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Die Wahrheit · 1923-04-27 · Heft 9 (27.4.1923) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 9 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen Redaktion «. Ndministratron; Wien, II. Heinrfiratzr 13. — Fernruf 42.216. Mit dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deutschöstcrreichischer Inden" XXXIX. Jahrgang Wie«, 27. Hspril 1933. Nammer 9 Jüdische Episoden in der Tschechoslovakei. Das Prager „Tagblatt" bringt unter dem Titel „Der Mann,' der keinen Dank begehrt" eine Erinnerung aus Dr. R a sch i n's Gefangenschaft, eine Erinnerung, die in mancherlei Belangen interessant ist. Sie beweist, daß der Unerbittlich starre Zahlenmensch, der geniale Finanzminister der Lschechoslovakischen Republik milderen Regungen, besonders der Pflicht der Dankbarkeit nicht unzugänglich war und daß Gegenstand dieses Gefühles ein Wiener Jude war. Lassen wir dem Schreiber des Aufsatzes Dr. Gustav Fuchs das Wort: Aus der Wiener Untersuchungs- und Strafhaft bewahrte Dr. Raschin einem Zeugen seiner, wie er wiederholt erklärte, schlimmsten seelischen Leidenszeit, dankbarste Erinnerung. Es war vor etwa fünf Monaten, als mich Raschin abends auf seinem! täglichen Wege von der Ävon8ten8Üa banka zu den „Listy“ anläßlich einer zufälligen Begegnung aufforderte, ihn zu begleiten. Mitten im politischen Gespräch richtet er an mich die Frage, ob ich nicht aus meinest Wiener Zeit einen Dr. X kenne, der beim Wiener Militärgericht in seiner Hochverratsafsäre Schriftführer war. „Dieser einfache bescheidene Jude war einer meiner größten Wohltäter. Gern würde ich ihn einmal sehen und ihm die Hand drücken für die großen Dienste, die er mir in deö, Zeit meiner schwersten Erniedrigung und Abgeschlossenheit von der Welt erwiesen hat. Ich warstihm vollkommen fremd und mußte ihm kraft militärischen Auftrages als rücksichtslos zu behandelnder Verbrecher erscheinen" Raschin,dieser nach außen hin menschlich unzugänglich erscheinende Mann, redet sich in eine Wärme hinein, die fast ergreifend wav. „Dieser äußerlich furchtsame Jude, er hat für mich wildfremden Menschen, den größten Gefahren sich aussetzend. Ungewöhnliches getan. Er hat meine Leute von nckinerst Befinden verständigt, hat mit ihnen für mich, dem es verboten war, korrespondiert, und er hat, was meine seelische Rettung bedeutete, mir wissenschaftliche Bücher besorgt und sie mjir heimlich zugesteckt oder in die Zelle gebracht. Alle diese Dienste leistete er mir uneigennützig, aus dem Gefühle heraus, es mit einem von allen Seiten verfolgten Menschen zu tun zu haben. Dabei weiß ich gar nicht, ob er nicht von meiner Schuld überzeugt war. Aber mehr noch als sein Verhalten während meiner' Haft bewegt mich sein Verhalten in der Folgezeit. Die Tschechoslowakei entstand, ich wurde ihr erster Finanzminister. Viele wirkliche, aber auch zweifelhafte Freunde aus meiner früheren Zeit haben den Weg zu mir gefunden. Aber der Jude war verschwunden und aus mein Dankschreiben an ihn nach Hem..Umstürze, kam nur die kurze Antwort: „Ich h abe nur eine selbstverständliche Pfliitz k als Mensch erfüllt." Raschin ersuchte mich, falls ich einMak Gelegenheit finde, den jungen Mann zu einem Besuche in Prag zst veranlassen. „Nach Wien", so hoffe ich, „werdck ich niemals mehr fahren müssen." Eines Tages erschien in beruflichen Angelegenheiten der zum höheren Bankbeamten gewordene Schriftführer in Prag. Ich übermittelte ihm den Wunsch Raschins, doch doch Dr. X. lehnte den Besuch bei dem Finanzminister ab. „Raschin und andere Leute könnten glauben, ich hole mirDankundLoh n." Als ich Dr. Raschln von der Weigerung verständigte, da Meinte er: „So sehen Sie, es gibt doch noch Menschen." Weniger pathetisch, aber recht ergötzlich, doch leider! auch bezeichnend für die Kontraste zwischen altem und modernem Judentum ist eine Episode, dre wir in dev „Stunde" lesen: ' „Unser Prager Korrespondent schreibt uns: Eine heitere Szene, der aber auch ein rührender Beigeschmack nicht fehlt, wird in Abgeordnetenkreisen kolportiert. Gelegentlich einer der letzten Parlamentssitzungen erschien im Vorraum des Sitzungssaales ein Greis von seltsamen Gehaben mnd Aussehen, der vom protestierenden Saaldiener lebhaft Einlaß heischte. „Kdo Iste a co chcete?“ (Wer sind Sie und was wollen Sie?) — ries der DieNek dem altväterlich-jüdisch gekleideten Herren zu, dessen Kauderwelsch kaum zu verstehen war. „Ich bin der Schammes von Rakonitz unh such' mei Enkerl, den Politiker!" Die Umstehenden, die nicht wußtest, wer mit dem „Enkerl, dem Politiker" gemeint war, drangen weiter in den Alten. Er wiederholte jedoch unablässig nur: „Ich bin der Schammes von Rakonitz" und fügte hinzu, sein braves Enkerl, das ihm einst selbst bei der Minjen- Ubung Dienste geleistet habe, sei, wije er in der Heimat vernommen, dem alten Glauben abtrünnig und „Führer der Rosches" (Antisemiten) geworden; er müsse ihm ins Gewissen reden. Einige tschechische Abgeordnete riesen um8ono: „To mucze byt jeri 8tary Kafka!"(„Das kann nur der alte Kafka sein!" Man wollte den alten Herrn, der erfreut war, sich erkannt zu sehen, zum „Enkerl, dem Politiker" «führen, dem deutschen Abgeordneten Pros. Dr. Bruno Kafka; dieser abervon dem unerwarteten Besuch sichtlich peinlich berührt, händigte dem Diener 50 Kronen ein, mit dem Bemerken, sie dem „alten Schnorrer" zu geben. .

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