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Die Wahrheit · 1923-04-27 · Heft 9 (27.4.1923) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 9 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wahrheit - Nr. 9 Schaffet Welschster! B«r ReligümSlehrer 3Rorfu£ Pick. Der gute Besuch der Gotteshäuser am Peßachseste — sie waren alle überfüllt '— gibt mir den Mut, einen! Appell an die jüdische Oeffentlichkeit, insbesondere an die Vorsteher, Rabbiner und Lehrer unserer Gemeinde .zu richten. — Schaffet Bibelschulen! — Es ist eine unleugbare Tatsache, daß der Gradmesser des jüdischen Gefühlslebens und der Anteilnahme an jüdischen Institutionen nun cllgemeinen sozialen Werken nach der Art der Erziehung unserer Jugend gewertet ivird. — Ein wichtiger Tyaitov in djer Erziehung ist der Religionslehrer. Sein^ Aufgabe ist es, durch! langjährige Arbeit das Interesse der Kinder für alles Edle und Schöne unserer Resigion zu wecken und festzuhalten. — Die Voraussetzung für den ForLestand eurer jüdischen KultusgemeinN bildet die intensive Arbeit des Religionslehrers. Ohne gedeihlichen Religionsunterricht kann es kein echtes Kultusleben geben. — Man hört immer Stimmen laut werden, die jagen, der Religionsunterricht sei nichts Isert. Das'ist wohl llebertreibung. Gewiß gibt es auch viele Schüler, die nichts können, aber hiefür nur den Religionslehrer verantwortlich. zu machen, ist ein großes Unrecht. — Wer will sich dem Umstande verschließen, daß bei 2 Wochenstunden selbst der tüchtigste Lehrer das Z iel, das er sich fetzt, nicht erreichen kann. Hier mich der Hebel angesetzt werden!. Gebet dem Relrgionslehrer die Möglichkeit, mehr zu arbeiten. — Die Wiener Kultusgemeinde verfügt heute über ein Lehrermaterial, wie es nur wenige Gemeinden aufweifen. — Nur wer die schwierige Arbeit des Lehrers.beobachtet, kann feine Leistungen setzen. Ich darf ruhig behaupten, dcch es ein großes Berdienst der Religionslehrer ist, wenn Wiener Kinder jüdisch fühlen und denken. Es ist ein Fehler, wenn die Leistungen des Lehrers nach dem Erfolg im Lesen allein gewertet werden. — Gebet uns die Eigenheit, den Kiw^rn mehr Wissen beizubrmgen, und ihr werdet sehen, daß die Wiener Lehrerschaft ihrer Aufgabe gewachsen ist. — Die Kultusgemeinde darf sich nicht begnügen, nur ihrer gesetzlichen Pflicht nachznkomMen, sie muß darüber hinaus cckles aufbieten, um der Heranwachsenden jüdischen Jugend ein solches Maß! von Wissen und Kenntnissen beizubringen, das sie befähigt, dem Gottesdienste mit Verständnis beizuwohnen, trächtige Teile der Gebete und des Pentateuchs zu übersetzen, die Geschichte unseres Volkes und die Liturgie in größerem Umfange zu erlernen. — Daß'eine so. vielseitige Arbeit in der öffentlichen Schule undurchführbar ist, wird jeder Unbefangene zugeben. Nur in den Bibelschulen ist dem Lehrer ein größerer Spielraum gegeben. — Bei rationeller Einteilung der Z eit und bei Zugrundelegung eines * guten Lehrplanes wird es möglich sein den Anforderungen, die an den Lehrer gestellt sind, gerecht zu werdest. Die organisatorische Arbeit könnte die Kultusgemeinde den Tempelvereinen znweisen. In jedem Bezirke müßten solche Bibelschulen geschaffen, oder bereits bestehende einheitlich ausgestaltet werden. Wie notwendig solche Bibelschulen sind, will ich