Tschernichovski, Feuerberg, Cohen u. a. Es verrät dies abeir durchaus "nicht eine freie Auffassung der Moral,die dem sittenstrengen Judentum von jeher fremd geblieben. Auch ein Bialik war, wie alle jungen Juden seiner Umgebung, schon in jungen Jahren verheiratet und ist ein Mustergatte. Diese Liebe ist platonisch, diese Gedichte akademisch. Wie in diesen Gedichten die hebräische Sprache die Probe besteht und für die leiseste Regung des Gemütes, für das geheimste Flüstern des Herzens den treffenden Ausdruck liefert, so haben diese hebräischen Dichter, vor allem Bialik, das Verdienst, uns zu zeigen, wie in Schilderung des Naturlebens, die Wirkungen des Lichtes, des Tones, der Farbe dieses alle Idiom der modernsten Kultursprache die Wage hält. Bialik ist ein echter Dichter. Wenn er heut noch nicht zu den Sternen der Weltliteratur gezählt wird, m

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