Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1923
- Issue
- Heft 8 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Die WaHrHeiL Nr. 8 Aus unserem Rechtsschutz- «. Äbwehrbüro. Das Hakenkreuz im Salzkammergut. Aus Gmunden wird uns berichtet, daß daselbst ständige jüdische Einwohner in gehässigster Weise angerempelt und angestänkert werden. Insbesondere sollen sich Staatsbeamte in antisemitischen Ausfällen überbieten. So soll im Postamte ein Beamter, namens Staudinger, öffentlich das Hakenkreuz, das ja nach einer Erklärung des Führers der nationalsozialistischen Partei, Dr. Riehl, ein Symbol der antisemitischen Gesinnung ist, tragen. Gmunden iü eine der beliebtesten Sommerfrischen des Salzkammergutes, in welcher auch zahlreiche Wiener jüdische Familien seit Jahren ihren regelmäßigen Aufenthalt nehmen. Diese Besucher würden gut daran tun, ihr Geld in anderen, nicht antisemitisch verseuchten Plätzen anzulegen. Die Kurkommission aber sollte sich ernstlich mit der Frage befassen, ob es der Würde und dem Ansehen eines Kurortes entspricht, daß daselbst jüdische Kur- und Sommergäste Gefahr laufen, von hakenkreuzlerischen Burschen angeflegelt zu werden. Die Osterschlacht am Exelberg. Jede Tragödie hat auch ihr Satyrspiel! Den grausigen Ereignissen des Weltkrieges folgt nun die skurrile Soldatenspielerei unserer Frontkämpfer und Hakenkreuzler. Am Ostermontag sind sie ausgerückt, um im offenen Gelände Manöver abzuhalten, und sind dabei mit Gummiknütteln und Revolvern auf Arbeiter losgegangen. Es wurde eine veritable Schlacht abgeführt, bei welcher harmlose Spaziergänger in Lebensgefahr gerieten. Nach den Ueberfällen und blutigen Verprügelungen des Publikums in Vortrags- und Konzertsälen ist es nunmehr an den Hängen des Wienerwaldes zu einer lustigen Schießerei gekommen, bei welcher der Führer der Hakenkreuzler die menschenfreundliche Parole ausgab, einen gefangen genommenen Arbeiter „niederzumachen". Man sieht, daß der alte Gassenhauer-Refrain: „Sehn's, so heiter is' in unserm lieben Wien" noch immer seine Geltung hat. Aber die Sache hat auch ihre ernste Seite. Diesmal ist es „nur" gegen Arbeiter gegangen, nach der Mentalität der völkischen Helden kann es aber nächstens, und zwar in verschärftem Maße und nicht im offenen Gelände, sondern in den Straßen der Stadt, gegen die Juden gehen. Und nun die Frage: Woher haben diese jungen Herrchen das Geld und die Waffen zu ihren gefährlichen Kriegsübungen? Und was tun Regierung und Polizei gegen solchen Unfug? Die Polizei ist diesmal zu spät gekommen, wie schon früher einmal beim Vortrage von Magnus Hirschfeld; sie kann auch nächstens wieder zu spät kommen. Aber es gibt doch um des Himmels Willen ein sehr einfaches Mittel, um den mörderischen „Manövern" dieser edlen Recken ein Ende zu machen. Die Hakenkreuzler sind gar nicht so tapfer, als sie sich den Anschein geben wollen. Als na chder jüdischen Protestversammlung im Rathause eine Handvoll Demonstranten herausgegriffen und der polizeilichen Bestrafung zugeführt wurde, hat die blöde Plakatiererei und haben die Überfälle auf politische Gegner mit einem Schlage aufgehört. Wir bitten um Anwendung desselben Verfahrens auch gegen die Kriegsübungen. Es bedarf dazu gar keiner besonderen Schutzgesetze. Der § 335 St.