an folgendem Beispiel zeigen: Ich bin in einer Knabm-Bürgerschule int XX. Bezirke tätig. Ein grpßer Teil der Schüler möchte gern eine Bibelschule besuchen, er hat jedoch keine Möglichkeit. Me einst gut besuchte.Schule an der, Othwargafse mußte einer hebräischen Sprachschule''weichen, die nur von ganz wenigen Schülern besucht wird. Ebenso müßte in der Tempelgasse die dort bestehende Bibelschule reorganisiert werden. Der Verein der Tempelfreunde könnte hier sehr Nützliches schaffen. — Hiedurch könnte auch die Frage eines BarmiMahkurses gelost werden. Die finanzielle Seite dieses Problems wäre nur sekundärer Art. — Bei einem Milliardenbudget unserer Gemeinde wäre es ein Leichtes,;die für diese Zwecke notwendigen Mittel aufzubringen. Ich! bin überzeugt, daß bei einigem guten Willen in Wien Schulen entstehen Könnten, die der Gemeinde zum Ruhme gereichen würden. — Der Verfall der einst so segensreich wirkenden Bibel- Feuilleton MM und die juuz-hrbMsche Rcnsiffm« is Rsßlwd. Zu des Dichters SO. GedurtSt«-. Los Dr. M. Grnnwald. mm Die soziale Frage, die bei Morris Rosen selb, dem berühmte« Rewyorker Jüdisch dichter, sowie bei dem junghebrNsche« Mckstcr Jehallel im Vordergründe steht, tritt bei Bialik zurück. Nur insofern, als Ne physischest auch die geistige bedmgt, die EMfaltnng seelischer Gaben des Juden hemmt, kommt sie bei ihm zu Worte. Neue Töne läßt BiaMs Leier Horen mit dem Beginn des blutigen Trauerspiels des Pogroms. Mchenew wird weltberühmt. Bialik eilt an die Statte der Greuel und, und' war er unter dem lebenden Enwruck dieser schaudervollen Szenen zeigt, ist herzzerreißend, weitaus das Packendste uud Größte, was über diese Tragödie gesagt und gesungen msröe. „Mischire hasaam“, „Lieder des Grolles" nennt er die Leine Sammlung dieser Pogromklagen, die er in dem Verlage „Moria" erscheinen ließ. Die Buchstaben des Titels sind dem schalte entsprechend künstlerisch aus Totevköpfeu gebildet. Voran steht das Gedicht „AI haschachita“ („Das Schlachten".) „Ihr Himmel", ruft er im Namen des Mischen Volkes, „betet ihr, Himmel, um Erbermen für mich. Wenn es droben einen Gott Mt, wenn ein Weg zu ihm führt, ich selbst kann de» Weg nicht finden, betet ihr für mich. Auf meinen Lippen das Gebet verstummt, meine Hand ist schlaff, erstorben mein Herz, von Hoffnung wund, wie lauge noch, wielavge? Der Henker wütet im Blute schuldloser Kleine», an seinen Kleidern hat das Blut nicht Zeit zu trocknen, im jüdischen Blute wascht er seine Hand von Sünden rein." Mt titanischem Groll wendet sich der Dichter gegen die Gerechtigkeit GotteS. Soll sie erst erscheinen, wenn uns alle der Rasen deckt? Wer will da von Rache reden? Wie kann irdisches Rächeramt solchen Frevel sühnen? Dieses Blut muß zum untersten Abgrund dringen, die Elemente entfesseln, Weltenbraiw entfachen." Doch noch in Kischenew lichtet sich das Düster in des Dichters Seele. In begeisterten Versen begrüßt er die Delegierten zum VT. Zionistenkongreß. Allein bald kommt neues Unheil, neue Enttäuschung. Die Krise nach dem VI. Kongreß, der Tod Herzls, in weiten Kreisen das .Aufgeben des alten Ideals: Zion soll nicht mehr das Ziel sein! Hierauf folgt der russisch-japanische Krieg, Plehwes Vernichtung, die Erhebung des russischen

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