Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Die Wahrheit Seite 11 gesitteten Welt kein Widerspruch. So sieht in Wahrheit das berühmte „Weltgewissen" aus! Pünktlich haben die polnischen Studenten in Warschau die Nachricht von der wirklich erfolgten oder angeblichen Hinrichtung des Prälaten Budkiewicz mit einem wilden Angriff auf das Warschauer Judenviertel beantwortet, wobei zahlreiche Juden schwer verwundet und viele Geschäftsläden ausgeplündert worden sind. Wir sind begierig, wie das „Weltgewissen" auf diese Gewalttat reagieren wird. Ein katholischer Priester über die Unvereinbarkeit des Christentums mit dem Antisemitismus. Die „C. V. Zeitung" veröffentlicht ein Schreiben des Kaplan M urawski in Egeln über den neuen antisemitischen Roman Artur Dinter's: „Die Sünde wider die Liebe". Das Schreiben kennzeichnet das Buch als literarisch wertlos, wendet sich jedoch scharf gegen dessen Tendenz. Es weist dem Verfasser zahlreiche bewußte Unwahrheiten und Verfälschungen nach und bemerkt, daß der von D i n t e r gepredigte Haß gegen die Juden und gegen alles, was vielleicht jüdisch sein könnte, pathologisch zu bewerten fei. Kaplan Murawski schließt seine Ausführungen mit folgenden, insbesondere in Oesterreich sehr bemerkenswerten Sätzen: „Ich will es an dieser Stelle als katholischer Priester, gerade weil Dinter sich noch einen Katholiken nennt, offen aussprechen: katholisches Christentum und Antisemitismus vertra gen sich nicht! Man mag gegen einzelne Juden noch so viel einzuwenden haben, niemals hat man das Recht die Juden zu hassen und zu verfolgen, denn vor Gott gilt nicht die Abstammung — er hat ja alle Menschen geschaffen —, sondern das Herz und das ist bei manchen Juden besser als bei dem Arier Dinter. Wir als Katholiken müssen es energisch ablehnen, in irgendeiner Form mit dem Antisemitismus in Verbindung gebracht zu werden. Wir halten es trotz aller Dinterschen Experimente als eine geoffenbarte Wahrheit fest, daß Gott das Volk Israel auserwühlt hat, daß aus diesem Volke Christus hervorging. Wir verdammen die Dinterschen Ausfälle gegen Jahve als g r e uliche Gotteslästerung, wir bekennen mit den Juden Jahve als den wahren Gott, hochgelobt in Ewigkeit! Wir betrachten auch das alte Testament als Gottes Offenbarung in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen; ja gerade das Alte Testament ist für die heutige Zeit von Bedeutung; es erinnert immer wieder daran, daß Gott als der Schöpfer auch der absolute Herr der Geschöpfe ist, daß also die Religion für die Verbindung des Menschen mit Gott von Gott bestimmt und angeordnet, nicht aber von Menschen, dem Sklaven Gottes, gemacht wird. Wir lehnen schließlich Dinters „Geisteslehre" als w ü st e n Aberglaube nab; sie ist eine neue Bestätigung des Satzes: Wo der Glaube weicht, zieht der Aberglaube ein!" Mitteilungen aus dem Zentralvorstand. Für unseren Preßsond sind weiters eingegangen: Von Herrn Rudolf Kraus Wien K 20.000.—, von Herrn Wilhelm Rechnitz Wien K 15.000.—, von Herrn Karl Klein durch Alfr. Moser, Mödling K 100.000.—■. Wir bitten dringend um weitere Zuwendungen! Für unseren Aktionsfonds sind eingegangen von R. T. K 100.000.—. Wahrheiten vom Tage. | Das Lämmchen Walther Kellerbauer. So ist der Name des Schriftleiters „Deutscher Volkswille", Nürnberg. Dieser angebliche Wille des Volkes ist nach bekanntem Miesbacher Vorbild auf Ausrottung der Juden gerichtet. Wenn es mit den Waffen der Lüge, Verleumdung und Fälschung ginge, deren sich dieses Blatt von der ersten bis zur letzten Zeile bedient, wäre Bayern gewiß schon judenfrei. Walther Kellerbauer kann aber auch anders: kann das unschuldige Lämmchen spielen und über Konfessionshetze klagen, wenn ein anderes Blatt, beispielsweise die Bayer. Volkszeitung nicht in den Blut-Haßgesang einstimmen will. Der „D. V." Kellerbauers will „das wahre Christ entum" vertreten. Wir möchten dem Mann empfehlen, den an anderer Stelle auszugsweise zitierten Brief des Kaplans Murawsky an Dr. Rieger über solche Christen zu lesen. Die Leiden der bayrischen Judenheit. Am Dienstag, den 20. März erschien eine Abordnung der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern beim Ministerpräsidenten von Knilling und erhob Beschwerde wegen des mangelhaften Schutzes, den die bayrischen Juden bei den Behörden angesichts der sich häufenden Terrorakte finden. Die Abordnung wies auf die Beschimpfung der Juden und ihrer Gotteshäuser und auf den Leben und E-igentum bedrohenden Zustand hin und erklärte es als unerhörte Beleidigung, daß in Versammlungen und in der Presse die Juden und Deutschlands Feinde als innerlich zusammengehörig und voneinander abhängig bezeichnet würden. In einer gleichzeitig überreichten Eingabe wird der Rechtsschutz der Behörden gegen das gewalttätige und aufreizende Vorgehen nationalsozialistischer und völkischer Kreise verlangt. Dabei wird auf die Ausführungen eines nationalsozialistischen Versammlungsredners wegen Internierung der Juden als | Entente-Geiseln hingewiesen, die eine unerhörte Beleidi- I gung und Schmähung der Juden seien, und es wird gesagt: „Die jüdische Bevölkerung in Bayern ist nicht gewillt, diese tiefste Kränkung ihrer vaterländischen Ehre hinzunehmen und ein Verhalten länger zu ertragen, das zur Aufhebung der persönlichen Freiheit und zu öffentlicher Gewalttätigkeit notwendig führen muß und in zahlreichen Fällen schon geführt hat. Sie wendet sich darum an die Staatsregierung, daß sie einem solchen Vorgehen Einhalt tue und der jüdischen Bevölkerung den in der Verfassung verbürgten Rechtsschutz angedeihen lasse." Nach emer halbamtlichen Mitteilung hat Ministerpräsident Dr. v. Knilling „die Ausführungen der Abordnung in längerem Empfang mit Interesse und Wohlwollen entgegengenommen". Minister als Erzieher. Bon befreundeter Seite wird uns geschrieben: Das Scharmützel der Hakenkreuzzügler am Ostersonntag ist in mehrfacher Weise belehrsam. Es zeigt, daß die wehrhaften deutschen Männer nach der vorgeschriebenen Taktik ihrer Brüder im Reiche zu Werke gehen. Es gibt hier wie dort Abteilungen, die nur von Fall zu Fall Schrecken verbreiten müssen, mißliebige Theatervorstellungen, Vorträge und Versammlungen zu sprengen und auf Geheiß mit Stoßtruppen einzugreifen haben. Sie erhalten nicht nur ihre Direktiven, sondern auch ihre Führer von draußen. Sowie es im Kriege vorgekommen ist, daß der Generalstabschef Ludendorff den schlappen Oesterreichern preußische Truppenkommandanten schickte, so hält er es auch im Hakenkreuzkrieg. Der Feldhauptmann