-G., welcher jede Handlung und Unterlassung, die geeignet ist, eine Gefahr für das Leben, die Gesundheit oder körperliche Sicherheit von Menschen herbeizuführen oder zu vergrößern, mit Arrest von einem bis sechs Monaten belegt, ist dazu vollkommen ausreichend. Im übrigen würden wir der Polizei empfehlen, sich doch etwas eingehender um die Waffen in den vorschiedenen Heerlagern zu bekümmern. In der nationalsozialistischen „Arbeiterpresse" kündigt der Kommandant der hakenkreuzlerischen Sturmtruppen, namens Lechner, für Sonntag, den 15. April eine neuerliche bewaffnete „Felddienstübung" an, gegen welche auch die Arbeiter ihrerseits bewaffnet ausrücken wollen. Das mögen die beiden Parteien unter sich ausmachen. Wenn aber dann noch ein Herr M ü l l e r in der „Arbeiterpresse" mit einem Judenpogrom droht für den Fall, als einem Hakenkreuzler ein Haar gekrümmt werden sollte, so ist das eine Unverschämtheit, welche wir abzuwehren wissen werden. Man braucht ja die Großsprechereien dieser Leute nicht allzu tragisch zu nehmen aber wenn sie ihre Raufereien auf dem Rücken der Juden austragen wollen, so werden sie sehr bald erkennen, wie falsch ihre Rechnung ist. Das "Wettgewissen" ist erwacht. Gegen das Todesurteil, welches die russische Sowjetregierung üb,er zwei katholische Priester, den Bischof C i e p l a k und den Prälaten Budkiewicz fällen ließ, hat sich ein Proteststurm in der ganzen Welt erhoben. Die genannten Priester werden beschuldigt, daß sie in Ausübung ihres heiligen Amtes gegen die griechisch-orthodoxe Kirche aufgetreten seien. Das Todesurteil ist eine Barberei, welche mit Recht nicht nur die katholische Welt, sondern jeden menschlich Empfindenden erregen muß. Diese Erregung hat sich insbesondere in dem frommgläubigen Polen zur höchsten Entrüstung gesteigert. Auch der päpstliche Stuhl ist eingeschritten und die französische „Liga der Menschenrechte" ist gegen die Vollstreckung des Urteils in Moskau vorstellig geworden. Man darf sich dieser Solidarität der Menschlichkeit herzlich freuen und auch die Juden der ganzen Welt nehmen' an dieser Solidarität teil. Aber man darf wohl fragen, wo das Weltgewissen und die Humanität geblieben sind, als schon lange nach dem Kriege die Soldateska des polnischen Generals H a l l e r in Lemberg und die Horden des ukrainischen Generals Peltjura in Wolhynien Hunderte, ja Tausende unschuldiger und wehrloser Juden ohne Gerichtsverfahren hinmordeten. Die „Liga der Menschenrechte" blieb damals stumm und die päpstliche Kurie hat nicht eingegriffen. Das Leben der beiden katholischen Prälaten in Sowjetrußland ist gewiß kostbar und das Todesurteil über sie ist eine unmenschliche Niederträchtigkeit. Aber ist nicht jedes Menschenleben, das grundlos hingeschlachtet wird, ebenso kostbar und hätte die Welt nicht aufschreien müssen, als blutiger Haß und nationale Leidenschaft ohne jede Veranlassung Tausende jüdischer Menschenleben hingeopfert hat? Und mit dieser Frage stehen wir noch! nicht am Ende der Betrachtungen, welche der Moskauer Justizmord auslöst. Ganz Mitteleuropa wird gegenwärtig von einem nationalistischen Wahnsinn geschüttelt, welcher sich vor allem gegen die jüdische Bevölkerung richtet. Die völkischen Organisationen in Norddeutschland, die Hitlerleute in Bayern und die Hakenkreuzler in Oesterreich wollen die Herrlichkeit des deutschen Reiches auf Hekatomben von Judenleichen aufrichten. Zuerst, heißt es, muß der „innere Feind" beseitigt werden, und dann erst werde es gegen den „äußeren Feind" gehen. Roheit und Vandalismus, Blutdurst und Grausamkeit sind die Triebe, von welchen die nationalistische Bewegung in' Oesterreich und Deutschland geleitetwird, und durch Lüge und Verleumdung soll der Vorwand zur Hinmordung der Juden geschaffen werden. Um die Schuld für die Niederlage im Kriege von sich abzuwälzen, erheben die deutschen Generäle unter Führung Ludendorff's und die österreichischen Generäle nuter Führung Alfred Kraus' gegen die Juden den Vorwurf, daß sie den Weltkrieg und seinen traurigen Ausgang verschuldet haben. Dagegen regt sich in der ganzen