Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Die Wahrheit Nr. 8 Lechner, im Zivilberuf angeblich Schriftsteller, war ein zugereister Hafenkreuzler. Das ostersonntägige Ereignis lehrt aber ein noch wichtigeres: Daß Minister Erzieher ihres Volkes sein können, wenn sie den Willen zur Macht und die Kraft des unabänderlichen Entschlusses aus sich hervorholen. Der einzige Bismarck hat das Großdeutschland seiner Zeit geschaffen. Man mag die schurkische Tendenz der Horthypolitik verdammen, wird aber nicht leugnen können, daß sie die Zügel der Regierung fest in Händen zu halten weiß. Aehnlich ist es mit dem Diktator Mussolini, ähnlich mit den leitenden Staatsmännern der großen und kleinen Entente. Als die Umtriebe der Deutschvölkischen das Reich durch eine Sturzflut zu zerstören drohten, wurde das „Gesetz zum Schutz der Republik" geschaffen. Die tschechische Regierung, die gewiß keine Preußenanbeterin ist, hat in ähnlicher Lage ähnliches tzetan.. Was hat die österreichische Regierung getan? Sie hat uns die Genfer Protokolle gebracht, die Almosenkredite und den dazu gehörenden allmächtigen Zimmermann, dessen Bezüge den Löwenanteil der Kredite verschlingen. Sie hat uns den steigenden Kronenkurs bei noch höher steigender Teuerung aller Lebensmittel gebracht, die Verwilderung der Sitten und Versumpfung der Moral. Die österreichischen Minister können nicht Erzieher sein, weil sie keine Staatsregierung, sondern eine Parteiregierung darstellen, sie ist eine Steinklopferhansregierung „es kann dir nix gschehn"; eine „als ob"-Regierung, die so tut, als ob sie etwas täte. Sie ist ahnungslos nach Bedarf. Sie hatte natürlich keine Ahnung, daß ausgerechnet am heiligen Ostersonntag ein Feuergefecht zwischen Angreifern und Verteidigern der Republik vor den Toren Wiens stattfinden könne; ebenso ahnungslos war auch die Polizei. Schließlich heißt es, was ist weiter geschehen? Eine Rauferei bewaffneter Haufen, die gar nicht katastrophal verlief. Schön! Aber auch großen Kriegen gehen immer kleine Plänkeleien der Vorposten voran, bis aus. dem traditionellen einen Toten Hunderte und Tausende Gefallener entstehen. Nur daß dabei von keiner Ahnungslosigkeit der Heerführer die Rede sein kann. sch. Das deutschrumänische Problem. Czernowitz hat bekanntlich wie andere rumänische UniversitätsstÄte seine „erwachenden" Studenten, die ihre Nationalität antisemitisch betonen. Sehr naheliegend, daß diese jungen Herren um die Bundesgenossenschaft der deutschen Kommilitonen werben, auf daß selbe vereint mit den Polen und Ukrainern die christliche Einheitsfront bilden helfen. Obi der Liebe Müh Erfolg haben wird, scheint noch recht fraglich. In der Vorkriegszeit allerdings herrschte zwischen Juden und Deutschen in der rumänischen Landeshauptstadt das beste Einvernehmen, denn beide Faktoren waren die fast ausschließlichen Kulturträger. Nach dem Kriege, nachdem es ein Großrumänien gibt, dem auch die Bukowina einverleibt wurde, liest man es freilich anders. Seitdem heißt es in gewissen, besonders in jugendlichen deutschen Kreisen deutsch empfinden sei deutsch arisch empfinden, und damit rechnen die erwachenden Czernowitzer, wenn sie sich als Rattenfänger für die christliche Einheitsfront gehoben. Auf große Gegenliebe stoßen sie allerdings nicht, denn die Deutschen Neurumäniens verwinden es nur schwer, daß sie regierungsseitig vielfach drangsaliert werden und die rumänische Regierung ist nicht christlich im Sinne der Erwachenden. Sie betrachtet unseres Dafürhaltens die Juden als verläßliche Elemente und dürfte sonach wenig auf Seite der Einheitsfront stehen, die aus den mißvergnügten Nationalakademischen, beziehungsweise Deutschnationalen Zuzug nimmt. Ein jüdischer Antisemit. Es gibt bekanntlich auch solche Käuze, die zu den widerlichsten Erscheinungen in Gottes großem Tiergarten zählen, denn kein Vogel beschmutzt sein eigenes Nest und niemals wütet Art gegen Art. Was arische Judenfeinde mit ihrer Rasse begründen und rechtfertigen, erfüllt be: einem Jndividium wie Arthur Trebitsch, der bereits früher seine StamMesgenossen in Wien auf jede Art besudelte und später, die günstige Konjunktur wahrnehmend, seine Heldentaten nach Berlin verlegte, mit Abscheu. Dort fiel er den Schriftsteller Dr. Falb mit der Verleumdung an, dieser arbeite im Dienste der Weisen von Zion. Dr. Falb klagte hierauf den Trebitsch und dieser beschuldigte m seiner Verantwortung das Gericht als „jämmerlich und von jüdischen Geist erfüllt". Das Verfahren endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu 50.000 Mark Geldstrafe, wobei es fraglich ist, ob diese leichte Strafe wegen der Beleidigung des Dr!. Falb oder des löblichen Gerichtes verhängt wurde. Der Vorsitzende meinte nämlich, Trebitsch habe sich in seinem Ideen verrannt und sei in dieser Beziehung pathologisch. Diese Erkenntnis stützte sich nicht etwa auf ein Gutachten der Gerichtspsychiater, sondern auf persönliches Empfinden. Es gibt noch Richter in Berlin, sogar „gute Richter", die, wenn sie über eine an Juden begangene Ehrenbeleidigung ihr Urteil sprechen sollen, den pathologischen Zustand des Beklagten als Strafmilderungsgrund herausfinden. Der beschränkte Laienverstand allerdings wird sich in diesem Falle nicht zurecht finden können. Ist ein Beklagter nicht Herr seiner Handlungen, so erscheint dies als Strafausschließungsgrund; ist er zurechnungsfähig, dann muß die Strenge des Gesetzes walten. Denn pathologisch sind ja alle, die sich in ihren Ideen des Judenhasses verrannt haben. Aus den Kreisen der Desperados. Durch die für die große Oefsentlichkeit überraschende Festnahme des nationalsozialistischen Rädelsführers Roßbach und mehrerer seiner Komplizen wurde im letzten Augenblicke eine unabsehbare Gefahr abgewendet, die dem deutschen Reiche und Volke alle Schrecken des Bürgerkrieges gebracht hätte!. Noch sind, mit Rücksicht auf die schwebende Untersuchung gegen die Hochverräter nicht alle Einzelheiten des verhinderten Staatsverbrechens bekannt, aber nach alldem, was bisher verlautbart wurde, hat die wohlorganisierte Bande ihre Netze über alle Teile Deutschlands gespannt, und die reichen Mittel zum Feldzug gegen die Republick nicht bloß von den monarchistisch gesinnten Großindustriellen und ostelbischen Junkern erhalten, sondern auch seitens des französichsen Kriegsfonds, der augenblicklich der Vergewaltigung des Ruhrgebiets dient. An die Höhe der Gesinnungsstärke dieser in Wirklichkeit „vaterlandslosen Gesellen" reicht kein Wort des Schimpfes und der Verachtung heran. Die Sprache aber versagt aber vollends bei dem Versuche, diesen Ludendorff zu kennzeichnen, der als unfähiger Chef des Generalstabs im Weltkriege nichts vermochte und als Generalstäbler der Hakenkreuzlergarden die Scharte - auswetzen möchte. Ludendorff als Höchstkommandierender der deutschen Desperados hat aber auch hier kein Glück, und es wäre ausgleichende Gerechtigkeit, wenn mit diesem Menschen kurzer, aber radikaler Prozeß gemacht würde. Dintereien. In seinem neuesten Schand- und Schundroman „Die Sünde wider die Liebe" läßt Dinter, nur um dem Titel zu entsprechen, auf einem Friedhof der Religion der Nächstenliebe seinen Helden folgenden Haßgesang anstimmen: „Löhne und Tarife können euch überhaupt nicht